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Argentinien Viele Frauen verbluten

Heimliche Abtreibungen sind der Grund für die hohe Müttersterblichkeit in Argentinien. Schätzungen zufolge werden etwa 40 Prozent aller Schwangerschaften abgebrochen - die allermeisten illegal.

Oft allein gelassen: Mütter und Kinder in Argentinien

Sie geht auf die Siebzig zu, da darf man sie getrost als alte Kämpferin bezeichnen. Doch sie wirkt genauso entschlossen, genauso zäh und oft auch genauso empört wie ihre jungen Mitstreiterinnen, die auch ihre Enkelinnen sein könnten. Und so nüchtern sie die argentinische Gesundheitspolitik analysiert, die sie seit Jahrzehnten verfolgt und zeitweise auch mitgestaltet hat, so verärgert ist sie über die Schlussfolgerung: „Wenn wir so weitermachen“, sagt Mabel Bianco, „erreichen wir das Millenniumsziel nie.“

Das fünfte der acht Ziele, zu dem sich die UN-Mitgliedstaaten vor zehn Jahren verpflichtet haben, sieht vor, die Sterblichkeitsrate von Müttern bis 2015 um drei Viertel zu senken. Außerdem, und das steht gleichrangig daneben, soll in dieser Frist allgemeiner Zugang zu „reproduktiver Gesundheit“ geschaffen werden. Also zu Verhütungsmitteln, etwas verkürzt gesagt.

Argentinien, so viel ist schon jetzt klar, wird dieses Ziel verfehlen. Pro 100.000 Lebendgeburten starben zu Jahrtausendbeginn 48 Mütter, und bis heute ist diese Zahl nur auf 40 gesenkt worden. In Chile oder Uruguay, also zwei vergleichbaren Nachbarländern, sind es 16, in Deutschland sieben.

Mabel Bianco ist Ärztin und Chefin der renommierten frauenpolitischen Stiftung FEIM. Seit Jahrzehnten führt sie einen beharrlichen Kampf für die Gesundheit der Frauen, für Familienplanung, für die Legalisierung der Abtreibung, für Aufklärungsunterricht in den Schulen, für eine offensive Aids-Politik – alles Themen, bei denen vergleichbare Länder viel weiter sind als das in solchen Dingen höchst konservative Argentinien. Und in manchen Gebieten scheint sich gar nichts zu ändern: Als Bianco in den 60er Jahren als junge Ärztin anfing, war Familienplanung in Argentinien schlicht verboten, und zwar ausdrücklich, um das dünn besiedelte Land zu bevölkern. Fast ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 2010, führt der Direktor einer großen Klinik in Buenos Aires immer noch genau dieses Argument gegen die Pille ins Feld.

„Der Hauptgrund für die Müttersterblichkeit in Argentinien sind die Abtreibungen“, erklärt die Ärztin. Über 30 Vorstöße zur Liberalisierung des Abtreibungsrechtes sind in den letzten Jahrzehnten unternommen worden, und obwohl sich 62 Prozent der Argentinier dafür aussprechen, sind bisher alle am erbitterten Widerstand der Kirche und am Desinteresse der Politiker gescheitert, die sich die Finger nicht verbrennen wollen.

„Die Folgen sind verheerend“, sagt Mabel Bianco. Schätzungen zufolge werden etwa 40 Prozent aller Schwangerschaften abgebrochen – fast eine halbe Million im Jahr. Da das Gesetz Abtreibungen nur in extremer Notlage wie bei unmittelbarer Gefahr für das Leben der Frau erlaubt, sind die allermeisten illegal. „Wer Geld hat, findet natürlich trotzdem leicht Ärzte, die den Abortus medizinisch optimal machen“, erläutert sie den brutalen Zusammenhang zwischen Reich und Arm und Leben und Tod. „Es sterben nur diejenigen, die diese Möglichkeit nicht haben.“ Von jeweils drei Frauen, die im Zusammenhang mit der Schwangerschaft ums Leben kommen, verblutet eine bei einer heimlich vorgenommenen Abtreibung, so die Schätzungen.

Die anhaltend hohe Müttersterblichkeit in Argentinien ist umso deprimierender, als der Zugang zu „reproduktiver Gesundheit“ – also der zweite Aspekt des fünften Millenniumsziels – gesetzlich deutlich besser geregelt ist als früher. „Als damals die ersten Fälle von Aids auftraten, gab uns das die Möglichkeit, endlich offen über dieses Thema zu reden“, erinnert sich Mabel Bianco, die zeitweise das Aids-Bekämpfungsprogramm ihres Landes geleitet hat. Seit ein paar Jahren hält der Staat Verhütungsmittel gratis bereits, seit 2006 ist in staatlichen Schulen der Aufklärungsunterricht Pflicht, generell ist das Klima liberaler geworden. Wichtige Schritte – aber warum bessert sich trotzdem so wenig?

Merlo in der Provinz Buenos Aires ist nur eine Autostunde vom eleganten Zentrum der Weltstadt entfernt, und dennoch gehört es zu einer anderen Welt. Merlo ist eine graue Vorstadt, die in erbärmliche Elendsviertel übergeht. An einem ungepflasterten Weg namens „Calle Suiza“ leben Silvia Quintero, 27, und Pedro Llanos, 31, in einem Zweizimmer-Haus. Beide sind HIV-positiv, sie leben mit ihrer Tochter von Pedros Rente von umgerechnet 140 Euro. Heizung gibt es nicht, nicht einmal Wasser. „Wer hat hier schon Wasser“, sagt Pedro, „man muss sich einen eigenen Brunnen bohren lassen, aber die 1500 Pesos dafür“ - umgerechnet 300 Euro - „haben wir nicht.“

Pedro hat sozusagen ein Ehrenamt im Dienste der reproduktiven Gesundheit übernommen: Er verteilt die Präservative, die der Staat gratis stellt. Denn die nächste „salita“ ist zwanzig Straßenblöcke entfernt. An diesen einfachen Gesundheitsposten gab es früher auch mal die Aids-Medikamente, die der Staat kostenfrei verteilt. Aber als sich herausstellte, dass die teuren Pillen oft unterschlagen, geklaut oder nur gegen Geld abgegeben wurden, stellte man die dezentrale Ausgabe ein. Nun müssen Pedro und Silvia eine Stunde lang fahren, um den Cocktail zu holen. Bei 140 Euro im Monat ist das Busgeld eine hohe Ausgabe.

Was in Kabinetten und Ausschüssen beschlossen wird, was als Gesetz und Durchführungsverordnung auf dem Papier steht, hat mit der Realität in Orten wie Merlo wenig zu tun. Mal fehlt das Geld, mal der politische Wille, mal der Arbeitseifer in den Behörden, mal das Personal, kritisiert ein neuer Bericht von Human Rights Watch. „Jedes Mal, wenn du die Pille holen willst, musst du drei Monate vorher einen Termin machen, damit sie dir dann Pillen mit abgelaufenem Verfallsdatum in die Hand drücken“, zitiert der Bericht eine Betroffene.

Yésica Banina Sarayé lebt zusammen mit ihrer Mutter in einer ärmlichen Behausung in Ituzaingó, einer Nachbar-Vorstadt, die genauso grau ist wie Merlo. „Es gibt doch praktisch keine Kampagnen zur Sexualaufklärung“, sagt die 17-Jährige, „und in der Schule, naja, da werden einmal im Jahr Präservative verteilt.“ Fortpflanzung und Verhütung würden erst in der Oberschule thematisiert, sagt sie. Zu spät: Oft sind dann einige der Schülerinnen schon schwanger.

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