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An der Front der Information

Wie Medien zu "Waffen" werden in der Auseinandersetzung zwischen USA und arabischer Welt

10.05.2004 00:05
ANDREA NÜSSE
Die "populärste politische Partei" der arabischen Welt? Im Nachrichtenstudio des Senders Al Dschasira. Foto: Archiv

Selten spielen Medien so eine herausragende und wichtige Rolle wie in Kriegszeiten. Sie sind die Einzigen, die durch eigene Recherchen, Bilder und Gespräche mit der Bevölkerung die Propaganda der Kriegsgegner zumindest ansatzweise entlarven können.

Allerdings sind die Arbeitsmöglichkeiten von Journalisten auch nie beschränkter als in Kriegssituationen, und der Versuch der Instrumentalisierung von Medien ist selten größer. Dies war auch im Irak-Krieg der Fall. Doch ein Jahr nach dem formellen Kriegsende wird deutlich, dass sich die Rolle der Medien in der andauernden Auseinandersetzung zwischen den USA und der arabischen Welt nachhaltig verändert hat und die Journalisten keineswegs zu "normalen Arbeitsbedingungen" zurückgekehrt sind. Dies gilt insbesondere für zahlreiche amerikanische und arabische Medien.

Die Massenmedien seien "Instrumente und Waffen des Krieges" geworden, meint Rami Khoury, Chefredakteur der libanesischen Tageszeitung The Daily Star. Von "unabhängigen Chronisten der Ereignisse" seien sie auch über den Krieg hinaus zu "aktiven Kombattanten an der Front der Informationen" geworden. Die Mitarbeiter von Zeitungen und Fernsehanstalten seien damit allerdings auch zu Zielen der jeweils gegnerischen Seite geworden, sagte Khoury bei einem deutsch-arabischen Mediendialog in Beirut, der vom Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen in Kooperation mit dem Bundesaußenministerium veranstaltet wurde.

Die arabischen Satellitensender sind nach Ansicht Khourys zwar unabhängiger und professioneller geworden. Aber sie stünden heute unter einem ganz neuen Druck: Die elektronischen Massenmedien seien der einzige Sektor, auf dem ein Kräftegleichgewicht zwischen den USA und der arabischen Welt besteht, meint Khoury. Auf diplomatischem, militärischem, technologischem und wirtschaftlichem Gebiet sei die arabische Welt hilflos unterlegen. Doch die arabischen Satellitensender hätten es geschafft, durch ihre Arbeit vor Ort ein ernst zu nehmendes Gegengewicht zu den "Mainstream Medien" in den USA und den Verlautbarungen der US-Regierung zu schaffen.

Auf diesen Fortschritt ist man in der arabischen Welt stolz, während sie ansonsten vor allem politische Niederlagen und Demütigungen erlebt. Rund 35 Millionen Menschen schauen schätzungsweise den Nachrichtensender Al-Dschasira. Daher nennt Hazem Saghieh von der angesehenen panarabischen Tageszeitung Al-Hayat den Sender die "populärste politische Partei" der arabischen Welt. Doch genau dies führt seiner Ansicht nach zu einer extremen Politisierung und verstärkt die Tendenz zur Sensation.

Vor dem Hintergrund der Kolonialisierung und des in der arabischen Welt vorherrschenden Minderwertigkeitsgefühls bekomme ein journalistischer "Scoop" wie die Ausstrahlung von Bin-Laden-Tonbändern eine Bedeutung, die weit über den Rang von Exklusiv-Meldungen in dem von wirtschaftlicher Konkurrenz geprägten Medien im Westen hinausgehe.

Doch im Kampf gegen den Terrorismus instrumentalisieren auch die arabischen Regimes selbst ihre Staatsmedien in bisher unbekannter Form: So strahlte das jordanische Staatsfernsehen kürzlich die wahrscheinlich vom Geheimdienst abgehaltenen Interviews mit mutmaßlichen Terroristen und Bilder angeblicher Sprengstofflager aus.

Was als journalistisches Produkt verkauft wurde, war eine 20-minütige Verlautbarung der Regierung, ohne dass dies so gekennzeichnet war. Und wie die jordanische Journalistin Rana Sabbagh-Gargour betonte, wagte es keine der vier großen Tageszeitungen, die von der Regierung kontrolliert werden, die offizielle Version zu hinterfragen, nach der man einen Terroranschlag mit 80 000 Toten verhindert habe.

Hans Werner Kilz, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, wies auf die Gefahren für die Pressevielfalt und -freiheit auch in Deutschland hin, die durch die Wirtschaftskrise und die sich anbahnenden Konzentrationen zunähmen; doch sind die arabischen Medien ungleich massiverem Druck ausgesetzt. Durch Regierungen und religiöse Autoritäten, Verleger mit eigener politischer oder konfessioneller Agenda und - im Falle der Nachrichten-Satellitensender - neuerdings durch die politischen Erwartungen des Publikums.

In Professionalisierung und Ausarbeitung klarer ethischer Kriterien durch die Medien selbst für ihre Berichterstattung sehen arabische Journalisten ihre stärkste Waffe gegen die massiven Einschränkungen ihrer Freiheiten. In einem Punkt sind viele arabische Journalisten ihren westlichen Kollegen aber möglicherweise voraus: Auf Grund bitterer Erfahrungen mit ihren Regimen misstrauen sie grundsätzlich allen Verlautbarungen von Regierungen. Schreiben dürfen sie das allerdings nur selten.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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