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Muammar al-Gaddafi im Porträt Regierender Exzentriker

Die Marotten Gaddafis sind legendär: Ein US-Gesandter hält ihn auch für einen „Meister-Intriganten" und "Hypochonder". Seine Familie inszenierte Gaddafi wie eine Seifenoper - und schürte damit die Wut des Volkes.

Muammar al-Gaddafi, Diktator und kinderreicher Vater. Foto: dpa

Muammar al-Gaddafi – der sich je nach Anlass als „Oberst“, „Brüderlicher Führer“, „Wächter der Revolution“, „König aller Könige“ oder gar „höchster Imam der muslimischen Welt“ feiern lässt – ist einer der letzten noch regierenden Exzentriker Afrikas. Nach dem Ende des ugandischen Diktators Idi Amin, des zentralafrikanischen „Kaisers“ Bokassa oder des Kongolesen Mobutu Sese Seko muss der seit 42 Jahren herrschende Autokrat inzwischen allein herhalten, wenn es um Anekdoten, endlose Reden oder Skurrilitäten eines afrikanischen Big Man geht.

Berühmtheit erlangte seine Angewohnheit, stets mit einem Zelt, einem lebenden Höckertier als Quelle für die geliebte Kamelmilch sowie der blonden und vollbusigen ukrainischen Krankenschwester Galyna Kolotnytska auf Reisen zu gehen. Galyna hat seit einiger Zeit die einst nur aus Frauen bestehende Leibwache abgelöst. Dank der Veröffentlichungen der Enthüllungsplattform Wikileaks hat sich das Wissen um die Eigentümlichkeiten des 68-jährigen Revolutionsführers inzwischen noch vermehrt. In Meldungen nach Washington kabelte der ehemalige US-Botschafter in Tripolis, Gene Cretz, bei Gaddafi handele es sich um eine „sprunghafte und exzentrische Figur, die unter schwerwiegenden Zwängen leidet, den Flamenco-Tanz sowie Pferderennen liebt, sich von Marotten leiten lässt und Freunde wie Feinde gleichermaßen aus der Fassung zu bringen pflegt“.

Botox und missglückte Haarverpflanzungen

Der Gesandte der Supermacht verwies etwa darauf, dass der libysche Staatschef ungern über Meere fliege und vom Charakter her ein „Hypochonder“ sei. Seine Besuche bei Ärzten lasse er mit Videokameras aufzeichnen, um anschließend andere Ärzte um deren Kommentar befragen zu können. Auch über die Gründe für die eigentümliche Physiognomie Gaddafis ließ sich Cretz in seinen Berichten aus. Seine schlaffe Gesichtsmuskulatur sei nicht einem Schlaganfall, sondern den vielen Versuchen zuzuschreiben, die faltige Haut mit Botox-Spritzen aufzufrischen. Sein merkwürdiger Haaransatz rühre vom missglückten Versuch, dem „extrem eitlen“ Führer neue Haare einzupflanzen. Gerade wegen solcher Schrulligkeiten warnt der Ex-Botschafter davor, den Autokraten in seiner Herrschaftskunst zu unterschätzen. Bei Gaddafi handele es sich um einen „Meister-Intriganten“, der sein Land und dessen „zerstrittene Stämme“ über vier Jahrzehnte lang „erfolgreich dominierte“, indem er jeden Menschen in seiner Umgebung „gekonnt manipulierte“. Der Staatschef übe über alle wichtigen Resorts seiner Regierung die Kontrolle aus: Er überprüfe jeden Staatsauftrag, der mehr als 200 Millionen Dollar betrage, suche wichtige Leute selbst aus und sei „stets bestens unterrichtet“.

Als Beweis dafür dient eine Anekdote aus dem Jahr 2009, als der republikanische Senator John McCain den Revolutionsführer morgens um elf Uhr in seinem Zelt aufsuchte. Mit ungekämmten Haaren, zugeschwollenen Augen und ungebügelter Hose habe Gaddafi den Eindruck erweckt, als sei er gerade aus dem Bett gefallen. Doch während des Gesprächs sei er „hellwach und engagiert“ gewesen und habe sogar seinen ihm als Sicherheitsberater dienenden Sohn Muatassim gerüffelt, als dieser McCain zu unterbrechen wagte.

Überhaupt die Familie: „Gaddafi Incorporated“ nennt Botschafter Cretz das Phänomen, das die Wut des libyschen Volkes wie kaum etwas anderes schürte. Der „Wächter der Revolution“ hat acht Kinder, die fast alle führende Positionen im Staat bekleiden und sich alle aus dem Fluss der Ölmilliarden bedienen. Hinzu kommt, dass sich die Sprösslinge des „Brüderlichen Führers“ gegenseitig bekämpfen. Von einer „libyschen Seifenoper“ ist in einer Depesche von 2010 die Rede.

Nun ist aus der Seifenoper eine blutige Tragödie geworden. Gaddafi habe versucht, die Geld- und Machtgier seiner Söhne „in einer Art Hochseilakt“ auszugleichen, schrieb US-Botschafter Cretz: „Wobei der alternde Führer wohl absichtlich immer wieder die Balance veränderte, um keinen von ihnen gewinnen zu lassen.“

Zumindest auf diese Übung kann der Raubtier-Dompteur inzwischen verzichten: Angesichts des nahen Endes ist sich Gaddafi Inc. so einig wie noch nie.

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