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Ägypten Port Said, eine Stadt erhebt sich

Seit anderthalb Wochen wird in Ägypten wieder heftig protestiert. Doch nirgends ist der Wutausbruch so gewaltig wie in Port Said: Dort, wo gerade 21 radikale Fußballfans zum Tode verurteilt wurden, fühlen sich die Menschen als Sündenböcke der Regierung.

Tausende Port Saidis protestieren nach den Freitagsgebeten gegen Präsident Mursi - und die Ungerechtigkeit, die sie trifft. Foto: REUTERS

Randa al-Said weint nicht. Ihre Augen sind sogar so trocken, dass sie blinzeln muss. Die zierliche 35-Jährige, die ganz in Schwarz gehüllt ist, blickt auf ein Bild ihres Mannes, das an einem Laternenpfahl auf dem Manschia-Platz hängt. „Märtyrer Mahmoud al-Gizawi, sein Tod soll nicht ungesühnt bleiben“ steht darunter. Daneben flattern Banner: „Nieder mit dem ungerechten Präsidenten!“ und „Es lebe das unabhängige Port Said“. Zwei Frauen kommen auf Randa al-Said zu, legen ihr kurz die Hand auf den Arm: „Gott schütze dich!“, sagen sie – und sprechen eine Verwünschungsformel. Sie gilt Präsident Mursi, Kairo und eigentlich der ganzen Welt da draußen; sie alle soll die Pest holen.

Randa al-Said lächelt knapp und läuft dann weiter, in eine ruhige Ecke. Da kommen ihr dann doch die Tränen. Zu schlimm ist das, was ihnen widerfahren ist, ihrem Mann und ihrer Stadt. „Es war am Sonnabend, dem Sonnabend, als das Urteil fiel, meine Zweijährige hatte hohes Fieber, und mein Mann nahm das Motorrad, um eine Apotheke zu suchen“, erzählt sie. Auf den Straßen wurde geschossen, sagt sie, und ihre Schultern sacken herab. Sie ist nicht mehr die tapfere Witwe des Märtyrers, sondern eine unendlich traurige Frau: „Ich habe vom Balkon gesehen, wie mein Mann zurückkam. Er stieg vor dem Haus vom Motorrad, und dann war er plötzlich tot. Eine Kugel traf ihn. Ins Herz.“

50 Tote binnen einer Woche

Sie seufzt tief: „Die Kugel kam vom Wachturm des Gefängnisses, das bei uns gegenüber liegt. Der Polizist hat meinen Mann ins Visier genommen und ihn gezielt getötet“, sagt sie. Er ist einer von über 50 Toten, die Port Said in der vergangenen Woche zu beklagen hatte, nach Krawallen, die auf ein Gerichtsurteil folgten: Am 1.?Februar 2012 waren bei Ausschreitungen im Stadion von Port Said 74 Menschen ums Leben gekommen. 21 Fans des Clubs Al Masry wurden deshalb zum Tode verurteilt, was Unruhen in ganz Ägypten zur Folge hatte.

„Diese Toten sind nur die Spitze des Unrechts, das Port Said widerfahren ist. Sie sind der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Geschichte unserer Erniedrigung ist aber viel länger“, sagt Zakaria Ibrahim. Der Schnurbärtige mit den vielen Lachfalten ist so etwas wie ein Chronist Port Saids. Er sitzt in einem Café am Hafen, blättert Schicht für Schicht das Seelenleben seiner Stadt auf, legt die Lagen von Stolz und Verletzung frei und erklärt so, weshalb der Wutausbruch so heftig ausfiel.

Seit mehr als einer Woche liefern sich Jugendliche und Sicherheitskräfte erbitterte Straßenschlachten. „Port Said ist eine Stadt von Kriegern. Wir haben immer wieder Ägypten verteidigt. Ganz besonders 1956, als Engländer, Franzosen und Israelis die Stadt bombardierten“, erklärt Zakaria Ibrahim. 1956 war ein Wendepunkt. Kurz zuvor hatte Präsident Gamal Abdel Nasser den Suezkanal verstaatlicht, nach dem Krieg verließen die meisten Ausländer Ägypten. „Wir in Port Said haben den Weg gebahnt für die Befreiungsbewegungen in der ganzen Welt. Nachdem wir den Briten getrotzt haben, ging es mit deren Kolonialmacht bergab“, sagt Ibrahim.

Dafür steht auch das Wahrzeichen der Stadt, ein merkwürdiges Gebilde an der Hafeneinfahrt. In einen mächtigen Sandstein-Sockel ist der Name Ferdinand de Lesseps gemeißelt. Obendrauf thronte früher die Statue des Erbauers des Suezkanals, an dessen Nordende Port Said liegt. Nach dem Krieg 1956 holten die Bewohner Lesseps herunter und pflanzten eine ägyptische Fahne auf den Sockel. Allerdings ist dieses Symbol des Nationalstolzes arg ramponiert, denn die Fahne flattert in Fetzen im Wind, niemand hat sich in den letzten Monaten die Mühe gemacht, sie zu ersetzen. Was könnte deutlicher zeigen, wie sehr das Verhältnis Port Saids zu seinem geliebten Ägypten gestört ist?

„Die Regierung hat versagt und brauchte Sündenböcke, und dann hat sie uns dazu gemacht“, sagt Mohammed Abu Said, Anfang 50, die Arme vor der Brust gekreuzt. Er erinnert sich an den schwärzesten Tag in der Geschichte von Port Said. Schon Wochen vor dem Match zwischen Al Ahly aus Kairo und Al Masry aus Port Said hatten sich die Fans der beiden Mannschaften beschimpft, und auch im Stadion ging es hoch her: „Wir haben beobachtet, wie die Fans immer wieder aneinandergerieten. Es gab üble Transparente“, sagt er. Darum habe er darauf gedrungen, dass der Vereinspräsident und die Polizei das Spiel abbrechen: „Es war klar, dass es Ärger geben würde“, sagt er.

Das Stadion bleibt leer

Doch es kam schlimmer. Nach dem 3:1 für Al Masry stürmten die Fans aufs Spielfeld, machten Jagd auf die Anhänger von Al Ahly. Was dann genau geschah am 1. Februar 2012, darüber gehen die Meinungen auseinander: Wie viele Al-Ahly-Anhänger wurden tatsächlich durch Messerstiche und Schusswaffen getötet, wie viele starben, weil sie auf der Flucht zerquetscht wurden?

Heute ist das große Stadion verlassen und trist. Ob je wieder auf dem verblichenen Rasen gespielt werden wird, ist fraglich. Die Bilder der Katastrophe lassen die Menschen hier nicht los. Besonders das Bild vom verriegelten Notausgang nicht. Denn als die Fans von Al Ahly sich in Sicherheit bringen wollten, ließ sich die große Eisentür nicht öffnen und die Fliehenden wurden zerdrückt. „Es ist klar, dass die Schuld für die Katastrophe bei denen liegt, die die Tür verriegelt haben“, sagt Mohammed Abu Said. Doch wer war das? Waren es reiche Geschäftsleute, die mit der gestürzten Regierung von Mubarak unter einer Decke steckten und Ägyptens Neuanfang nach der Revolution sabotieren wollten? Oder die Militärregierung, die die revolutionär gesinnten Fans von Al Ahly bestrafen wollte? Bis heute ist das nicht aufgeklärt – mit der Folge, dass vor allem den Port Saidis die Schuld gegeben wurde. „In den Augen vieler Ägypter sind wir Mörder. Ausgerechnet wir, die wir Ägypten 1956 verteidigt haben“, sagt Abu Said.

Dass die Hintergründe des Fußballmassakers nicht aufgeklärt wurden, hinderte das Gericht nicht daran, ein Urteil zu sprechen: Am 26.?Januar verhängte der Richter Subchi Abdel Meguid Todesstrafe in 21 Fällen. Das Urteil wurde live im Fernsehen übertragen, ganz Ägypten hielt derweil den Atem an. Denn schon Tage vorher hatten die Ultras von Al Ahly begonnen, in Kairo zu randalieren. Sie legten die U-Bahn lahm und verwickelten die Polizei in Straßenkämpfe – mit Steinen, Tränengas, Molotowcocktails. Wenn das Urteil gegen Port Said zu milde ausfalle, so drohten sie auf ihren Facebook-Seiten, werde Ägypten brennen. „Und was tat die Regierung? Sie ließ ein hartes Urteil sprechen“, sagt Mohammed Abu Said.

Die Polizei hat nichts zu melden

Einer der zum Tode Verurteilten ist sein Neffe. 29 Jahre alt, Buchhalter und Mitglied der Green Eagles, der Ultras von Al Masry. „Mein Neffe ist nie vorgeladen worden, er wurde nicht mal vom Staatsanwalt befragt“, sagt Abu Said. Die Verurteilung beruhe allein darauf, dass Al-Aly-Anhänger ihn auf Fotos identifiziert und behauptet hätten, er sei ein Mörder. Seine Stimme bricht, so zornig ist er. Plötzlich habe sein Neffe gehört, wie der Richter auch seinen Namen verlas und im gleichen Atemzug das Urteil: Tod durch den Strang. Der junge Mann sei daraufhin untergetaucht. „Im Moment ist er hier in Port Said sicher, denn hier hat die Polizei im Moment nicht so viel zu melden“, sagt sein Onkel.

Neben ihm sitzt Al Said Mubarak. Der Lastwagenfahrer verknotet seine großen Hände, während er spricht. Ringt mit seiner Geschichte: Sein Sohn gehört zu denen, gegen die das Urteil noch aussteht. Der Richter verurteilte 21 der über 70 Angeklagten und vertagte sich dann auf Anfang März. „Als mein Sohn das Urteil hörte, versuchte er sich in der Zelle selbst anzuzünden. Zum Glück brannte aber nur eine Wolldecke, und die wurde schnell von den Wärtern gelöscht“, sagt der Vater. Sein Sohn ist nicht im Gefängnis untergebracht, sondern in einer Polizeiwache, denn er ist erst 16 Jahre alt. Auch nach ägyptischem Recht gehören Minderjährige nicht ins Gefängnis, allerdings erst recht nicht in Polizeiwachen. Seit 11 Monaten sitzt er dort, und mit ihm noch sechs weitere Kinder.

So schichtet sich Unrecht auf Unrecht, und inzwischen ist so viel zusammengekommen, dass sich nicht nur Port Said gegen die Regierung erhebt. Das Urteil war so offensichtlich politisch motiviert, dass nicht einmal die radikalen Fans von Al Ahly, zu deren Besänftigung es gesprochen wurde, darauf hineinfielen. Nur kurz feierten sie ihren Sieg, dann zogen die Ersten zum Innenministerium und attackierten es mit Steinen und Molotowcocktails.

In Port Said verstärkte das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte den Zorn der Demonstranten. Viele der Opfer starben wie der Mann von Randa al-Said durch gezielte Schüsse. Das verstärkt das Gefühl von Ungerechtigkeit: Wieso setzt die Polizei in Kairo Tränengas ein und in Port Said Scharfschützen?

Kein Unterschied zwischen Politik und Fußball

„Eigentlich haben wir mit Politik null zu tun“, erklärt Ali Omar Zein, einer der Gründer der Green Eagles, der Ultras von Al Masry: „Aber in diesen Zeiten gibt es keinen Unterschied zwischen Fußball und Politik.“ Er habe keine Zeit zum Quatschen, sagt er. Das Teehaus, in dem er und seine Kumpel kurz in einer Ecke sitzen, hat halb heruntergelassene Rollläden. Alle anderen Geschäfte in der Innenstadt von Port Said sind verbarrikadiert. Gleich werden die Demonstranten vom Manschia-Platz losmarschieren, quer durch die Stadt ziehen und sich vor dem Gouverneurspalast versammeln. Dort erwarten sie die Spezialeinheiten der Polizei. „Wir werden nicht aufhören. Wir wollen Gerechtigkeit, und da wir nicht glauben, dass die Regierung von Mursi uns Gerechtigkeit bringt, wollen wir sie stürzen“, sagt Zein, und die anderen jungen Männer, sie alle tragen Lederjacken mit schwarzen Kapuzenshirts darunter, nicken.

Es geht schon längst um mehr als einen tragischen Fußballstreit, es geht um große Politik. „Die Regierung von Mursi ist gescheitert. Jetzt haben wir auch noch gehört, dass Mursi den Suezkanal an den Emir von Qatar verkaufen will. Das mag nur ein Gerücht sein, aber zuzutrauen ist es ihm, und das werden wir nicht zulassen. Wir sind Port Saidis und wir werden kämpfen“, sagt Ali Omar Zein. Auf seinem Handy hat er das Bild einer Fahne: Die Streifen in Schwarz, Weiß und Grün erinnern an Syriens Revolution, darüber steht „Es lebe Port Said“.

„Wenn wir nicht zu unserem Recht kommen, dann werden wir Port Said unabhängig erklären. Dann riegeln wir den Hafen und die Freihandelszone ab und hungern Ägypten aus. Ich glaube aber, dass dies nicht nötig sein wird“, sagt Zein. Schließlich habe die Ungerechtigkeit der Regierung auch etwas Gutes: Dem Rest Ägyptens sei durch die Scharfschützen und die Brutalität der Polizei klar geworden, dass Port Said Stadt der Opfer und nicht Stadt der Mörder sei. So mischt sich in das Gefühl der Wut und der Empörung über die Ungerechtigkeit auch neuer Stolz: Port Said hat seinen Ruf als Kämpferstadt, verteidigt. Die Green Eagles grüßen knapp zum Abschied und verschwinden in der Dunkelheit. Die Nacht wartet – und der Kampf ist noch nicht zu Ende.

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