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Interview Salih Muslim „Es gab keinen Kurden-Deal mit dem Regime“

Der syrische Kurdenführer Salih Muslim spricht im Interview über sektiererische Konflikte in Syrien und über die Einmischung der Türkei in den Bürgerkrieg.

01.12.2012 13:17
Der syrische Kurdenführer Salih Muslim.

Salih Muslim, 61, ist der Ko-Vorsitzende der sozialistischen kurdischen Partei der Demokratischen Einheit (PYD) in Syrien, einem Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die PYD kontrolliert derzeit weitgehend die syrischen Kurdengebiete an der Grenze zur Türkei, die sie als Westkurdistan bezeichnet. Im Telefon-Interview spricht er über sektiererische Konflikte in Syrien und über die Einmischung der Türkei in den Bürgerkrieg. Muslims Aussagen sind wegen der Beschränkungen für unabhängige Journalisten in Syrien im Einzelnen kaum überprüfbar.

Herr Muslim, wie ist derzeit die Versorgungslage in den syrischen Kurdengebieten?

Wir haben große Probleme mit der Versorgung, die Lage ist sehr schwierig, aber nicht bedrohlich. Sehr viele Menschen sind aus anderen Städten und Regionen zu uns geflüchtet, Kurden, Araber, Christen. Etwa eine halbe Million Menschen, die Hälfte von ihnen sind Kurden. Wir versuchen, den Menschen zu helfen.

Wo stehen die syrischen Kurden im Bürgerkrieg? Wo steht Ihre Partei PYD? Sind Sie gegen das Regime in Damaskus?

Ja, wir wollen, dass Baschar al-Assad und das Regime der Baath-Partei verschwinden. Wir wollen die Demokratie.

Warum vereinigen sie sich dann nicht mit dem Syrischen Nationalrat oder der neuen Nationalen Koalition? Die wollen auch eine Demokratie in Syrien.

Weil sie das kurdische Volk nicht anerkennen – sondern nur als Sklaven betrachten. Würden sie es ernst meinen mit der Demokratie, dann würden sie mit uns einen Vertrag schließen, dass sie das kurdische Volk als Nation in der Verfassung anerkennen. Aber das akzeptieren sie nicht. Deshalb können wir uns ihnen nicht anschließen. Aber wir sind ein Teil des Nationalen Koordinationsrats für Demokratischen Wandel in Syrien.

Dieser Rat ist zahnlos und besteht im Wesentlichen aus Mitgliedern von Blockparteien des Regimes. Warum sind Sie nicht zum Treffen der syrischen Opposition nach Doha im November gereist?

Wäre der Kurdische Hohe Rat eingeladen worden, hätten wir teilgenommen, aber das war nicht der Fall. Die Araber akzeptieren weder die PYD noch den Kurdischen Nationalrat, die gemeinsam den Hohen Rat bilden, der die syrischen Kurdengebiete verwaltet. Wir waren bei dem großen Treffen der syrischen Opposition Ende Juni in Kairo. Aber vor allem die Muslimbrüder wollten uns nicht akzeptieren. Sie laufen an der Leine des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan.

„Wir wünschen uns gute Beziehungen zur Türkei“

Die PYD gilt als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Ankara geht davon aus, dass Sie die Türkei angreifen wollen. Trifft das zu?

Unsinn! Das ist nur ein Vorwand, um uns anzugreifen. Wir schätzen die PKK, aber wir haben nichts mit ihr zu tun und werden auch niemanden von Syrien aus angreifen. Wir Kurden sind nicht die Feinde anderer Völker oder Regime. Wir verlangen lediglich unsere Rechte. Wir wünschen uns gute Beziehungen zur Türkei.

Seit zwei Wochen gibt es Kämpfe zwischen der Freien Syrischen Armee und kurdischen Verbänden der PYD in Serekani (Ras al-Ain) an der syrisch-türkischen Grenze. Was ist da los?

In rein kurdischen Gebieten haben wir im Juli die Einrichtungen des Regimes übernommen. Die Region Serekani ist kompliziert, denn dort leben Kurden und Araber gemeinsam. Deshalb waren wir extrem vorsichtig. Und deshalb gab es dort noch einige Soldaten des Regimes, Grenzpolizisten und Geheimdienstler. Am 9. November attackierten dann bewaffnete arabische Gruppen der Freien Syrischen Armee (FSA) die verbliebenen Truppen des Regimes in Serekani.

Wer genau hat am 9. November von wo angegriffen?

Die Angreifer kamen von der türkischen Seite der Grenze und attackierten zunächst den Grenzposten des Assad-Regimes. Die türkische Armee hatte die gesamte Gegend einen Tag zuvor geräumt und sogar ihre Grenzposten abgezogen, sodass die FSA freien Zugang hatte. Allerdings war es nicht die echte FSA, sondern ausländische Kämpfer der al-Nusra-Front und der Brigade al-Sham, die beide zu al-Kaida gehören. Wenig später begannen sie, die kurdischen Viertel von Serekani anzugreifen.

Um wie viele Angreifer handelte es sich?

Um 700 bis 1000 Angreifer. Sie kamen zum einen aus der Türkei in türkischen Armeefahrzeugen, zum anderen aus Syrien, aus Azaz und Aleppo. An den ersten Tagen kämpften sie nur gegen die Regimekräfte, und diese verteidigten sich. Wir verhielten uns ruhig.

Wieso kam es dann später doch zu Kämpfen zwischen der FSA und Ihren kurdischen Volksverteidigungskräften in Serekani?

Am dritten Tag griffen sie plötzlich die Kurdenviertel an. Wir verhandelten mit ihnen und sagten ihnen: Bleibt, wo ihr seid! Die Verhandlungen führte auf kurdischer Seite der Präsident des Volksrates von Serekani, Abid Xelil. Doch sie töteten ihn und ließen uns damit keine andere Wahl. Unsere Volksverteidigungskräfte attackierten die FSA, und bis vor wenigen Tagen kämpften wir gegeneinander. Am vergangenen Wochenende begannen wir, mit der FSA über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Wir schlugen vor, dass Araber und Kurden zusammen die Stadt verwalten sollten. Doch die Türkei akzeptierte die Vereinbarung nicht und befahl der FSA: „Kämpft weiter – oder wir unterstützen euch nicht mehr.“ Das haben uns FSA-Leute berichtet. Noch ruhen die Waffen. Allerdings hat jede Seite Gefangene der anderen Seite.

Haben Sie versucht, mit den Türken zu verhandeln?

Die türkische Regierung ist dazu nicht bereit. Türkische Soldaten schossen von der Türkei aus Mörsergranaten auf kurdische Stellungen.

Wie viele Menschen starben bei den Kämpfen in Serekani?

Insgesamt etwa 50 Menschen.

„Abdullah Öcalan ist der Anführer aller Kurden“

Die Türkei setzt Sie mit der PKK gleich, die gegen die türkische Regierung kämpft.

Sie werden keinen einzigen PKK-Kämpfer bei uns finden. Die haben alle eine Heimat in Diyarbakir, Van oder Mardin in der Türkei. Sie müssen nicht zu uns kommen.

Das klingt nicht sehr glaubwürdig, schließlich hängen in den syrischen Kurdengebieten überall Bilder des PKK-Chefs Abdullah Öcalan.

Er ist der Anführer aller Kurden. Jeder Kurde verehrt und liebt Abdullah Öcalan und wünscht sich, dass er aus dem türkischen Gefängnis frei kommt. Aber er erteilt uns keine Befehle.

Die Türkei beklagt sich, dass ihre Grenzdörfer mit Granaten beschossen werden. Wenn Sie das nicht tun, wer tut es dann?

Das Regime. Es gibt Zusammenstöße nahe der Grenze zwischen der FSA und der syrischen Regierung.

Die Türkei geht davon aus, dass Sie eine Abmachung mit der Assad-Regierung abgeschlossen haben – Waffen für die PKK gegen den Rückzug des Regimes aus den Kurdengebieten im Juli. Gab es einen solchen Deal?

Nein. Es gab überhaupt keinen Dialog mit der Regierung. Das Regime hat die Kurden jahrzehntelang unterdrückt, Tausende ins Gefängnis geworfen und Hunderte umgebracht. Die Regierung zog sich auch gar nicht aus allen kurdischen Gebieten zurück. Hätten wir sie deshalb angegriffen, hätten sie unsere Gebiete bombardiert. Deshalb verhielten wir uns ruhig. Aber wo es möglich war, haben wir sie friedlich zum Rückzug gezwungen.

Wie das?

In der Stadt Kobani zum Beispiel haben unsere Leute die Gebäude des Geheimdienstes Mukhabarat umstellt und die Regimetreuen aufgefordert, sich zu ergeben – oder wir würden sie mit Gewalt vertreiben. Daraufhin sind sie gegangen.

„Wir sind ein Teil der syrischen Revolution“

Aber die FSA-Kommandeure werfen Ihnen vor, mit dem Assad-Regime zu kooperieren.

Das ist falsch. Wir sind ein Teil der Revolution, wir sind gegen das Regime, aber wir wollen nicht, dass Kurden sterben. In rein kurdischen Gebieten haben wir die Regierungsposten daher umzingelt und ihnen die Chance gegeben, einfach zu gehen. Das hat in vielen Orten funktioniert. Denen war schon klar: Hätten sie es nicht getan, wären sie getötet worden.

Hat die FSA Sie denn aufgefordert, mit ihr gemeinsam zu kämpfen?

Nein, das haben sie nicht getan, und wir wollen es auch nicht. Wir können unsere Gebiete selbst verteidigen. Wir wollen nicht in die Kämpfe in Aleppo und Damaskus, wo sehr viele Kurden leben, hineingezogen werden. Immer, wenn die FSA irgendwo auftaucht, gibt es ein Schlachtfeld.

In Aleppo hat die FSA kurdische Stadtviertel angegriffen.

Ende Oktober haben sie unsere Stadtviertel Sheikh Maksoud und Al-Ashrafiya attackiert. Es gab Dutzende Tote und Verletzte. Aber wir haben mit ihnen verhandelt, und jetzt ist alles ruhig.

Es hieß, in Aleppo sei eine Kommandantin der kurdischen Volksverteidigungskräfte von der FSA gefangengenommen und hingerichtet worden.

Sie teilten uns zuerst mit, dass sie tot sei. Nach zwei Verhandlungstagen erklärten sie plötzlich: Nujin Derik ist nicht tot, ihr könnt sie wiederhaben. Es stellte sich heraus, dass sie sie gefangengenommen und zum Verhör in die Türkei verschleppt hatten. Der türkische Geheimdienst MIT hat sie dort verhört. Das zeigt, dass die FSA mit den Türken zusammenarbeitet.

Welche Gebiete kontrolliert die PYD?

Die PYD ist eine politische Kraft; die Volksverteidigungskräfte kontrollieren alle kurdischen Gebiete, von Afrin bis Amude, von Kobani bis Derik.

Über wie viele Kämpfer verfügen Sie?

Etwa 10.000. Genau kann ich es nicht sagen, weil sich ständig weitere Deserteure aus der syrischen Armee den Volksverteidigungskräften anschließen.

Kontrollieren Sie auch Kamischli, die Gebietshauptstadt?

Nein. Die Lage in Kamischli ist schwierig, ähnlich wie in Serekani. Das ist eine gemischte Region, wo viele Menschen noch immer das Regime unterstützen - Araber, die das Regime nach 1974 absichtlich in den Kurdengebieten ansiedelte.

„In Syrien geht es nur noch um die Macht“

Und wer unterstützt die Revolution?

Am Anfang, als alles in Daraa begann, war es das syrische Volk. Alle wollten Frieden und Demokratie. Jetzt geht es nicht mehr um Demokratie, sondern nur noch darum, wer die Macht bekommt – die Muslimbrüder, die Saudis, Katar, die Türken. Alle möglichen Parteien mischen jetzt mit in Syrien.

Welche Pläne haben Sie für Syriens Zukunft?

Wir wünschen uns ein geeintes, demokratisches und pluralistisches Syrien, in dem alle Nationen und Minderheiten gemeinsam leben – ohne das Regime der Baath-Partei und ohne Sektierertum.

Bedeutet Pluralismus für Sie, dass es auch andere kurdische Parteien gibt und nicht nur die PYD?

Die PYD ist nur eine von vielen kurdischen Organisationen. Wir repräsentieren etwa 50 bis 60 Prozent der drei Millionen syrischen Kurden.

Die PKK ist früher nicht sanft mit ihren Leuten umgesprungen, sie hat Kritiker gefoltert und hingerichtet. Ist so etwas auch von der PYD zu erwarten?

So etwas tun wir nicht. Wir haben unsere Wahlen und Komitees, unsere Nichtregierungsorganisationen und demokratischen sozialen Bewegungen. Es gibt Zivilschutzkomitees und eine Art Polizei, die dem Kurdischen Hohen Rat unterstehen, aber nicht der PYD.

Wollen Sie einen föderalen Staat mit Autonomie für die Kurden?

Nein, nicht jetzt. Wir wollen politische Rechte, ökonomische Rechte, Selbstverteidigungsrechte für die Kurden.

Ist der Nordirak ihr Modell?

Nein, denn dort gibt es gefährliche Konflikte mit der Zentralregierung in Bagdad. Das wollen wir nicht, wir fordern nur dieselben Rechte für uns wie für die Araber. Unser Projekt ist das Projekt von Herrn Öcalan – eine Demokratische Nahost-Föderation unter Einschluss der Kurden.

Gibt es denn ein politisches Vorbild für sie irgendwo in der Welt?

Nein, zumindest ist uns keines bekannt. Wir wünschen uns ein demokratisches Rätemodell für ganz Syrien, so wie es Herr Öcalan beschrieben hat.

Also ist Herr Öcalan doch Ihr Anführer?

Nein (lacht). Mein Anführer ist das kurdische Volk.

Und Abdullah Öcalan?

Er ist der Anführer aller Kurden.

Dann ist er auch Ihr Führer.

Wir respektieren ihn, wir lieben ihn, aber praktisch gesehen hat er keine Verbindung zu Westkurdistan. Außerdem sitzt er noch immer im Gefängnis.

Das Gespräch führte Frank Nordhausen

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