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Spanien Umstrittene Überreste der Franco-Diktatur

Spaniens Diktator Franco ist seit mehr als 40 Jahren tot, aber sein Regime lebt in Hunderten spanischen Straßennamen fort. Die Regierung in Madrid will das ändern, stößt aber auch auf Kritik mit dem Vorhaben.

Demonstration
Die Anhänger von General Millán Astray demonstrieren in Madrid gegen die geplante Umbenennung der Straße. Foto: rtr

„Es ist wie mit der Kirche Christi“, sagt Guillermo Rocafort. „Es kann keine Kirche ohne Christus geben, und es kann keine Legion ohne Millán Astray geben. Und ich weiß, dass der Vergleich unpassend ist.“ Rocafort zieht ihn trotzdem heran. Der 47-Jährige absolvierte einst seinen Wehrdienst bei der spanischen Legion, einer Eliteeinheit der spanischen Armee, gegründet 1920 von José Millán Astray. Rocafort hat es sich zur Aufgabe gemacht, „die Ehre unseres Gründers zu verteidigen“. Die sieht er in Gefahr. Eine Straße in Madrid, die nach dem General Millán Astray benannt ist, soll ihren Namen verlieren, weil es eine Stadtregierung der „gewalttätigen extremen Linken“ so will. Dagegen kämpft Rocafort, Sekretär der „Patriotischen Plattform Millán Astray“.

Es scheint, als sei der Spanische Bürgerkrieg noch nicht zu Ende gefochten. Vor gut 80 Jahren, 1936, erhoben sich rechte Militärs gegen die damalige Republik, drei Jahre später gewannen sie den Krieg. Einer der Anführer der Revolte, der General Francisco Franco, regierte Spanien bis zu seinem Tod 1975. Das Land wandelte sich zum demokratischen Rechtsstaat, doch die Erinnerung an Diktatur und Bürgerkrieg sind bis heute lebendig. Und Spanien ist immer noch damit beschäftigt, die Spuren des Franquismus im Alltag zu tilgen.

Die vor knapp zwei Jahren gewählte linke Stadtregierung Madrids unterzieht gerade die Straßennamen der Hauptstadt einer Revision. Eine Kommission hat die Umbenennung von 27 Straßen vorgeschlagen, die Personen oder Ereignissen der Franco-Zeit gewidmet sind. Endlich, sagen die einen. Revanchismus, die anderen.

Viele der Namen, die verschwinden sollen, sagen den meisten Spaniern heute nichts mehr. Das sind irgendwelche Generäle, von denen sie noch nie gehört haben und die ebenso Schlachten des 19. Jahrhunderts wie die des Bürgerkriegs geschlagen haben könnten. Andere Namen sind eindeutiger. Da gibt es noch eine „Plaza del Caudillo“, was der Ehrenname Francos war. Ein anderer Platz heißt „Arriba España“ nach dem Schlachtruf des Regimes. Eine Straße ist den „Caídos de la División Azul“ gewidmet, den Gefallenen einer spanischen Einheit, die an Hitlers Seite in der Sowjetunion kämpfte.

Die Intelligenz muss warten

Doch der berühmteste Name, der nach dem Vorschlag der Madrider Kommission getilgt werden soll, ist der des Generals Millán Astray. Er war keiner der Generäle, die gegen die Republik zu putschen versuchten und damit den Bürgerkrieg auslösten. Dafür war der damals 57-Jährige zu alt, und außerdem war er mehrfach behindert: Ihm fehlten ein Auge und ein Arm, Folge von Kriegsverletzungen, die er sich in den 1920er Jahren in Marokko zuzog. Aber Millán Astray war ein glühender Bewunderer Francos, der unter ihm in der Legion gewirkt hatte, und Franco machte ihn zu einem seiner Propagandisten. In dieser Rolle wurde er für die Nachwelt berühmt. Es ist vor allem eine Szene aus seinem Leben, die heute jedem geschichtsbewussten Spanier in den Sinn kommt, wenn er den Namen Millán Astray hört: die Konfrontation mit Miguel de Unamuno in der Universität von Salamanca am 12. Oktober 1936.

Unamuno war ein konservativer Intellektueller und Schriftsteller, der sich auf die Seite der aufständischen Militärs geschlagen hatte, aber unter ihnen ein Fremdkörper blieb. Als Rektor der Universität von Salamanca präsidierte er an jenem 12. Oktober einen Festakt zum spanischen Nationalfeiertag und lieferte sich ein Wortgefecht mit dem anwesenden Millán Astray, der den Schlachtruf der Legion in den Saal gebrüllt hatte: “¡Viva la muerte!“ – Es lebe der Tod! In bewegenden Worten wandte sich Unamumo gegen die Verherrlichung des Todes und gegen Millán Astray selbst, dem er vorwarf, Spanien zu einem Land von „Versehrten“, wie er selbst einer war, machen zu wollen. Und er sprach den in Spanien berühmt gewordenen Satz: „Venceréis, pero no convenceréis“ – Ihr werdet siegen, aber nicht überzeugen.

Von diesem Festakt in Salamanca gibt es keine Ton- oder gar Bildaufnahmen. Was an jenem Tag geschah, rekonstruierten später die Anwesenden, weswegen die Getreuen von Millán Astray heute einige überlieferte Details jener Veranstaltung in Frage stellen. „Tod der Intelligenz!“, soll der General damals auch gebrüllt haben, was die Madrider Kommission zu dem Vorschlag veranlasste, die bisher nach Millán Astray benannte Straße in „Straße der Intelligenz“ umzubenennen. Guillermo Rocafort hält das für einen schlechten Witz, für einen zusätzlichen Beleg, dass die Stadtregierung „ein komplettes Desaster“ sei, „diese extreme Linke, anti-alles, antikapitalistisch, anti-Zivilisation“. Er und seine Mitstreiter seien dagegen „überzeugte Demokraten“.

Dass Millán Astray in der Legion Francos Lehrmeister der brutalen Kriegsführung gewesen sei, bestreitet Rocafort, er hält ihn höchstens für „ein wenig extravagant“ und „theatralisch“, aber auf alle Fälle für „ein Vorbild für die Jugend“. Er will weiter für seine Straße kämpfen. Noch hat die Madrider Stadtregierung die Umbenennung nicht vollzogen. Die Intelligenz muss warten.

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