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Libyen: Rebellen erreichen Tripolis Auf dem Weg zum Ziel

Nach langem Stillstand haben die libyschen Rebellen Boden gut gemacht. Die Einnahme von Tripolis wird aber eine enorme Aufgabe. Machthaber Gaddafi ruft seine Anhänger zum Widerstand auf.

Rebellen bringen sich vor Scharfschützen Gaddafis in Sicherheit. In vielen Teilen der libyschen Hauptstadt gab es Feuergefechte. Die Lage ist unübersichtlich. Foto: AFP

„Wir werden nicht zulassen, dass sie unseren Sender einnehmen. Auch Tripolis und ganz Libyen werden wir verteidigen!“, sagt die Moderatorin des staatlichen libyschen Fernsehens und schwenkt einen Revolver. Bekleidet mit Lederweste und einem grünen Halstuch wandte sie sich mit einem flammenden Appell an die Bürger der Hauptstadt Tripolis und forderte sie auf, gegen die Rebellen zu kämpfen: „Der Koran ist eindeutig. Der Dschihad gegen die Angreifer ist die Pflicht eines Muslims!“.

Das Regime von Muammar al- Gaddafi rüstet zum Endkampf. Der Aufstand hat die Hauptstadt erreicht und seit Samstag wird in Tripolis gekämpft. Aus vielen Teilen der Stadt, besonders aus den östlichen Vororten werden Feuergefechte gemeldet. Auch aus der Gegend um Bab al Azaziye, wo sich der stark befestigte Palast Gaddafis befindet, werden Gefechte gemeldet. Endlich, so scheint es, kommt Bewegung in die Kämpfe in Libyen.

Seit Wochen ringen die Einheiten der Anti-Regierungskoalition hart mit Gaddafis Truppen. Trotz Unterstützung durch die Nato machten sie jedoch kaum Boden gut und die Hoffnung, Gaddafi militärisch zu besiegen, schwand zusehends. Am Freitag wendete sich das Blatt. Das heftig umkämpfte Al-Sawija und vor allem Sliten und die Öl-Stadt Brega wurden von Anti-Regierungskämpfern eingenommen. Jubelnd zerstörten die Rebellen Bildnisse von Gaddafi und verbrannten die grüne Fahne der Regierung als sie durch die Straßen von Al-Sawija zogen.

Noch ist Tripolis nicht erobert

Allerdings ist das Ende Gaddafis wohl nicht so nahe, wie der Jubel bei den Rebellen und deren Vertretung in Bengasi vermuten lassen: Noch ist Tripolis nicht erobert. Nach anfänglichen Erfolgen der Aufständischen in Tripolis schlugen die Pro-Gaddafi-Truppen zurück. In einer Audiobotschaft wandte sich der Machthaber selbst in der Nacht zu Sonntag an die Bevölkerung: „Die Ratten wurden zurückgeschlagen. Die Massen haben sich gegen sie erhoben und sie eliminiert“, sagt er. Beim Satellitensender Al Dschasira gingen am Sonntagmorgen Hilferufe von Rebellen aus Tripolis ein. Es seien nur wenige bewaffnete Aufständische in der Hauptstadt und sie bräuchten dringend Unterstützung aus der Luft durch Nato-Flugzeuge oder – noch besser – durch Einheiten der Rebellen. Mehrere schwere Explosionen wurden gemeldet.

Doch auch der Vormarsch der Rebellentruppen auf die Hauptstadt ist nach den Erfolgen am Freitag und Samstag wieder ins Stocken geraten: Zwar wurde Sliten nach sehr blutigen Kämpfen eingenommen, um die Küstenstadt zwischen Misurata und Tripolis tobt der Krieg schon seit zwei Monaten. Auch die Einnahme Al-Sawijas gilt als großer Erfolg. Allerdings sind die Menschen dort offensichtlich nicht in Sicherheit. Am Samstag traf eine Granate das Krankenhaus von Al-Sawija und zerstörte den Operationssaal. Auch die Vorherrschaft über Brega machen die Gaddafi-Truppen den Rebellen weiter streitig. Noch haben die Rebellen nicht das Öl-Terminal von Brega unter Kontrolle. Gelänge ihnen das, könnten sie die Gaddafi-Truppen vom Treibstoffnachschub abschneiden. Von Westen her näherten die Rebellen sich bis auf 35 Kilometer der Hauptstadt Tripolis. Beim Städtchen Maya wurde ihre Offensive von den Regierungstruppen gestoppt.

So ist der Krieg dichter an die Hauptstadt herangerückt, doch noch lange nicht gewonnen, wie es scheint. „Tripolis ist gut geschützt von tausenden professionellen Soldaten“, betonte Informationsminister Moussa Ibrahim gestern vor Journalisten. Die Rebellen bezeichnete er als schwach und feige: „Sie können nur vorwärtskommen, wenn die Nato ihnen den Weg freibombt.“ Sie seien keine Freiheitskämpfer und beim Volk nicht beliebt und so werde sich die Bevölkerung von Tripolis gegen die Angriffe verteidigen, sagte er. Ähnlich äußerte sich auch Saif al Islam, der Sohn Gaddafis bei einem Auftritt vor Jugendlichen, den das libysche Fernsehen übertrug. „Wir werden niemals die weiße Fahne hissen. Wir werden nicht aufgeben“, sagte er. Zugleich bot er den Rebellen jedoch Friedensgespräche an.

Es gibt Berichte, wonach Saif al Islam intensiv mit den Rebellen verhandele, um das Land verlassen zu können oder auf andere Art die Krise zu beenden. Möglicherweise werden diese Berichte vom Umfeld des Nationalen Übergangsrates aber auch gezielt lanciert, um die Stimmung zu heben. Derzeit leidet die Quasi-Regierung unter einer Vertrauenskrise. Mit gezielter Verbreitung von Erfolgsmeldungen könnte sie die Unterstützung zurückgewinnen. Ohne konkrete Erfolge aber wird diese Taktik nicht funktionieren.

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