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Wahlen Libyen Die Frauen von Tripolis

Zum ersten Mal wählen die Libyer demokratisch ein Parlament. Kandidatinnen aber haben gegen die reichen konservativen Männer kaum eine Chance. Die Frauenquote ist aber nicht der einzige Streitfaktor in Libyen.

Die Frau auf einem Plakat in Tripolis wirbt dafür, zur Wahl zu gehen – allerdings nicht dafür, als Kandidatin anzutreten. Foto: reuters

Die Straßen von Tripolis sind bunt und fröhlich. Von Plakaten und Fahnen lächeln Hunderte von Kandidaten. „Das ist toll. Früher hing auch ganz Tripolis voller Plakate, doch zeigten sie alle nur einen Mann: Muammar al Gadhafi. Die vielen Gesichter zeigen, dass wir in der neuen Zeit angekommen sind!“, sagt Radhia al Warimi. Die Anglistik-Professorin ist eine der Kandidatinnen für die Wahl zur Nationalversammlung am Samstag.

Allerdings lächelt es nicht von allen Plakaten. Bei vielen Kandidatinnen wurden die Gesichter herausgeschnitten oder übermalt. „Es gibt ganz offensichtlich Kräfte, die ein Problem mit Frauen in der Politik haben“, sagt Warimi. „Sie wollen uns einschüchtern, aber das wird ihnen nicht gelingen“. Die 51-Jährige mit dem orangegemusterten Kopftuch und Leinenkostüm drückt die Schultern durch. Das soll Entschlossenheit ausdrücken. „Natürlich, die libysche Gesellschaft ist konservativ, besonders was die Frauen angeht, aber wir wollen unseren Platz in der Politik“.

Sie winkt zwei herankommenden Frauen zu, begrüßt sie herzlich. Die Wattan-Vaterlands-Partei hat zur Wahlkampf-Party auf den Parkplatz eines großen Einkaufszentrums geladen. „Dass es diese Wahlen gibt, ist ein Erfolg an sich. Da ist es ganz egal, wer gewinnt!“, sagt sie. Tatsächlich hat sie aber auch gute Chancen, einen der 200 Sitze in der Nationalversammlung zu gewinnen. Die Wattan- Partei ist eine von 130 neugegründeten politischen Kräfte, die zur Wahl antreten, doch sie gilt als eine der Aussichtsreichen.

Angst vor den Milizen

Das liegt vor allem an einem prominenten Mitglied: Scheich Abdel Hakim Ben Hadsch. Der ehemalige Dschihad-Kämpfer in Afghanistan, der lange auf der US-Terrorliste stand, spielte in der libyschen Revolution eine wichtige Rolle, wurde als Befreier von Tripolis gefeiert und schließlich zum Militärkommandant befördert. „Der Scheich ist ein normales Mitglied, er hat keine Führungsposition in der Partei, aber natürlich ist er sehr angesehen für seine Verdienste“.

Warimi bemüht sich, die Rolle des Scheichs herunterzuspielen. Viele haben Angst vor dem Einzug der radikalen Milizenführer in die Politik. „Schauen sie sich doch unsere Wahllisten an. Wir haben sehr viele weibliche Kandidaten dabei. Wir stehen für einen gemäßigten Islam“, beruhigt sie und deutet auf die vielen Frauen auf der Bühne. Allerdings blieb der Partei auch nichts anderes übrig. Nach dem Wahlgesetz musste sie jeden zweiten Listenplatz an eine Frau vergeben. Wie moderat sie wirklich ist, wird sich erst noch zeigen.

Libysche Frauenrechtlerinnen hatten für eine Frauenquote in der Nationalversammlung gekämpft, waren aber am Widerstand der konservativen Männer, also an Leuten wie Scheich Abdel Hakim gescheitert. Die quotierten Listen sind ein Kompromiss.

„Wir müssen die Rechte ausreizen“, so Fatma Ghandour. Die Journalistin mit dem Kurzhaarschnitt und der pinken Bluse hat sich deswegen nicht von einer Partei aufstellen lassen, sondern kandidiert als Unabhängige. Allein unter Männern.

Von den mehr als 2000 unabhängigen Kandidaten sind gerade einmal 87 Frauen und Ghandour hat kaum eine Chance. Weil sie eine Frau ist, kein Kopftuch trägt und weil ihre kleinen Plakate neben denen der reichen Geschäftsmänner mickrig wirken. „Es ist schwierig, Geld aufzutreiben“, erzählt Ghandour. Ihr Wahlkampf besteht deswegen vor allem aus Telefongesprächen und Besuchen bei Verwandten und Bekannten. Das Libysche Wahlsystem ist kompliziert: 80 Sitze werden über Parteilisten vergeben, die restlichen 120 an unabhängige Kandidaten. Wichtigste Aufgabe der Versammlung soll die Ernennung einer neuen Regierung sein, sowie die Wahl einer 60-köpfigen Verfassungsversammlung. Die Frauenquote war nicht das einzige Thema, über das in den vergangenen Monaten gestritten wurde. Heikler noch ist die Diskussion, wie die verschiedenen Landesteile in der neuen Versammlung vertreten sein sollen.

Der Osten des Landes fühlt sich benachteiligt, weil sie dort weniger Sitze bekommen als im Westen. In den letzten Tagen wurden mehrere Wahlbüros in Benghazi und Tobruk angegriffen. Wahlzettel und Urnen gingen in Flammen auf. „Libyen befindet sich in einer sehr kritischen Phase“, so Warimi. Es sei verständlich, dass die Menschen im Osten mehr Rechte verlangen, allerdings sollten sie doch Geduld haben.

Brennende Wahlbüros und zerschnittene Plakate zeigen deutlich, wie schnell die neue Demokratie im Chaos enden kann. „Aber, wir haben so viele Wunder erlebt im letzten Jahr. Ich bin optimistisch, dass auch dies gelingt“, sagt Warimi.

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