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Talentscout Schule „Wir baggern und buddeln nach Talenten“

Ob Schüler spaäter studieren oder eine Ausbildung machen, ist oft keine leichte Entscheidung. Manche Schüler sind sich ihrer Fähigkeiten auch nicht bewusst. Der Talentscout Suat Yilmaz über Potenziale von Nichtakademikerkindern und sein Verständnis einer Bildungselite.

Viele Schüler, sagt Suat Yilmaz, kämen von alleine „gar nicht auf die Idee, dass sie ein Talent haben, auch wenn die Noten gut sind“. Foto: imago stock&people

Herr Yilmaz, wie findet man ein Talent?
Es bringt nichts, bloß Flyer zu verteilen und zu warten, dass die Kids zu uns kommen. Wir sind vor Ort in den Schulen, wir baggern, buddeln und graben nach diesen jungen Menschen. Die Talente suchen wir zusammen mit den Lehrern unserer acht Partnerschulen im Ruhrgebiet. Sie filtern vor, geben mir Hinweise auf Schüler, die vielleicht von den Noten her gar nicht so positiv auffallen oder wo sie sagen, da stimmt was mit der Motivation nicht, aber der hat das Potenzial.

Wie entscheiden Sie dann, wen Sie fördern?
In den Schulen führe ich pro Beratungstag individuelle Aufnahmegespräche mit etwa zehn Schülern. Ich schreibe mir ein paar Eindrücke auf – die Noten, was das für eine Person ist, den Hintergrund. Dann habe ich ungefähr ein Bild von diesem jungen Menschen und stimme das mit dem Lehrer ab. Der Schüler kriegt eine Karte von mir mit der Aufforderung, mir eine Mail zu schreiben. Wenn er diese Mail nicht schreibt, ist er automatisch raus. Wir wollen, dass die Schüler selber aktiv werden. Ein Schritt vom Schüler, zwei Schritte von uns. Über 80 Prozent melden sich. Und jeder, der sich meldet und sagt, ich möchte vorankommen, wird von uns gefördert.

Mit welchen Fragen wenden sich die Schüler an Sie?
Den meisten bereitet das Finanzielle große Sorgen. Wenn Sie 16, 17 Jahre alt sind und die Entscheidung treffen müssen, zu studieren, ist das für einen jungen Menschen, der niemanden in seinem Umfeld hat, der diesen Weg gegangen ist, eine große Hürde. Neben den harten Fakten, wie man Bafög beantragt oder sich für ein Stipendium bewirbt, spielt die emotionale Ebene eine große Rolle: Schaffe ich es, habe ich überhaupt das Zeug dazu? Wenn Erfolg nicht zum Standard ihres Umfelds gehört, wie wollen Sie die Fantasie haben, es zu können? Oft sind das junge Menschen, die von alleine gar nicht auf die Idee kommen, dass sie ein Talent haben, auch wenn die Noten gut sind.

Ist es schwieriger, die Schüler zu überzeugen oder die Eltern?
Klar haben Sie Eltern, übrigens oft aus der Mittelschicht, die selber einen erfolgreichen Weg gegangen sind ohne Studium und nicht einsehen, warum die Tochter Wirtschaft studieren möchte, statt eine Ausbildung zu machen. Man kennt diesen akademischen Weg nicht und traut es dem Kind auch nicht zu. Da ist es sehr wirkungsvoll, wenn wir die Eltern zu einem Gespräch oder Rundgang an die Hochschule einladen. Das ist gar nicht so schwierig, aber man muss sich Zeit nehmen. Es ist oft schwieriger, die Leute im Regelsystem zu überzeugen.

Wie meinen Sie das?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn in einer Schule mit 3000 Schülern in einem Jahrgang zehn ihren Abschluss mit 1,5 gemacht haben, frage ich mich, warum niemand für ein Stipendium vorgeschlagen wird. Das ist keine Bösartigkeit, aber man hat es einfach nicht auf dem Schirm, dass man junge Menschen vorschlägt, dass man Erfolg sichtbar macht.

Wie definieren Sie Erfolg?
Wenn ich das Wort Elite nur in den Mund nehme, werde ich verprügelt. Aber wissen Sie, wer für mich zur Bildungselite gehört? Ich spiele mal mit Klischees: Ein junges Mädchen aus dem Essener Norden, arabischer Familienhintergrund, sechs jüngere Geschwister. Dieses Mädchen geht nach der Schule nach Hause, muss putzen, kochen, sich um die Familie kümmern, und macht trotzdem ein Abitur mit 2,2. Dann sage ich ganz deutlich: dieses Mädchen gehört für mich zur Bildungselite, sie ist ein Talent, eine Leistungsträgerin. Aber unser System nimmt sowas oft nicht wahr. Man setzt die Leistung dieses Mädchens nicht in ihren Lebenskontext.

Welches Interesse verfolgt Ihre Hochschule mit der Talentförderung? Kommen die Talente alle als Studierende zu Ihnen?
Als staatliche Hochschule haben wir den Auftrag, Fachkräfte in der Region zu sichern. Nichtakademikerkinder bilden hier die Mehrheit, wir haben eine Verantwortung ihnen gegenüber. Wir müssen sie stärker adressieren und auch dafür sorgen, dass sie erfolgreicher studieren. Es geht nicht nur darum, ob sie zu uns kommen oder woanders hin – viele landen gar nicht bei uns – sondern sie müssen auch das Studium erfolgreich abschließen. Deshalb sagen wir: Einsteigen, durchsteigen, aufsteigen – das Einsteigen ist nur eine Phase.

Folgen andere Hochschulen Ihrem Vorbild?
Ja, die Hochschulen öffnen sich dem Thema. Die meisten Hochschulen sind noch ausgelastet, wissen aber genau, das wird sich ändern. Im Osten haben sie schon ein Nachwuchsproblem und müssen sich ganz anders bewegen, damit sie überhaupt noch Studierende kriegen. Das wird uns auch blühen, also müssen wir Instrumente entwickeln, die Potenziale effektiver zu finden und auszuschöpfen. Ich glaube fest daran, dass diese Form der Talentförderung ein Regelinstrument jeder Hochschule sein wird.

Welche Rolle spielt Ihre eigene Biografie bei Ihrer Talentsuche?
Ich bin ein Überzeugungstäter, weil meine Biografie mir eines deutlich gemacht hat: wenn nicht zwei Personen die Verantwortung für mich übernommen hätten, wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin. Mein Rektor und meine Klassenlehrerin haben meine Eltern zur Seite gezogen und gesagt: Ihr Sohn ist zwar auf einer Hauptschule, der wurde abgeschult vom Gymnasium, aber wir haben gesehen, dass er mehr kann. Der Junge hat ein Talent. Können Sie sich vorstellen, was das für einen Effekt hatte? Mein Vater ist strahlend nach Hause gekommen und hat auf einmal an mich geglaubt. Meine Eltern sind Grundschulabsolventen. Als ich abgeschult wurde, war klar, der Junge wird Arbeiter und damit ist gut. Aber dieser Termin mit dem Rektor hat zu einer Kulturveränderung in unserer Familie geführt. Von dem Zeitpunkt an habe ich die Unterstützung meiner Familie gehabt und habe selber an mich geglaubt. Das hat mich getragen. Deswegen sage ich jedem Lehrer: achten Sie auf das, was Sie ihren Schülern sagen. Jeder Satz kann einen jungen Menschen beflügeln oder ihm die Flügel stutzen.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

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