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Beim Antlitz des Propheten

Eine dänische Zeitung ließ Mohammed von Karikaturisten zeichnen und handelte sich den erhofften Ärger ein

War es die Lust am Provozieren? Ein wichtiger Beitrag zur Meinungsfreiheit? Ein leicht durchschaubarer Versuch, wieder mal alle Moslems pauschal als "rückständig" abzustempeln? Jyllands-Posten, Dänemarks auflagenstärkste Zeitung und ein Sprachrohr des national-konservativen Lagers, ließ eine Reihe von Karikaturisten den Propheten Mohammed zeichnen, um zu sehen, wie die rund 170 000 in Dänemark lebenden Moslems reagieren würden.

Jetzt ist aus dem Lausbubenstreich eine Staatsaffäre geworden. Die Botschafter aus elf Ländern von der Türkei bis Iran, von Indonesien bis Ägypten und Bosnien-Herzegowina haben in einem Brief an den dänischen Premier Anders Fogh Rasmussen gegen die Verunglimpfung des Islam geklagt.

Begonnen hatte es mit einem Kinderbuch. Der als Islam-kritisch bekannte Autor Kåre Bluitgen musste seine Erzählung Der Koran und das Leben des Propheten Mohammed anonym illustrieren lassen, da sein Zeichner die Rache erboster Moslems fürchtete. Allah und seinen Sendboten abzubilden, ist nach islamischen Regeln streng verboten.

Die alten Klischees vom bärtigen Terroristen mit Krummsäbel

"Selbstzensur", schalt Jyllands-Posten und sah eine Tendenz. Hatte nicht auch ein Komiker bekannt, er wage nicht, in seinen Shows "den Islam anzupissen"? Hatte nicht ein Kunstmuseum ein Kunstwerk aus Angst vor muslimischen Reaktionen entfernt? Jyllands-Posten machte die Probe aufs Exempel und lud eine Reihe dänischer Zeichner ein, den Propheten zu karikieren. Zwölf sagten zu, und die Zeitung druckte ihre Einfälle, in denen teils die alten Klischees vom bärtigen Terroristen mit Krummsäbel und vermummten Frauen bedient wurden, teils selbstironisch Jyllands-Postens "PR-Gag" und die angebliche Angst der Zeichner auf die Schippe genommen wurden.

Dann geschah zunächst einmal gar nichts. Die meisten dänischen Moslems sind Moslems wie die Dänen Christen: nicht so, dass es weh tut. Viele lesen keine Zeitungen und wenn, dann kaum Jyllands-Posten. Gemäßigte Moslems klärten auf, dass die Gesetze des Islam natürlich nicht für Nichts-Moslems in einem nicht-islamischen Staat gälten, und dass die Zeichner daher nichts zu befürchten hätten. Nur ein verwirrter 17-Jähriger sandte der Redaktion eine "Todesdrohung".

Doch als Jyllands-Posten bei islamischen Organisationen nachzufragen begann, kamen die erhofften Reaktionen, die endlich die Schlagzeile: "Moslems fordern Entschuldigung" rechtfertigten und die vorbereitete Antwort: "Nicht im Traum", erwiderte Chefredakteur Carsten Juste. Rücksicht auf religiöse Gefühle zu fordern, sei "unvereinbar mit westlicher Demokratie und Meinungsfreiheit", schrieb die Gazette. "Hohn, Spott und lächerlich gemacht zu werden": darin müsse man sich finden.

Da wurde der Ton schärfer. 3000 aufgebrachte Moslems demonstrierten in Kopenhagen gegen die Zeitung, immer noch friedlich und demokratisch. Als der dänische Künstler-Provo Jens-Jørgen Thorsen in den siebziger Jahren das Sexleben des Jesus Christus verfilmen wollte, waren die Reaktionen genauso.

Lauwarme Solidaritätserklärungen

Doch dann deutete die Polizei die Lage als so bedrohlich, dass sie zwei der Karikaturisten riet, vorübergehend unterzutauchen und das Zeitungshaus unter Bewachung stellte. Enttäuscht klagte Jyllands-Posten über mangelnde Unterstützung der Kollegen in diesem "wichtigen Kampf für die Meinungsfreiheit". Die Antwort waren lauwarme Solidaritätserklärungen. Denn natürlich finden alle, dass Jyllands-Posten drucken durfte, was man druckte.

Doch war es nötig? "Wie ein Schüler, der "Pussi" auf die Tafel schreibt, um zu sehen, was die Lehrerin sagt", spottete Erik Bjerager, Chefredakteur von Kristeligt Dagblad. Selbst Niels Lunde von der konservativen Berlingske Tidende, die Jyllands-Posten sonst an Islamphobie nicht nachsteht, meinte, man müsse unterscheiden zwischen denen, die unverhofft in die Klemme kommen und denen, die bewusst herausfordern: "Wer eine Debatte provozieren will, muss auch die Konsequenzen tragen." Die Zeichnerin Gitte Skov erklärte, warum sie Jyllands-Postens Aufforderung nicht nachkam. "Das war eine Provokation um der Provokation willen. Man hätte mich genauso fragen können, ob ich wage, Jesus ein Horn auf die Stirn zu zeichnen. Natürlich wage ich das, aber wozu?"

"In einer offenen Gesellschaft müssen alle akzeptieren, kritisiert zu werden, Christen wie Moslems", sagte Bischof Karsten Nissen, "tut man dies jedoch nur, um den Moslems zu zeigen, dass sie sich zu fügen haben, dann kann man die Klugheit in Frage stellen." Hingegen sieht die kirchliche Rechte, die in der schrillen dänischen Einwandererdebatte den Ton angibt, die "verbotenen Zeichnungen" als weiteren Beweis für die Unterwerfung unter eine von den Moslems diktierte Tagesordnung: wie wenn man in Kindergärten kein Schweinefleisch mehr serviere oder in Badehallen Sonderschichten nur für Frauen einlege, damit Musliminnen ungestört schwimmen können.

"Warum schweigen sie diesmal?"

Inzwischen ufern die Proteste aus, und Jyllands-Posten kann nicht mehr kontrollieren, was man in Gang setzte. Schon werden im Internet neue Terrordrohungen gegen Dänemark verbreitet, von denen niemand wissen kann, wie ernsthaft sie sind. Anders Jerichow, der beste Nahost-Kenner der dänischen Presse, sieht sich an den Fall Rushdie erinnert, in dem auch eine religiös fundierte Stimmung aufgepeitscht wurde, obwohl keiner der Protestierenden die Satanischen Verse kannte. "Damals protestierten die westlichen Intellektuellen für Rushdie, warum schweigen sie diesmal?", fragt die rechte Theologin Katrine Winkel Holm und meint, die Antwort liege in der Angst vor Moslems.

Die elf Botschafter stellen in ihrem Brief an Rasmussen eine "generelle und äußerst diskriminierende Tendenz" fest, den Islam in Dänemark als Religion zu verleumden und warnen davor, dass dies "Reaktionen in muslimischen Ländern und unter muslimischen Gruppen" auslösen könne. Sie fordern den Premier auf, die "notwendigen Schritte zu unternehmen".

Keine Handhabe gegen Pamphlete

Gar nichts wird dieser tun: In einem Land, das soeben als weltbestes in Sachen Pressefreiheit gekürt wurde, und in dem selbst die Nazis ihr Lokalradio betreiben dürfen, gibt es keine Handhabe gegen auch noch so üble Pamphlete. Die Botschafter sollten lieber ihren Einfluss geltend machen, zu verhindern, dass aus einer "gleichgültigen Provokation ein neuer Fall Rushdie und aus einer Glut eine Explosion" werde, erwidert ihnen Jerichow in der linksliberalen Politiken.

Unter den zwölf von Jyllands-Posten veröffentlichten Karikaturen, war auch eine des Zeichners Lars Refn. Sein Mohammed ist nicht der Prophet, sondern ein Siebtklassler einer Kopenhagener Vorstadtschule vor einer Schultafel mit arabischen Schriftzeichen. Die versteckte, nur Arabisch-Kundigen deutbare Botschaft lautet: "Jyllands-Postens Redaktion ist eine Bande reaktionärer Provokateure."

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