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Syrien Die Straßen von Hama sind?übersät mit Leichen

Deutschland will wegen der blutigen Unruhen in Syrien eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates einberufen. Zu Beginn des Fastenmonats Ramadan tötet das Militär in Syrien mehr als 120 Menschen.

01.08.2011 18:22
Martin Gehlen und Gil Yaron
Noch unbehelligt von Militär und Polizei demonstrierten Tausende in der vergangenen Woche in Hama ihren Freiheitswillen.

In den letzten Stunden ihrer Präsidentschaft im mächtigsten UN-Gremium hat die deutsche UN-Mission am Sonntag (Ortszeit) ihren Nachfolger Indien um eine entsprechende Tagung am Montag gebeten, hieß es aus Diplomatenkreisen. Zunächst war unklar, ob die Vertreter Delhis den Punkt tatsächlich auf die Tagesordnung setzen.

Der Vorsitz im Sicherheitsrat wechselt monatlich, nach den Deutschen sind ab 1. August die Inder dran. Während des deutschen Vorsitzes war es nicht zur Verabschiedung einer Resolution gegen die syrische Führung wegen des gewaltsamen Vorgehens gegen Demonstranten gekommen. Insbesondere Russland und China, beide als ständige Mitglieder mit Vetorecht ausgestattet, gelten in dieser Frage als Bremser.

Zum Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan hatte die syrische Armee in der Stadt Hama ein Blutbad angerichtet. Wie die Nationale Organisation für Menschenrechte mitteilte, starben nach ersten Angaben bei der Militäroffensive mindestens 95 Menschen, im ganzen Land gab es mehr als 120 Tote. Am frühen Sonntagmorgen waren Panzer und Elitesoldaten nach Hama eingedrungen, aus der sie sich Anfang Juli demonstrativ zurückgezogen hatten.

Straßenkämpfe und Razzien

Aus der Stadt Deir ez-Zor im Osten des Landes und Harak im Süden wurden ebenfalls heftige Straßenkämpfe gemeldet – offenbar zwischen loyalen und abtrünnigen Armeeeinheiten des Regimes. Greifkommandos von Militär und Staatssicherheit durchkämmten Vororte von Damaskus. Dutzende wurden bei Razzien abgeführt.

Syrische Aktivisten hatten für den Ramadan tägliche Proteste angekündigt. Denn jeden Abend nach dem Fastenbrechen versammeln sich die Menschen in den Moscheen, die bisher nur freitags Ausgangspunkte der Demonstrationen waren. Offenbar will das Assad-Regime kurz vor Beginn des Heiligen Monats die Bevölkerung noch einmal mit Gewalt einschüchtern, um die Ausweitung der Proteste zu verhindern.

Nach Augenzeugenberichten sind die Straßen von Hama übersät mit Leichen und Verwundeten. Die Elitesoldaten unter dem Kommando des Präsidentenbruders gehen mit unbeschreiblicher Härte vor, wie erste Amateurvideos belegen. Häuser wurden mit Raketen beschossen, Menschen wahllos unter Feuer genommen, über der Stadt standen dunkle Rauchwolken.

Die Bewohner versuchten, sich mit Molotow-Cocktails und Steinen zu wehren. Viele Verletzte wurden in die Hospitäler eingeliefert, Ärzte riefen zu Blutspenden auf. In Hama und Deir ez-Zor hatte es vor zwei Wochen die bisher größten Demonstrationen gegen Präsident Baschar al-Assad gegeben, an der insgesamt 1,2 Millionen Menschen teilnahmen.

Eine Reporter der New York Times, der sich von Beirut über die grüne Grenze nach Hama durchschlagen konnte, berichtete, die Bewohner betrachteten ihre Stadt als vom Regime befreit an und hätten begonnen, sich selbst zu verwalten. Die Menschen hätten Barrikaden in den Wohnvierteln errichtet, die die Panzer jedoch mühelos nieder rollten.

Nach den Zusammenstößen hatten sich vor einem Monat die Truppen zurückgezogen und Hama das Schicksal anderer rebellischer Kleinstädte erspart, die in den vergangenen vier Monaten brutal erobert worden waren. Selbst Verkehrspolizisten waren nicht mehr zu sehen. Abend für Abend kam es zu Freude- und Protestkundgebungen.

Der Rückzug war das Resultat zwei besonderer Umstände: Eine Eroberung der viertgrößten Stadt Syriens mit rund 700.000 Einwohnern erfordert zuerst ein großes Truppenaufgebot. Zweitens besitzt Hama Symbolcharakter. 1982 schlug Assads Vater Hafez hier einen Aufstand der Muslimbrüder blutig mit Flächenbombardements nieder. Damals kamen in einer Woche bis zu 40000 Menschen ums Leben. Assads Sohn Baschar scheute sich, das Kainsmal seines Vater zu tragen, hatte ihn einer seiner wichtigsten Verbündeten, der türkische Premier Erdogan, doch schon im Mai vor einem solchen Schritt gewarnt. Zum Unmut des Regimes besuchten vor wenigen Tagen die Botschafter der USA und Frankreichs die Demonstranten, um einer Invasion vorzubeugen.

Die internationale Gemeinschaft verurteilte das Massaker in Hama und kündigte eine Verschärfung der Sanktionen an. (mit dpa)

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