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SPD Andrea Nahles im Wahlkampfmodus

Auf ihrer Sommertour durch Hessen hört sich SPD-Chefin Nahles die Sorgen von Mietern an – von dem Thema erhofft sich die Partei Aufwind im Wahlkampf.

Andrea Nahles
Über Gentrifizierung reden bei süßen Stückchen: Andrea Nahles besucht bedrängte Mieter im Frankfurter Ostend. Foto: dpa

Die SPD ist gerade auf der Suche. Nach Identität, nach einer Mission, nach Aufgaben für den Regierungsalltag – und wie jede andere Partei auch nach Erfolg und Wählern. An diesem Sommertag hat die Suche für die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles eine Adresse: Es ist ein Haus in der Wingertstraße im Frankfurter Ostend.

„Am 22. August wohne ich hier seit 59 Jahren“, sagt Marianne Ried. Die kleine, weißhaarige Frau hat Nahles, aber auch Nachbarn und einige Unterstützer in ihre Wohnung eingeladen. Die 83-Jährige und andere Mieter wollen auf diese Weise auf etwas aufmerksam machen, das die Soziologen Gentrifizierung nennen. Ried und ihre Nachbarn benutzen eine andere Sprache. Sie sprechen von „Vertreibung“.

Ihre Geschichte, so betonen sie, sei kein Einzelfall. In Frankfurt, aber auch in vielen anderen großen Städten, versuchten Käufer von Mietshäusern die bestmögliche Rendite zu erzielen, indem sie die Mietwohnungen als Eigentumswohnungen verkauften. Es geht um den Streit über Modernisierungen, um den Versuch, auch langjährige Mieter aus Wohnungen herauszubekommen. Und, wie Ried sagt: „Für uns geht es nicht nur um unsere Wohnungen, sondern um unseren Lebensraum.“

Andrea Nahles braucht in Hessen einen Erfolg

Für Nahles ist das Haus in der Wingertstraße in vielerlei Hinsicht ein hochspannender Ort. Die Geschichte von Mietern, die sich zusammentun, um gemeinsam für ihre Interessen zu kämpfen, klingt wie eine sozialdemokratische Erzählung, eine Geschichte, die Menschen Hoffnung auf Solidarität macht. Zweitens hat die SPD in den Koalitionsverhandlungen mit der Union hart über das Mietrecht gerungen. „Wir wollen nicht, dass Menschen aus den Wohnungen herausmodernisiert werden“, sagt Nahles.

Drittens findet am 28. Oktober eine Landtagswahl in Hessen statt, zwei Wochen nach der Landtagswahl in Bayern. In Bayern ringt eine Landes-SPD, die schon viel zu lange allein den Gedanken ans Gewinnen verlernt hat, mit den Grünen und der AfD darum, wer mit extremem Abstand zur CSU Platz zwei im Parteiensystem belegt. Spitzenkandidatin Natascha Kohnen gilt vielen als sympathisch, dringt aber nicht durch. Droht gar ein Ergebnis nur noch knapp im zweistelligen Prozentbereich?

Andrea Nahles braucht bei den Landtagswahlen in diesem Herbst irgendetwas, was nach einem Erfolg für die SPD aussieht. Oder zumindest nicht nach einer völligen Katastrophe. Denn sonst wird es extrem schwierig, die nach dem Absturz bei der Bundestagswahl noch immer zutiefst verunsicherte Partei in geordneten Bahnen zu halten. Da Bayern für einen Achtungserfolg definitiv ausfällt, ist die Wahl in Hessen für die Bundes-SPD von besonderer Bedeutung. Die Sozialdemokraten liegen mit ihrem Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel in Umfragen zurzeit zwar weit hinter der Union. Aber wenn bei den Landtagswahlen noch etwas geht, dann hier, hoffen einige im Willy-Brandt-Haus.

Ein wichtiges Kampagnenthema für Schäfer-Gümbel ist die Frage nach dem bezahlbaren Wohnen – gerade im Ballungsraum. Nahles bittet Marianne Ried und andere Mieter, die sich in der Wohnung in der Wingertstraße versammelt haben, ihre Geschichten zu erzählen. Ried hat alle an einem langen Tisch versammelt. Nahles hört zu, lässt die Menschen reden und stellt immer wieder Fragen. Als es um die Bausubstanz geht, sagt sie: „Ich bin die Tochter eines Maurermeisters.“ Sie scheut sich aber bei einigen juristischen Details auch nicht zu sagen: „Und da wissen Sie mehr als ich.“

Der eine oder andere berichtet von Schikanen, mit denen man versucht habe, Menschen aus Wohnungen zu vertreiben, bis hin zu Problemen mit der Wasserversorgung. Unterstützer lüden dann einfach schon mal zum Duschen zu sich nach Hause ein. Oder sie böten sogar an, einen Schlüssel zu hinterlegen, falls es in der Hinsicht mal einen Notfall gebe. So lernten sich Menschen besser kennen, die vorher wenig oder nichts miteinander zu tun gehabt hätten.

Die SPD-Chefin schlägt freudig auf den Tisch. Es sei gut, wenn in einer schlechten Situation so etwas funktioniere. Als jemand davon berichtet, wie im Haus osteuropäische Arbeiter einquartiert worden seien, die sich absichtlich schlecht benommen hätten, sagt Marianne Ried: „Die haben sich selbst Zigeuner genannt.“ Eine jüngere Mitstreiterin unterbricht und sagt: „Das ist jetzt nicht so entscheidend.“ Nahles will jetzt aber auch keine Debatte darüber. Sie sagt nur: „Ja, das kann ich mir so vorstellen.“ Und weiter geht es.

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