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Reportage aus Al-Baida Die junge Macht in Libyen

In der Stadt Al-Baida schicken Internet-Aktivisten Nachrichten aus Libyen in die ganze Welt – ein Besuch bei unerschrockenen Bloggern und befreiten Bürgern.

Freude in der von den Demonstranten beherrschten Stadt Tobruk. Foto: AFP

Ein Klopfzeichen – dann öffnet sich quietschend die schwere Eisentüre. Es ist kurz vor Mitternacht. Im dunklen Treppenhaus hat jemand das obligatorische Gaddafi-Bild bereits mit einem Messer aus dem Rahmen geschnitten. Nur in zwei der Büros auf dem langen Flur brennt noch Licht. Al-Dschasira läuft auf dem Flachbild-Fernseher. Angebrochene Packungen mit Schokoladen-Keksen liegen herum, leere Zigarettenschachteln, Kugelschreiber und ein paar umgekippte Plastikbecher für die Orangenlimonade.

Willkommen in der konspirativen Facebook-Zentrale der Stadt Al-Baida – trotz größter Anstrengungen der lokalen Regimetreuen nie enttarnt und inzwischen von mit nagelneuen Kalaschnikows Bewaffneten auch gut bewacht. Jede Nacht sitzen hier ein Dutzend Blogger vor ihren Laptops – alle zwischen 20 und 30 Jahre alt, die meisten Ingenieure. „Wir waren überrascht von dem Sturm, den wir losgetreten haben“, sagen sie. Einer von ihnen war auf dem Tahrir-Platz in Ägyptens Hauptstadt Kairo dabei. Von den dortigen Facebook-Aktivisten werden sie seither mit Ratschlägen und Informationen versorgt, obwohl Gaddafis Regime überall sofort Internet und Handys kappte, selbst über das Festnetz geht seit Tagen nichts mehr.

Dass die Facebook-Organisatoren trotzdem weiter online bleiben, wird einmal zu den Ironien der libyschen Geschichte zählen, wie sie nur in solchen Umwälzungen vorkommen. Denn sie konnten eine Satellitenanlage nutzen, die sich ausgerechnet der inzwischen geflohene Schwager von Muammar al-Gaddafi als besonderes Spielzeug auf dem Dach hatte installieren lassen. „60 Prozent der Videos, die in den ersten Tagen via Youtube auf den TV-Sendern der Welt zu sehen waren, kamen von uns“, sagen sie.

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„Ich bin am ersten Tag einfach mit Laptop und Kamera in die total überfüllte Notaufnahme des Krankenhauses gegangen“, erzählt der 28-jährige Omar Boschar. „Die Leute haben mir auch ihre Speicherkarten gegeben – und nachts haben wir alles an den Rest der Welt verschickt.“ Mittags demonstrieren, um 17 Uhr in der geheimen Facebook-Zentrale verschwinden und dann Laptopschicht bis 5 Uhr früh, das ist seit einer Woche der revolutionäre Rhythmus. In allen Städten des Landes gibt es inzwischen solche Cyberteams, die über Satellit miteinander verbunden sind, Nachrichten austauschen und die Welt auf dem Laufenden halten.

Al-Baida hat auch früher schon libysche Geschichte geschrieben. Die Stadt mit ihren 250.000 Einwohnern liegt im Osten des Landes auf halbem Weg zwischen Tobruk und Bengasi. Industrie gibt es hier nicht, nur ein paar Fabriken für Tierfutter, Milch und Obstsäfte. Aber Libyens letzter König Idriss I. wurde hier geboren, genauso wie Muammar al-Gaddafis zweite Frau Safia Farkash, eine ehemalige Krankenschwester.

Fünf Jahre lang ließ der Monarch sogar die Hauptstadt Libyens hierher verlegen, weil er den Streit zwischen Tripolis und Bengasi satt hatte. Sein ehemaliger Königspalast ist heute Universität, wo vor allem Agrarwissenschaft gelehrt wird. Der fein proportionierte Kuppelbau im Zentrum, verkleidet mit weißem italienischen Marmor, beherbergte damals drei Jahre lang das Parlament Libyens, bis Gaddafi 1969 den Monarchen stürzte.

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In seinem Inneren kann man die Geburt des neuen demokratischen Libyens hautnah miterleben. Hier schlägt das politische Herz der erst vor wenigen Tagen „befreiten“ Stadt. Seit zwei Nachmittagen tagt in dem kreisrunden Plenum zum ersten Mal seit 42 Jahren wieder eine echte Versammlung des Volkes. Die Zuschauerempore ist mit jungen Leuten voll besetzt, die teilweise stehend den Reden folgen. Die Älteren und die Frauen sitzen unten im Saal auf bequemen lindgrünen Polsterstühlen. „42 Jahre sind mehr als genug – hau endlich ab“, haben junge Frauen auf ein Transparent geschrieben. Jeder, der die Hand hebt, kommt auch zu Wort. Und jeder hat das Bedürfnis, endlich seine Meinung zu sagen. Das Präsidium wacht darüber, dass niemand zu lange redet. „Endlich haben wir es geschafft, endlich können wir frei sprechen“, ruft die junge, voll verschleierte Amal Haschmi ins Mikrofon.

Sie ist angehende Lehrerin und gehört zur Facebook-Jugend. „Wir wollen keine islamischen Emirate, wir wollen ein geeintes Libyen“, sagte sie unter dem Beifall der Zuhörer. „Wir wollen Verfassung und Rechtsstaat, freie Medien und ein Leben wie es die jungen Europäer haben.“ Warum nicht auch wir, hätten sie und ihre Freunde sich nach Tunesien und Ägypten gefragt, erzählt sie. Endlich mal der Welt zeigen, wie die Libyer wirklich sind. Während des Aufstands in Kairo habe man über Facebook begonnen, Gleichgesinnte zu suchen. Nach dem ersten „Tag des Zorns“ gab es dann kein Zurück mehr. „Wir wussten, wenn wir jetzt aufgeben, wird Gaddafi uns alle töten“, sagt die 24-Jährige.

Allein in Al-Baida starben bisher 63 Menschen, mehr als 400 wurden verletzt – fast alle durch Schusswunden in Kopf, Brust, Bauch und Beine. Jungen an einer Straßensperre zeigen bereitwillig eingesammelte Patronenhülsen, die von einem schweren Maschinengewehr zur Flugabwehr stammen. Ein anderer hat ein zerborstenes Stück Metall in seinem Auto stecken, das von einer der Bomben stammt. Wen man auch fragt, immer die gleiche Antwort: Die 400 Elitesoldaten in der Stadt unter dem Kommando des Gaddafi-Sohnes Saadi haben von Anfang an scharf geschossen – mit ihrem kompletten Arsenal an Kriegswaffen: Panzerfäusten, Raketen und Kanonen.

Eine Hundertschaft afrikanischer Söldner aus Niger, Mali und Tschad wurde noch am Abend des ersten „Tag des Zorns“ mit einem Iljuschin-Großtransporter eingeflogen – jeder von ihnen angeheuert für 30 Dollar pro Tag. Teile der Armee desertierten daraufhin sofort, schnell hatten sich auch die jungen Demonstranten Waffen aus den Depots von Polizei und Militär beschafft. Drei Tage dauerten die schweren Kämpfe um den Flughafen Labrad. Dann waren 35 Söldner tot, zwei gefangen, der Rest vertrieben. Vier schwer verletzte Afrikaner hat der in Heidelberg ausgebildete Chirurg Hossein abu Muchtadar operiert, der seit fünf Jahren wieder in seiner Heimat lebt. „Die sind alle wieder weg“, sagt er. Wohin, weiß niemand.

Die Landebahn ist seither mit Betonbarrieren blockiert. Die desertierten Soldaten haben ihre Waffen versteckt, falls Gaddafis Todeskommandos doch zurückkommen sollten. Nachts patrouillieren Männer mit Patronengurten und Kalaschnikows vor den Häusern. 130 Pro-Gaddafi-Schützen haben die Aufständischen inzwischen gefangen genommen. Wo sie sind, wollen sie nicht verraten, weil sie fürchten, ihre Landsleute könnten sie lynchen.

Vier Heckenschützen allerdings liegen schwer verletzt im Hospital der Stadt, in einem speziellen Raum hoch oben unter dem Dach. Bewacht werden sie von einem übergelaufenen Offizier, einer väterlichen Erscheinung mit grauen Haaren, der an seinem Tarnanzug keine Rangabzeichen mehr trägt. In einem Bett liegt der Soldat Noureddin Bileid Sleuton. Er erzählt, wie er am ersten „Tag des Zorns“ frühmorgens aus dem Westen des Landes hierher verlegt wurde. Es gebe einige kleinere Demonstrationen, denen man entgegentreten müsse, hätten ihm die Vorgesetzten gesagt. Jetzt liegt der 31-Jährige mit zerschossenen Beinen im Bett und lächelt gequält. Sein Bettnachbar ist Student, er stammt aus dem Süden und ließ sich zusammen mit 150 anderen als Pro-Gaddafi-Schläger anheuern.

Auf der heruntergekommenen Intensivstation zwei Stockwerke tiefer liegen ihre Opfer. Dem Lehrer Issa el Dubaitu wurden vor vier Tagen von Kugeln Darm, Galle und linke Niere zerfetzt. Der 42-Jährige gehörte zu einer Bürgerdelegation, die auf dem umkämpften Flughafen mit erhobenen Händen auf die Afrikaner zuging und mit ihnen verhandeln wollte – als diese das Feuer eröffneten. „Er wird wohl durchkommen“, sagt die Schwester. Am Fußende des Bettes liegen seine Krankenakte und ein ganzer Stapel Röntgenbilder.

Als die Afrikaner kamen, sei er sofort los und wollte beim Kämpfen helfen, berichtet der Vater von zehn Kindern. Das Sprechen fällt ihm schwer, immer wieder formt er die Finger zum Victoryzeichen. „Wenn ich zu Hause geblieben wäre, hätte ich mich bis zum Ende meines Lebens geschämt.“

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