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Aufstand in Libyen Gaddafis Gegenspieler

Abdul Hakim Ghoga, der Mann, der den Aufstand absagen sollte, ist inzwischen das Gesicht der libyschen Revolution und der wichtigste Gegenspieler von Muammar Gaddafi.

Bereit zum Kampf: Ein Gaddafi-Gegner präsentiert das Victory-Zeichen und seine Waffe. Foto: rtr

Abdul Hakim Ghoga, der Mann, der den Aufstand absagen sollte, ist inzwischen das Gesicht der libyschen Revolution und der wichtigste Gegenspieler von Muammar Gaddafi.

Nur für einen Augenblick steckt Abdul Hakim Ghoga seinen Kopf aus der Tür. Der Rechtsanwalt aus Benghazi ist das Gesicht der libyschen Revolution und inzwischen der wichtigste Gegenspieler von Muammar Gaddafi. Er steht an der Spitze des vor vier Tagen gegründeten Nationalen Übergangsrates, den die aufständischen Städte Libyens gebildet haben. Auch heute wieder tagt das Gremium seit den frühen Morgenstunden im Justizpalast von Bengasi. Bis zum Abend gönnt sich die Gruppe kaum eine Minute Verschnaufpause – vor allem die Angst vor militärischen Gegenangriffen Gaddafis macht der neuen Führung Sorgen.

Bislang lehnt ihr Sprecher Ghoga aber jede ausländische Intervention strikt ab. „Wir werden Tripolis und alle anderen Städte selbst befreien – mit Hilfe unserer Armee, die auf der Seite des Volkes steht“, erklärte er. „Das Volk werde seine Revolution aus eigener Kraft vollenden“. Dann werde auch Tripolis dazugehören. „Wir denken nicht eine Minute darüber nach, unser Land zu teilen.“

Der redegewandte Anwalt hat sich während der letzten sechs Jahre in Bengasi einen Namen gemacht als Vorsitzender der Anwaltskammer und als Verteidiger politischer Gefangener. Von den Machthabern ließ er sich nie den Mund verbieten, was ihm Ansehen und Respekt verschaffte – sogar bei lokalen Regimegrößen. Andere Anwälte schildern ihn als ehrlichen Mann mit großem persönlichem Charisma. Im Umgang mit dem Regime habe er sich nie kompromittiert, sagen sie.

Vor kurzem erst sind sich Abdul Hakim Ghoga und der Despot Muammar Gaddafi begegnet, zum ersten Mal. Elf Tage vor Beginn des Aufstands, am 6. Februar, ließ der Diktator ihn mit drei Juristenkollegen aus Bengasi in sein Zelt nach Tripolis holen. Die Flüge allerdings mussten sie selbst bezahlen. Der tunesische Diktator Ben Ali war da schon ins saudische Exil geflüchtet, Hosni Mubarak wehrte sich noch gegen seinen Sturz.

„Die Diener reichten Kamelmilch und grünen Tee – dann erschien Gaddafi mit seiner Entourage“, erzählt der junge Anwalt Medhi Kashbur, ebenfalls Mitglied der Delegation. Sieben Sperren musste die Gruppe auf dem Weg zu Gaddafi Zelt passieren, das von drei Zäunen gesichert im Nasser-Wald nahe der Flughafenstraße von Tripolis liegt. Fünf offene Feuerstellen hat die luftige Wohnstätte, überall stehen Telefone und Computer herum

Eine merkwürdige Audienz

90 Minuten dauerte die merkwürdige Audienz bei dem Despoten, der begleitet wurde von seinem engsten Getreuen Abdullah Sanussi. „Ihr seid jetzt also auch mit den Facebook-Kids zusammen“, eröffnete der Diktator das Gespräch und verlor sich gleich in einen zwanzigminütigen Monolog über die Rolle der Volksräte in der „Großen Sozialistischen libysch-arabischen Volksrepublik“. Ben Ali und Mubarak hätten ihr Schicksal verdient, weil sie nicht auf ihr Volk hörten und ihre Söhne als Nachfolger durchsetzen wollten, salbaderte er. „Sagt das den Menschen, erklärt ihnen das“, forderte er von den Gästen.

Doch die verlangten Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und eine Verfassung. Die junge Generation wolle stärker teilhaben an der Entwicklung ihres Landes. Sie brauche Wohnungen, eine gute Ausbildung und Arbeitsplätze. Gaddafi reagierte verdutzt. Anders als sonst üblich, habe er nicht ständig arrogant in die Luft gestarrt, sondern zugehört. Trotzdem wischte er ihre Forderungen brüsk vom Tisch. „Alles, was das Volk braucht, ist Essen und Trinken“, raunzte er. Niemand in Libyen sei scharf auf derartigen Freiheiten, solche intellektuellen Diskussionen seien nicht gefragt.

Auch als Abdul Hakim Ghoga erklärte, die Straßen Libyens kochten, gab sich Gaddafi ungerührt. In Libyen herrsche allein das Volk – alles andere führe zu Tod und Verderben, deklamierte er. „Er hat uns nicht gedroht, zeigte aber auch keinerlei Reaktion – weder verbal noch in der Körpersprache“, erinnert sich der 31-jährige Medhi Kashbur. Stattdessen habe sich Gaddafi entspannt und aufgeräumt gegeben, bisweilen auch breit gegrinst. Nach anderthalb Stunden schließlich entließ der selbst ernannten „Bruder Führer“ das Quartett aus Bengasi „mit leeren Händen“.

Schweigend ließen sie sich von einem Fahrer ins Stadtzentrum kutschieren und an einem kleinen Restaurant absetzen. „Dort haben wir beschlossen, den 17. Februar zum ,Tag des Zorns“ auszurufen“ ? den fünften Jahrestag des Massakers von Bengasi im Jahre 2006.

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