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Krieg in Libyen Im Westen lauert Gaddafi

Die Truppen des Diktators haben den Ölhafen Ras Lanuf zurückerobert. Ein Rückschlag für Libyens Rebellen. Unser Korrespondent Martin Gehlen berichtet aus der umkämpften Stadt.

Viele der Rebellen – das Bild zeigt Aufständische in Ras Lanuf – sind Zivilisten aus Bengasi und Tobruk. Nur die wenigsten haben militärische Erfahrung. Foto: dpa

Die Truppen des Diktators haben den Ölhafen Ras Lanuf zurückerobert. Ein Rückschlag für Libyens Rebellen. Unser Korrespondent Martin Gehlen berichtet aus der umkämpften Stadt.

Mit einem Satz springt Abdullah Ali Muftah auf die Kühlerhaube seines grünen Landrover Defender. „Rennt nicht einfach nach vorne, die wollen euch reinlegen. Teilt euch in Gruppen auf und ernennt einen Anführer“, gestikuliert er. „Hier gibt es viele Verräter. Die geben sich als Rebellen aus und schießen dann auf uns“, beschwört der Ex-Feldwebel die Kriegerschar, die im Nu seinen Wagen umringt – Ingenieure, Bankbeamte und Lehrer, aber auch ganze Freundeskreise von Studenten und Nachbarschaften aus den Rebellenstädten Bengasi, Al Baida und Tobruk.

Ihre fehlende militärische Ahnung ersetzen diese Ad-hoc-Krieger durch überschäumenden Enthusiasmus. Die einen haben sich einen Polizei-Jeep aus dem Hafen von Bengasi organisiert und darauf ein Maschinengewehr geschweißt, andere haben sich eine kleine Flak aus einem Armeedepot „besorgt“. Wer auf dem Weg zur Front nichts zu schießen gefunden hat, stolziert wenigstens mit einem Fahrtenmesser oder einem Patronengurt herum.

Irgendwo auf der endlosen Küstenstraße, auf halbem Weg zwischen der Rebellenhochburg Bengasi und der Gaddafi-Heimatstadt Sirte, ist der schnelle Vorstoß der Aufständischen westlich der Ölstadt Ras Lanuf zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen abrupt zum Stehen gekommen. Hinter ihnen liegen sechs Stunden lange Nachschubwege, vor ihnen dicht gestaffelte Stellungen aus Gaddafis Panzern, Raketenwerfern und Minengürteln.

Stundenlang dumpfe Einschläge

„Das Regime ist den Aufständischen militärisch himmelhoch überlegen“, urteilte der zuständige US-Kommandeur für Afrika, General Carter F. Ham. Gaddafis Einheiten könnten die Rebellen entlang der Küstenstraße „sofort wieder weit zurückdrängen. Der einzige Grund, warum das bisher nicht passiert, sind die Flugzeuge der Koalition.“ Den Aufständischen hielt er vor, die gleichen Fehler zu machen wie beim ersten Vorstoß Richtung Tripolis. Sie agierten chaotisch, rückten viel zu schnell vor, errichteten keine festen Verteidigungslinien und hätten keine klare Führung. Am Mittwoch heißt es, Gaddafis Truppen hätten Ras Lanuf und auch die Stadt Brega zurückerobert.

Von Ferne sind stundenlang dumpfe Einschläge von Grad-Raketen zu hören, es steigt dunkler Rauch auf. Krankenwagen rasen mit Verletzten davon, während andere Kampfkameraden hilflos Gewehrsalven in die Luft feuern. Von vorne kommen in panischer Flucht ganze Rudel von Rebellenautos zurück, ein Pick-up hinkt mit glühender Felge vorbei. Verächtlich zeigt Abdullah Ali Muftah auf das beigefarben lackierte Kanonenrohr, das er vorne auf seinen Jeep geschnallt hat.

Damit kann man fünf Kilometer weit schießen, sagt er, mit den Grat-Raketen und den modernen Panzern dagegen zwischen 20 und 35 Kilometer. Ihren Feind bekommen die Rebellen meist gar nicht zu Gesicht. „Ich kenne die Gegend hier“, sagt der 55-Jährige, der nach seiner aktiven Militärzeit lange als Fahrer der ansässigen Ölfirma gearbeitet hat. Und er weiß, je mehr sich die ortsunkundigen Rebellen in Richtung Westen bewegen, desto häufiger tappen sie in blutige Hinterhalte der Regime-Truppen.

Hätten nicht in den vergangenen Tagen alliierte Kampfjets nachts jedes Kriegsfahrzeug Gaddafis im Osten Libyens mit Raketen zu Schrott geschossen, hätte es überhaupt keinen Vormarsch der Rebellen gegeben. Je enger die Luftschläge in der Nacht jedoch mit dem Vormarsch am Tag verzahnt erscheinen, desto stärker werden die ausländischen Jagdflieger de facto als Kriegspartei in den sich ausbreitenden Bürgerkrieg hineingezogen.

Rebellenautos rasen hinter einem Chevrolet her

Um diesem Dilemma zu entgehen, denken nicht nur Frankreich, sondern auch die USA inzwischen offen darüber nach, die Rebellen mit Waffen zu beliefern, damit sie den Vormarsch aus eigener Kraft schaffen können. „Wir schauen uns alle Optionen an, wie wir die Opposition unterstützen können“, erklärte US-Präsident Barack Obama in der Nacht zu Mittwoch in einem Fernsehinterview. Eine Entscheidung allerdings sei noch nicht gefallen.

Die Ortschaften entlang der Küstenstraße sind mittlerweile menschenleer, die meisten Bewohner geflohen und die Geschäfte verriegelt. Es gibt keinen Strom, keine Lebensmittel, kein Telefon, nur das Wasser fließt noch. Viele Rebellen haben die Nacht am Ortseingang von Ras Lanuf auf Bürgersteigen verbracht. Schmuddelige Matratzen reihen sich aneinander, Wolldecken, Gewehre und Fahrzeuge. Der Asphalt ist übersät mit leeren Wasserflaschen, Essensresten, Patronenhülsen und Konserven. Die Kost sind Datteln, Sandwichs mit Bohnen, Thunfisch und Reis – alles wird im Ameisentransport per Pkw von Bengasi aus an die Front gefahren.

Es knallen wieder Schüsse, quietschen Reifen, drei, vier Rebellenautos rasen hinter einem Chevrolet her, in dem Gaddafi-Leute sitzen sollen. Nach einer Weile kommen die Verfolger hupend, schreiend und schießend mit einem Lederamulett, einem Gewehr und einem Bündel Geldscheine als Trophäen zurück.

Viele Tote

Gaddafis Männer hätten sich ihnen genähert, plötzlich aus dem Auto heraus das Feuer eröffnet und mehrere angeschossen. Auch andere Bewohner der Gegend sind offenbar regimetreu und lassen Soldaten aus ihren Häusern heraus auf die Rebellen zielen. An einer Stelle hatten Gaddafi-Einheiten zwei Panzer mit weißen Flaggen aufgestellt. Als die aufgeregte Rebellenschar herbeieilte, nahm sie ein dritter Panzer unter Feuer. Es gab viele Tote.

Auch seitwärts der Küstenstraße in den Sanddünen oder angrenzenden Wüstenstreifen halten sich Armee-Kommandos in wendigen Jeeps versteckt. Sie lassen die ortsunkundigen Rebellen passieren und fallen ihnen dann mit Maschinengewehren in den Rücken. Vielen hat ihre Unerfahrenheit bereits das Leben gekostet – und in Bengasi werden die Listen, die an schwarzen Brettern hängen und die Vermissten aufführen, immer länger.

„Die meisten Rebellen sind Zivilisten, haben nur leichte Waffen und sehr wenig militärische Erfahrung“, sagt Feldwebel Abdullah Ali Muftah, der selbst sechs Jahre im Tschadkrieg gekämpft hat. „Ich bin frustriert, weil wir so schlecht organisiert sind.“ Solange die internationale Gemeinschaft ihre Flugzeuge schicke, könne Gaddafi den Osten Libyens nicht mehr zurückerobern, sagt er. „Unser Marsch nach Westen aber wird wohl noch länger dauern.“

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