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Angriff in Inguschetien stellt Moskau bloß

Das russische Militär wird von der blutigen Offensive tschetschenischer Rebellen in Nachbarrepublik überrumpelt

23.06.2004 00:06
FLORIAN HASSEL
RUSSIA ATTACKS
Ausgebrannte Autos, zerstörte Häuser, verwüstete Straßen - Einwohner von Nasran schauen sich das Resultat des Rebellenüberfalls an. Foto: ap

Moskau · 22. Juni · Es war ein Interview ohne große Resonanz: Aslan Maschadow, 1997 gewählter Präsident Tschetscheniens und nun Rebellenführer, kündigte eine neue Offensive an. Da Moskau Angebote zu Verhandlungen über ein Kriegsende weiter ablehne, "gehen wir bald zu aktiven Angriffen über", sagte Maschadow am Donnerstag vergangener Woche auf Radio Liberty. Und Achmed Sakajew, Vertreter der Rebellen im Ausland, erläuterte, diverse Kommandeure, unter ihnen der berühmt-berüchtigte Schamil Bassajew, hätten Maschadow zur Offensive außerhalb Tschetscheniens gedrängt. Die Rebellen würden nun russischen und moskautreuen Streitkräften Kämpfe aufzwingen, sagte Sakajew der Zeitung Kommersant. Dafür hätten sie "alle Kräfte und Möglichkeiten".

Russische Militärs kommentierten geringschätzig, die Rebellen seien zu keinerlei größeren Aktionen in der Lage. "Es ist unwahrscheinlich, dass die Rebellen etwas erreichen", meinte auch Sultan Satujew, Vize-Chef des moskautreuen Innenministeriums Tschetscheniens.

Das stellte sich nun als Irrtum heraus. Während sich Russland auf den 22. Juni einstimmte, dem Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg, bereiteten in der tschetschenischen Nachbarrepublik Inguschetien Rebellen einen beispiellosen und aus ihrer Sicht äußerst erfolgreichen Angriff vor. Mindestens 200 Rebellen in bis zu zwanzig Gruppen griffen ab dem späten Montagabend zeitgleich Ministerien, Kasernen, und Polizeireviere in neun Städten und Dörfern Inguschetiens an. Der größte Angriff richtete sich gegen das Innenministerium in der Hauptstadt Nasran und gegen eine Kaserne des Geheimdienstes FSB. Die mit Maschinenpistolen und Granatwerfern bewaffneten und mit gefälschten Polizei- und Geheimdienstausweisen ausgerüsteten Rebellen besetzten das Ministerium und töteten mindestens 24 Polizisten und Regierungsvertreter - unter ihnen den Innenminister und seinen Stellvertreter.

Der Versuch der Rebellen, ein Gefängnis zu stürmen scheiterte, dafür räumten sie ein Munitions- und Waffenlager der Polizei aus. Bis drei Uhr morgens lieferten sich die Rebellen Kämpfe mit inguschetischen Sicherheitskräften und eilig per Hubschrauber eingeflogenen Spezialeinheiten des russischen Geheimdienstes FSB. Als der Morgen graute, waren nach offiziellen Angaben nur zwei Rebellen, doch 48 Polizisten, Geheimdienstler und Sicherheitskräfte tot. Dazu mindestens 28 Zivilisten.

Am Dienstag strömten dann tausende russischer Soldaten nach Inguschetien. Doch die Rebellen waren schon geflohen, zum Teil in gestohlenen Autos und möglicherweise mit bis zu 20 Geiseln.

Inguschetien war lange eine friedliche Republik und nahm bei Kriegsbeginn bis zu 150 000 tschetschenische Flüchtlinge auf. Doch aus Rebellensicht ist das Nachbarland mittlerweile ein legitimes Kriegsziel: Seit der Kreml Anfang 2002 den Ex-Geheimdienstler Murat Sjasikow zum Präsidenten machte, wurden Flüchtlingslager geschlossen und ihre Bewohner zurück ins Kriegsgebiet gezwungen. Entführungen und Morde durch Todesschwadrone der russischen Geheimdienste und moskautreuer Einheiten gehören seitdem auch in Inguschetien zum Alltag. Ein inguschetischer Polizist, der am Dienstag kurz Geisel der Rebellen war, berichtete dem Internetdienst ingushetiya.ru, die Angreifer seien Inguschen gewesen und hätten ihm gesagt, sie wollten entführte und ermordete Verwandte rächen.

Der Kreml schweigt über solche Hintergründe und spricht stattdessen vom "Kampf gegen den internationalen Terrorismus" in Tschetschenien. "Die Terroristen müssen gefunden und vernichtet werden", betonte Präsident Wladimir Putin.

Dossier: Tschetschenien - der vergessene Krieg

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