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Italien In Furcht vor Gaddafis Rache

Auf Lampedusa weckt der Libyen-Krieg schlimme Erinnerungen: Schon 1986 zeigte ein libyscher Raketenangriff auf die Insel, wie nah Libyen Europa doch eigentlich ist. Einem Europa, das das Gaddafi-Regime militärisch angegriffen hat.

Auch die Flüchtlingsströme aus Nordafrika landen zumeist erst auf Lampedusa. Foto: REUTERS

Es war ein milder Nachmittag im April, als die Bewohner von Lampedusa ungewöhnliche Geräusche hörten. „Ein Donnergrollen, zweimal kurz hintereinander“, erzählt Giacomo Sanguedolce. „Mir war aber schnell klar, dass das kein Donner gewesen sein konnte.“ Der Blick des alten Mannes verliert sich in seinen Erinnerungen. Dann erzählt er weiter von den Menschen, die an jenem 15. April 1986 in Panik auf die Straße rannten. Zwei Druckwellen rollten über die Insel.
Die Abendnachrichten brachten dann Gewissheit. Lampedusa war ins Visier des unberechenbaren Obersts jenseits des Meeres geraten. Zwei Scud-Raketen ließ Muammar al-Gaddafi an jenem Tag in eine Nato-Basis auf Lampedusa feuern, die damals den Amerikanern unterstand. In den frühen Morgenstunden des gleichen Tages hatte Präsident Ronald Reagan Tripolis und Bengasi bombardieren lassen, als Vergeltung für den Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle, hinter dem Washington den libyschen Revolutionsführer vermutete.

25 Jahre später geht wieder die Angst um auf Lampedusa, Europas südlichstem Vorposten im Mittelmeer. Es ist eine doppelte Angst: dass der „Colonnello“, wie Gaddafi in Italien genannt wird, noch einmal die Insel ins Visier nehmen könnte. Und dass die Insel wieder zum Tor nach Europa wird für alle, die in ihren Ländern keine Zukunft mehr sehen.

Lampedusa bewältigt die Ankunft von immer neuen Bootsflüchtlingen kaum noch. Fast 6.000 hielten sich gestern dort auf, deutlich mehr, als der kleine Ort Einwohner hat. Das Auffanglager ist überfüllt. Überall nächtigen die Bootsflüchtlinge, in Hauseingängen, leerstehenden Häusern, im Freien. Und die Spannungen steigen. Zum wiederholten Male fordern die Bewohner, dass die Neuankömmlinge schnellstmöglich weggebracht werden.
Berlusconis Spagat

Fast 15.000 sind in diesem Jahr bereits in Italien angekommen. Die Regierung, allen voran der zuständige Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord, beschwört seit Wochen die Gefahr eines drohenden „biblischen Exodus“ aus Nordafrika.
Bisher sind es fast ausschließlich Tunesier. Was aber, so fragen sich viele auf Lampedusa, wenn eine Massenflucht von Libyern vor ihrem Diktator einsetzt? Oder vor dem „Krieg“, an dem Italien beteiligt ist? In Rom meiden die politisch Verantwortlichen den Begriff Krieg. „Wir sind nicht in einen Krieg eingetreten, sondern beteiligen uns an der Umsetzung einer UN-Resolution“, beschwichtigt auch Staatspräsident Giorgio Napolitano. Die meisten Italiener dagegen haben etwas länger gebraucht, um zu begreifen, dass sich ausgerechnet ihr Regierungschef Silvio Berlusconi entschlossen hat, der Allianz gegen seinen Intimfreund Gaddafi beizutreten. Erst allmählich erwacht das Land aus der Schockstarre, werden erste Demonstrationen für das Wochenende geplant.

Berlusconi übt sich in der Kunst des Spagats. Er muss nicht nur den Groll des Koalitionspartners Lega Nord besänftigen, der gar nicht glücklich ist über diesen „Akt von Neokolonialismus“, sondern vor allem die Ängste in der Bevölkerung zerstreuen, dass sich Gaddafi für den „Verrat Italiens“ rächen könnte. „Ich empfinde Schmerz wegen Gaddafi“, sagt Berlusconi. Eine akute militärische Gefahr für Italien bestehe aber nicht.

Auf Lampedusa sehen sie das anders. Bis heute gehen die Meinungen auseinander, ob Gaddafi damals nicht treffen konnte oder wollte. Die Scud-Raketen schlugen kurz vor der Küste ins Meer.

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