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Ägypten Anschuldigungen aus Kairo

Verschwörungstheorien waren in Ägypten schon immer verbreitet, derzeit haben sie Konjunktur wie selten zuvor. Ein Großteil der Ägypter ist überzeugt, dass Europa, insbesondere Deutschland, mit der Muslimbruderschaft zusammenarbeitet.

Al-Sisi soll’s richten. Foto: REUTERS

Verschwörungstheorien waren in Ägypten schon immer verbreitet, derzeit haben sie Konjunktur wie selten zuvor. Ein Großteil der Ägypter ist überzeugt, dass Europa, insbesondere Deutschland, mit der Muslimbruderschaft zusammenarbeitet.

"Deutschland, die geheime Zentrale des Terrorismus“: Die Schlagzeile in der ägyptischen Tageszeitung „al Wafd“ ist nur eines von vielen Beispielen: In den ägyptischen Medien und in Reden führender Politiker kommen Europa und auch Deutschland derzeit nicht gut weg. Der Bundesregierung etwa wird vorgeworfen, der Muslimbruderschaft, die kürzlich in Ägypten zur Terrororganisation erklärt wurde, logistische Hilfe zu leisten. Schließlich dürfe sie in Deutschland Moscheen betreiben.

Der Hintergrund dieser Anschuldigungen ist klar: Die Kritik an der repressiven Politik der Übergangsregierung in Ägypten wächst. Gerade erst haben sich die EU-Außenminister in einer Erklärung kritisch zum Stand der Pressefreiheit und den massenhaften Verhaftungen von Demonstranten in Ägypten geäußert. Diese Kritik kommt in Ägypten schlecht an und sie wird mit dem Hinweis vom Tisch gefegt, dass Europa nur an Ägypten herummeckere, um den Muslimbrüdern zu helfen.

Angeblich geheimer US-Plan

Verschwörungstheorien waren in Ägypten schon immer verbreitet, derzeit haben sie Konjunktur wie selten zuvor. Keine Talkshow, ohne dass ein Studiogast von der Unterwanderung der Gesellschaft durch fremde Mächte berichtet. Glaubwürdig werden die Theorien nicht nur durch die ständige Wiederholung: Sie werden sogar von Gerichten untermauert.

So wird dem gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi vorgeworfen, ab 2010 mit ausländischen Terrorgruppen zusammengearbeitet, ihnen den Weg nach Ägypten geebnet und so seinen eigenen Gefängnisausbruch vorbereitet zu haben. Mursi wurde in den ersten Tagen des Aufstands im Januar 2011 verhaftet und entkam am sogenannten „Freitag der Wut“, als sich die Polizei von den Straßen zurückzog und die Gefängnisse geöffnet wurden.

Viele Ägypter wandten sich damals von der Regierung ab, weil sie mit dem Rückzug der Polizei und der Entlassung der Gefangenen die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte. Der Prozess dient dazu, das Bild wieder reinzuwaschen. Nach dem Motto: Es war alles ganz anders. In Wirklichkeit hätten die Muslimbrüder alles von Anfang an geplant und so inszeniert, um das Volk gegen die Polizei aufzuhetzen.

Dichtung und Wahrheit

Verbreitet ist auch die Auffassung, dass die ganze Revolution in Wirklichkeit eine Verschwörung war. „Der Aufstand vom 25. Januar 2011 wurde von der Muslimbruderschaft und dem Westen geplant. Sie bedienten sich der Studenten, die sich in die Verschwörung einbeziehen ließen“, so der bekannte Anwalt Mohammed Hammouda in einem Interview mit der Tageszeitung Daily News.

Ganz besonders beliebt ist die Theorie, dass es einen geheimen US-amerikanischen Plan gibt, Ägypten in drei Teile zu zerschlagen. Ziel sei, das Land und vor allem seine Armee zu schwächen. Dass die USA im Gegenteil ein wichtiger Partner der Armee ist und mit 1,3 Milliarden US-Dollar jährlich einen nicht unerheblichen Teil des Budgets zuschießt, kommt in dieser Theorie nicht vor. Das tut aber ihrer Verbreitung keinen Abbruch, denn logisch brauchen Verschwörungstheorien nicht zu sein.

Bleibt die Frage, warum so viele Ägypter daran glauben. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass sie derzeit allgegenwärtig sind und es kaum eine verschwörungsfreie Presse gibt. Es liegt auch daran, dass die unglaublichsten Behauptungen sich anschließend als wahr herausstellen.

So haben jetzt mehrere Journalisten berichtet, dass sie im vergangenen Jahr von Gegnern Mursis Geld angeboten bekamen, damit sie systematisch negativ über die damalige Regierung von Mursi berichteten. Die Medienkampagne war Teil des Plans zum Sturz von Mursi. Wer soll da noch den Überblick behalten, was Dichtung ist und was die Wahrheit.

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