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Affäre Sarrazin „Kein Märtyrer der Meinungsfreiheit“

Wegen seiner Thesen zu Migranten und Juden geht auch die Bundesbank zu Thilo Sarrazin auf Distanz. Michel Friedman im FR-Interview über Gene und Streitkultur.

02.09.2010 08:20
Michel Friedman, 54, ist Jurist und Journalist. Von 2000–2003 war er Vize-Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Foto: dpa

Herr Friedman, Sie haben mit Thilo Sarrazin diese Woche über seine kruden Thesen gesprochen. Das Interview ist allerdings nie erschienen. Warum?

Weil Sarrazin und der Pressevertreter des Verlages beim Redigieren und Autorisieren des Interviews weitergegangen sind als üblich. Gestrichen wurden alle kritischen Fragen zu Sarrazins hochgefährlichen bio-genetischen Aussagen. Ein Beweis, welch gestörtes Verhältnis Sarrazin zu Meinungsfreiheit und Streitkultur hat. Und so hat sich die Chefredaktion der B.Z. zu Recht entschieden, dieses Interview nicht zu drucken.

Was ist Ihr Eindruck von dem Mann, den Sie in ein paar Stunden schon wieder im Fernsehstudio bei „Hart aber fair“ wiedertreffen werden? Was treibt ihn?

Ich will nicht psychologisieren, schon gar nicht Menschen, die ich nicht kenne. Ich halte mich an Sarrazins Äußerungen, die Ausdruck eines Menschenbildes sind, das ich für überwunden hielt. Er teilt die Gesellschaft in Gruppen ein, die er auf unerträgliche Weise mit Merkmalen behaftet und bewertet: nicht klug genug, nicht produktiv genug, nicht zum europäischen Abendland gehörend. Doch warum soll ein Obsthändler weniger wert sein als ein Bundesbanker? Wir leben heute in einem republikanischen Deutschland und Europa. Und das heißt, dass jeder Mensch – unabhängig von seiner Herkunft, Religion und Gruppenzugehörigkeit – die Chance bekommt, als Individuum gesehen und auch gefördert und gefordert zu werden. Der Dialog über unstreitige Missstände bei der Integration muss kritisch, aber respektvoll geführt werden. Defizite gibt es auf beiden Seiten, beide Seiten müssen sich den Herausforderungen der Einwanderung stellen. Sarrazin dagegen beleidigt, grenzt aus, hetzt Menschen aufeinander.

Sarrazin, Mitglied der weißen, wohlhabenden Machtelite, fürchtet, zum Fremden im eigenen Land zu werden. Hat das nicht auch etwas Lächerliches?

Lächerlich ist das schon, aber das Gefährliche an Sarrazins Thesen ist, dass er damit rassistische Haltungen salonfähig macht, sie mit einer Art Nadelstreifen-Effekt versieht. Und er unterschlägt die Fortschritte, die es gegeben hat, obwohl dieses Land jahrzehntelang nicht wahrhaben wollte, dass es ein Einwanderungsland ist. Es gibt sie ja längst, die Türkischstämmigen, die Muslime, die ihren Weg gehen, die ankommen in dieser Gesellschaft, im Berufsleben, in der deutschen Sprache. Viele von ihnen sind deutsche Staatsbürger. Wir sind weiter, als Herr Sarrazin wahrhaben will.

Bei Sarrazins Partei, der SPD, sollen viele positive Reaktionen eingegangen sein. Ist das nicht das eigentliche Thema – Rassismus und Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft?

Seit Jahren beklagen viele Institutionen, die mit Rassismus und Antisemitismus zu tun haben, dass das Gedankengut der Springerstiefel mehr und mehr in die Mitte der Gesellschaft einfließt. Es wird doch das, was auf der Straße banal gesagt wird, auch bei Cocktailempfängen formuliert – eben nur auf sprachlich höherem Niveau. Sarrazin nimmt bewusst in Kauf, rassistische Tendenzen noch salonfähiger zu machen.

Sarrazin hat auch gesagt: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“ Was ist davon zu halten?

In dem Interview, wo Herr Sarrazin Fragen streichen ließ, habe ich ihn gefragt, welches Gen das denn sein soll und für welche Eigenschaften dieses bei mir verantwortlich sein soll. Er sollte mir das erklären, mich interessiert ja, wie ich mich als Jude zu begreifen habe … Aber im Ernst: Ich hätte nicht gedacht, dass man über solche abstrusen, wissenschaftlich umstrittenen Thesen im gesellschaftspolitischen Sinne in Deutschland noch einmal würde reden müssen. Diese Verallgemeinerung von Eigenschaften bei Menschengruppen – welcher Gruppe auch immer – ist eine höchst gefährliche Blickrichtung. Umso mehr, wenn sie biologistisch-genetisch begründet wird.

Haben Sie eine Ahnung, warum sich kaum jemand darüber aufregt, dass der Verlag DVA, der zum Bertelsmann-Konzern gehört, ein teils offen rassistisches Buch veröffentlicht?

Ich rege mich darüber auf und finde es bedenklich für einen international tätigen Verlag. Ich bin gespannt, wie dessen Repräsentanten sich im Ausland für dieses Buch rechtfertigen werden. Aber man muss natürlich sehen, dass es auch in der Verlagswelt ums Geschäft geht. Was mich allerdings noch mehr aufregt ist, dass sich Sarrazin nun nach der Kritik als Opfer stilisiert und sagt, man solle sein Buch erst mal richtig und in Gänze lesen. Dabei haben er und sein Verlag doch auf den Skandal gesetzt mit der Vorveröffentlichung von Teilen des Buchs im Spiegel und in der Bild-Zeitung. Wer hart austeilt, muss auch einstecken können. Sarrazin ist kein Märtyrer der Meinungsfreiheit – beim ihm wird geprüft, ob das Strafrecht oder das Arbeitsrecht tangiert sind, wie bei jedem anderen auch.

Interview: Hans-Hermann Kotte

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