Lade Inhalte...

Proteste in Libyen Tuareg reiten für den Widerstand

Mächtige rebellierende Wüstenstämme in Libyen destabilisieren das Gaddafi-Regime zusätzlich. Stämme spielen im sozialen Gefüge des Landes immer noch eine zentrale Rolle. Ganz im Gegensatz zur politischen Opposition.

22.02.2011 18:33
Birgit Cerha
Das Volk der Tuareg in Nordafrika. Foto: REUTERS

Ein Sturz des Regimes Muammar al-Gaddafi, so drohte Saif al-Islam, Sohn des libyschen Diktators, werde das Land ins Chaos stürzen, Angehörige verschiedener Stämme würden „einander in den Straßen töten“. Das Töten ist auf Befehl des Herrschers längst Realität geworden, und viele Libyer fürchten sich nun vor der Anarchie eines Machtvakuums, das ein Sturz des Herrschers nach 42 Jahren hinterlassen könnte.

Seit Gaddafi an der Spitze einer Gruppe freier Offiziere 1969 die pro-westliche Monarchie stürzte, verkündete er dem Land zwar eine soziale Revolution, hielt sich jedoch mit Brutalität an der Macht. Oppositionsbewegungen wurden zerschlagen, deren Angehörige inhaftiert und häufig exekutiert, während der Diktator seine Gegner im Ausland viele Jahre lang verfolgte.

Schon bald nach seiner Machtübernahme geriet Gaddafi, der seine eigene „grüne“ Version des Islams predigt, in schweren Konflikt mit den traditionellen islamischen Institutionen des Landes. Zu seinen Erzfeinden erkor er neben den gemäßigteren Muslimbrüdern vor allem radikalere islamistische Strömungen, gegen die er mit besonderer Härte vorging.

Erst in den vergangenen Jahren begann sein Sohn Saif al-Islam einen Dialog mit islamischen Extremistengruppen, darunter insbesondere der „Libyschen Islamischen Kampfgruppe“, die 1996 einen Attentatsversuch gegen Gaddafi unternommen und sich später wiederholt Gefechte mit libyschen Sicherheitskräften geliefert hatte. Zu ihren Mitgliedern zählten heimgekehrte Kämpfer aus dem Krieg gegen die Sowjetunion in Afghanistan, die auch Kontakte zur Terrororganisation Al-Kaida pflegten. Im Gefängnis schworen einiger dieser Militanten jedoch nach offiziellen Aussagen Saif al-Gaddafis dem Terror ab, zu Beginn der Unruhen wurden rund 110 Häftlinge der Gruppe freigelassen.

De facto gibt es heute in Libyen keine organisierte Opposition. Im Exil formierten Gaddafis Gegner zwar diverse politische Gruppierungen, sind jedoch stark zersplittert und ebenfalls politisch bedeutungslos. Sieben Oppositionsparteien, darunter die „Nationale Front zur Rettung Libyens“ (NFRL), die größte unter ihnen, schlossen sich 2005 in London zur „Nationalen Konferenz für die libysche Opposition“ zusammen.

Keine nationale Identität

Jahrelang hatten sie kaum Zugang zur libyschen Bevölkerung, gewannen nun aber dank Internet und sozialer Netzwerke vor allem unter der jungen Bevölkerung ein wenig an Einfluss durch ihr entschiedenes Engagement für den „Tag des Zorns“, der am 17. Februar den Auftakt zur Rebellion setzte. Doch ein künftiger Führer lässt sich nicht erkennen.

#infobox

Demgegenüber spielen im sozialen Gefüge des Landes die Stämme immer noch eine zentrale Rolle. Die Entscheidung des mächtigen Warfala-Stammes, zu dem sich etwa eine Million Libyer zählen, sich den Gegnern Gaddafis anzuschließen, wird als entscheidende Schwächung des Diktators gewertet. Dies wurde noch verstärkt, als es Warfala-Führern gelang, Angehörige der südlichen Tuareg-Stämme, die etwa 500.000 Menschen zählen, für den Widerstand zu gewinnen.

Als sich nach zehnjähriger Herrschaft im Land eine Opposition gegen Gaddafi zu formieren begann, suchte der Revolutionsführer zum alten Teile-und-herrsche-System Zuflucht und verstärkte erneut die Stammesstrukturen. Er gründete ein „Soziales Führungskomitee“, das sich aus 15 Repräsentanten der größten der insgesamt rund 100 Stämme des Landes zusammensetzt und zugleich auch Repräsentant der Stämme in den Streitkräften ist. Gaddafi hielt die Stammesführer durch Privilegien bei der Stange. So verhinderte er die Entwicklung einer nationalen Identität unter einer Bevölkerung, die außer brutalem italienischen Kolonialismus keine gemeinsame historische Erfahrung besitzt.

#gallery

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen