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Regime vor dem Aus Bürgerkrieg in Libyen

Menschenrechtler zählen bereits 400 Tote. Unruhen erreichen auch Tripolis. Mitglieder der Regierung sollen sich von Machthaber el-Gaddafi abgewandt haben.

Rund 100 demonstrieren protestieren am Montag auch in Berlin gegen das Regime in Libyen Foto: dpa

Menschenrechtler zählen bereits 400 Tote. Unruhen erreichen auch Tripolis. Mitglieder der Regierung sollen sich von Machthaber el-Gaddafi abgewandt haben.

Das Regime von Muammar Gaddafi steht offenbar vor dem Ende. Weniger als eine Woche nach dem ersten „Tag des Zorns“ am Donnerstag haben die schweren Unruhen die Hauptstadt Tripolis erfasst. Alle anderen Städte des Landes befinden sich bereits in den Händen der Aufständischen, neben der Hafenstadt Bengasi auch Sirte, wo Machthaber Gaddafi normalerweise in seinem Zelt residiert.

Nach Angaben von lokalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen sind seit Mitte letzter Woche mindestens 400 Menschen gestorben, wahrscheinlich jedoch wesentlich mehr. Allein in Tripolis gab es nach Augenzeugenberichten bis zum Abend mehr als 100 Opfer.

Justizminister Mustafa Abdul-Jalil trat am Montag als erstes Regierungsmitglied aus Protest gegen den „exzessiven Einsatz von Gewalt gegen unbewaffnete Demonstranten“ zurück. Auch der libysche Vertreter bei der Arabischen Liga in Kairo, mehrere Diplomaten bei den Vereinten Nationen sowie die libyschen Botschafter in Polen, Indien, Indonesien und China legten ihre Ämter nieder. In manchen Orten feierten die Menschen bereits das Ende des Gaddafi-Regimes, doch der Diktator hielt sich am Montagabend offenbar noch innerhalb des Landes auf. Der britische Außenminister William Hague deutete zwar an, der seit 42 Jahren regierende Despot habe sich nach Venezuela abgesetzt. Das wurde aber von der Regierung in Caracas dementiert. Sämtliche europäische Staaten, die USA und Russland begannen, ihre Staatsangehörigen aus dem Land zu holen.

Situation spitzt sich zu

Die Situation hatte sich schon in der Nacht zu Montag zugespitzt, nach einer provokanten Fernsehansprache von Saif al-Islam, dem zweiten Sohn Gaddafis. Er drohte den Menschen mit Blutbad und Bürgerkrieg. In scharfem Ton verurteilte er den Aufstand als eine „ausländische Verschwörung“. Das Land stehe an einem Scheideweg, rief er mit erhobenem Zeigefinger. „Wir werden Libyen nicht aufgeben. Wir werden zu den Waffen greifen und bis zur letzten Patrone kämpfen.“ Libyen sei nicht Ägypten und nicht Tunesien, fügte Saif al-Islam hinzu. „Wenn jeder eine Waffe hat, bedeutet das Bürgerkrieg. Und wir werden uns alle gegenseitig abschlachten.“

Daraufhin setzte eine wütende Menge das staatliche Fernsehgebäude in Brand sowie mehrere Ministerien, Polizeistationen und den Volkskongress, Gaddafis Pseudo-Parlament. Zahlreiche Banken und öffentliche Gebäude wurden geplündert, die an allen Straßenecken stehenden Propaganda-Plakate des „Bruder Führers“ zerstört. Soldaten schossen mit Maschinengewehren und Artillerie auf die Demonstranten, nach unbestätigten Meldungen flogen auch Militärjets Bomben-Angriffe auf die Menge.

Die Führung der Regimegegner rief die Menschen in Tripolis und Umgebung zu einem „Marsch einer Million Menschen“ auf, um die weitläufige, schwer bewachte Militärbasis Bab al-Azizia zu umzingeln, wo Gaddafi normalerweise residiert, wenn er in Tripolis residiert. Auf dem Grünen Platz im Zentrum skandierte eine aufgebrachte Menge: „Komm raus Du Feigling, zeig dich, wenn du ein Mann bist“.

Bewohner berichten von Massaker

Bewohner der Stadtteile Tajura und Fashlum von Tripolis berichteten der Nachrichtenagentur AFP von einem Massaker. Scharen von Plünderern seien auf den Straßen. Bewaffnete schössen ohne Hemmungen auf jeden, unter den Toten seien auch Frauen. Man bete, dass alles schnell ein Ende finde. „Wir brauchen kein Brot, wir haben genug davon“, schilderte ein Einwohner aus der Hafenstadt Dernah die Stimmung unter den Protestierenden, „wir wollen Demokratie essen. Wir wollen Freiheit trinken.“

Auch über Bengasi standen am Montag weiter dunkle Rauchwolken. Als Gaddafi seiner Luftwaffe am Morgen befahl, die Stadt zu bombardieren, verweigerten die Piloten den Befehl und begingen Fahnenflucht. Die beiden flogen ihre Mirage-Jets nach Malta, erzwangen eine Landung und erbaten politisches Asyl. Der Chef der Intensivstation des Al-Jalae-Krankenhauses berichtete, allein am Sonntagnachmittag seien 50 Leichen mit Schusswunden eingeliefert worden. Mehr als 200 Menschen seien verletzt worden, die Hälfte von ihnen schwebe noch in Lebensgefahr. Soldaten einer im Stadtzentrum stationierten Eliteeinheit hatten zuvor mit Maschinengewehren und Panzerfäusten das Feuer auf einen Trauerzug eröffnet.

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