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Schule Gutes Abitur bedeutet nicht gute Schule

Beim Ranking schneiden viele Hamburger Stadtteilschulen wesentlich besser ab als so manches Gymnaisum.

21.01.2014 13:32
Von Peter Struck
Foto: dpa

Vor einigen Wochen veröffentlichten die Hamburger Zeitungen den Brief einer Grundschullehrerin an die Eltern ihrer Erstklässler mit dem Vorwurf, die meisten Kinder ihrer Klasse seien zu schlecht erzogen, um mit ihnen relativ störungsfrei die Kunsthalle besuchen zu können. In der Folge erschienen täglich zahlreiche Leserbriefe, in denen mehrheitlich der Lehrerin zugestimmt wurde; in wenigen Fällen wurde die Schuld der vermeintlich „nicht guten“ Lehrerin gegeben: Sie habe sich vielleicht nicht so verhalten, dass die Kleinen von Anfang an spüren konnten, an dieser Pädagogin nicht vorbei zu kommen; gelegentlich war aber auch zu lesen, man dürfe eben nicht mit erst Sechsjährigen in eine Gemäldesammlung gehen.

Nun, die Klage, dass die „heutige Jugend“ schlecht erzogen sei, wurde schon bei den alten Griechen laut, und längst wissen wir, dass Kinder heute nicht schlechter, aber im Zuge einer veränderten Gesellschaft und vor dem Hintergrund des „Familienzerfalls“ sowie massiver Medieneinflüsse anders als in früheren Zeiten sind, deshalb ganz anders lernen und deshalb auch ganz anders erzogen werden müssen.

Berlin, Bremen und Hamburg schneiden als die drei Stadtstaaten bei innerdeutschen Ländervergleichsstudien stets schlechter ab als die Flächenländer, wenn es um Schulleistungen geht. Dieser Umstand hat Hamburg schon vor Jahren bewogen, häufiger als sämtliche anderen Bundesländer seine Schulen immer wieder in Bezug auf Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermessen, und zwar nicht nur mit den üblichen IGLU-, PISA- und TIMSS-Tests, sondern auch mit eigenen LAU- und KESS-Studien, die regemäßig die Klassenstufen drei, fünf, sieben, neun und elf und nun sogar die Abiturienten überprüfen. Aktuell geht es dabei um die Studierfähigkeit. Gleichzeitig sind Pflichtdiktate für alle Alterstufen angeordnet worden, mit dem Ziel, dass jeder Schüler mindestens 400 Wörter richtig schreiben kann.

Die Ergebnisse all dieser Studien sind dann jeweils ein „gefundenes Fressen“ nicht nur für die Zeitungen, sondern auch für die Oppositionsparteien, egal welche Partei gerade in der Regierung sitzt. Grundsätzlich wird den jeweils Verantwortlichen dann „Versagen“ vorgeworfen, obwohl doch gleichzeitig jeder Kritiker weiß, dass die drei deutschen Stadtstaaten den höchsten Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund zu verkraften haben. Kein anderes Bundesland gibt pro Schülerkopf so viel Geld für Schulen aus wie Hamburg, aber die gemessenen Leistungen liegen weit hinter Sachsen, Thüringen und Bayern zurück. Andererseits machen in Hamburg bereits 51,7 Prozent aller Schüler eines Geburtsjahrgans Abitur (in Stuttgart sind es sogar 54,7 Prozent), und die Tendenz ist in allen deutschen Großstädten rasant steigend.

Daraus wird dann oft direkt geschlossen, dass das Anspruchsniveau der Gymnasien gesunken sein muss. Bayern produziert nämlich von allen 16 deutschen Bundesländern die niedrigste Quote an Schülern mit Hochschulreife, die deshalb natürlicherweise zugleich die leistungsstärksten sind. Und in der Tat scheitern mit dem Anwachsen der Zahl junger Menschen mit Hochschulreife immer mehr an den Anforderungen der Hochschulen. Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe wehrt sich allerdings dagegen mit dem Satz: „Alle wissenschaftlichen Studien zeigen, dass das Abitur in den letzten dreizehn Jahren nicht leichter geworden ist“.

Nach meiner Erfahrung scheitern die meisten Studienabbrecher nicht an ihrer Studierfähigkeit, sondern an ihrem Lebenswandel oder an ihrer Erkenntnis, dass ein akademischer Abschluss heute nicht mehr ein Muss auf dem Weg zur sozialen Anerkennung ist, sondern dass man auch als Veranstaltungsmanager, als Betreiber eines Cafés oder als Gründer einer Surfschule im Ausland „gute Kohle machen“ und damit Ansehen gewinnen kann. So wie heute nicht mehr das Auto die Nummer Eins aller Statussymbole ist, sondern eher so etwas wie eine hohe Computerkompetenz und der Besitz eines Smartphones, so ist zwar noch bei Eltern das Wichtigste das Abitur ihres Kindes (55 Prozent in Hamburg), aber nicht mehr unbedingt bei ihrem Nachwuchs.

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Bedeutung von sozialem Hintergrund und Bildungsgrad der Eltern

Jedenfalls hat die Hamburger Schulbehörde nun ein Ranking von 96 Gymnasien und Stadtteilschulen erstellt, die zum Abitur führen. Die Gymnasien bieten mehrheitlich das Abitur am Ende der Klasse zwölf an, die Stadtteilschulen (entsprechen Integrierten Gesamtschulen) am Ende der Klasse dreizehn. Klar ist, dass ganz oben vor allem Gymnasien rangieren. Spitzenreiter ist die Helene-Lange-Schule im Stadtteil Eimsbüttel mit einer Abiturdurchschnittsnote von 1,93. Schlusslicht ist die Stadtteilschule Finkenwerder mit 2,97. Guckt man allerdings genauer hin, schneiden viele Stadtteilschulen wesentlich besser ab als so manches Gymnasium. Die Max-Brauer-Stadtteilschule, die ja auch bundesweit immer wieder herausragt, liegt mit ihrem hohen pädagogischen Engagement und sehr erfolgreichen Lernstrategien (morgens Üben und Anwenden, nachmittags kognitives Einführen und ständiger Wechsel von Anspannung und Entspannung beim Lernen) in einem „sozialen Brennpunkt“ und beherbergt viele haupt- und realschulempfohlene Schüler, Förderschüler und Schüler mit Migrationshintergrund; sie schneidet deutlich besser ab als das Gymnasium Alstertal, das in einem Villenvorort mit gutbetuchten Bürgern liegt.

Nach Auffassung der Oppositionsparteien CDU und FDP spricht das etwas schwächere Abschneiden der Stadtteilschulen für die Überlegenheit der Gymnasien. Schulsenator Rabe weist jedoch mit Recht darauf hin, das könne man auch genau umgekehrt sehen: Wenn 80 Prozent der Gymnasiasten am Ende der Klasse vier eine Gymnasialempfehlung hatten, aber nur zehn bis 15 Prozent der Stadtteilschüler, spricht das für ein ungemein erfolgreiches pädagogisches Arbeiten der Stadtteilschulen; sie bringen nämlich deutlich mehr haupt- und realschulempfohlene Schüler zur Hochschulreife als die Gymnasien.

Seit nunmehr dreizehn Jahren gibt es Schüler- und Schulleistungsvergleichsstudien in Deutschland, mit denen durchweg „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden. In einem Aspekt, der über all diesen Rankings steht, sind sich aber alle Bildungswissenschaftler, Politiker und Journalisten einig: Die Leistungsfähigkeit und der Bildungserfolg der Schüler hängen im wesentlichen von ihrem sozialen Hintergrund und dem Bildungsgrad ihrer Eltern ab. Unser Schulsystem reproduziert vor allem die häuslichen Förderungsmöglichkeiten, und sei es über Nachhilfe oder eine teure Internatsunterbringung. Was jedoch das aktuelle Hamburger Ranking der weiterführenden Schulen offenbart, ist, was auch schon in Schleswig-Holstein, Hessen und Nordrhein-Westfalen festgestellt wurde: Wenn eine Schulform überhaupt die Herkunftsbenachteiligung einzelner Schüler zu überwinden vermag, dann diejenige, die je nach Bundesland entweder Integrierte Gesamtschule oder Gemeinschaftsschule oder eben Stadtteilschule heißt, vor allem wenn sie als rhythmisierte gebundene Ganztagsschule vorgeht und nicht erst mit Klasse fünf beginnt, sondern schon mit Klasse eins oder gar mit der Vorschule.

Denn wie sagt man beim PISA-Weltmeister Finnland? „Auf den Anfang kommt es an, wenn Bildung gelingen soll“. Und wie sagt man im Land des IGLU- und TIMSS-Gewinners Schweden? „Der Bildungsgrad eines Volkes entscheidet sich nicht in der Leistungsspitze, sondern in der Leistungsbreite“. Wenn ein paar unserer besten Abiturienten wegen der Rücksicht auf die gleichzeitige Förderung etlicher irgendwie benachteiligter Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn etwas weniger wissen, dafür aber Vieles besser können, wird das mehr als wettgemacht durch die insgesamt erfreulich hohe Quote von Abiturienten mit heute etwa 50 Prozent eines Schülerjahrgangs im Vergleich zu 1961, als nur 6,5 Prozent zur Hochschulreife kamen.

Oder wie sagen die Finnen? „Unser Volk umfasst derart wenige Menschen, dass wir es uns überhaupt nicht leisten können, auch nur einen einzigen Schüler auf der Strecke zu lassen“.

Peter Struck (72) ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg.

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