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Spanien Krieg der Schleifen in Katalonien

Putzen gegen die Separatisten: FR-Korrespondent Martin Dahms hat sich für eine Nacht den Gegnern der katalanischen Unabhängigkeit angeschlossen.

Lage in Katalonien
Ein Aktivist entfernt gelbe Schleifen, die Zeichen der Solidarität mit inhaftierten katalanischen Politikern sind. Foto: dpa

Meter um Meter arbeiten sie sich voran, ungestört, unbeobachtet, bis sich schließlich doch zwei junge Kerle von der anderen Straßenseite her nähern. „Was macht ihr hier?“, fragen sie, aber das Säuberungskommando ignoriert sie. So wie es der Koordinator der Gruppe an der Tankstelle gesagt hatte: nicht drauf achten. Hilfsweise beschimpft einer der beiden jungen Männer den unvermummten Journalisten: „Du weißt ja noch nicht mal, wo du bist, du scheiß Guiri.“ Ein Guiri ist ein hellhäutiger Ausländer. Der andere versucht seinen Freund zu beruhigen: „Sei still, red kein dummes Zeug.“ „Scheiß Guiri“, sagt der andere noch mal. Das ist der einzige Zwischenfall dieser Nacht. Um kurz nach 2 ist der Zaun zwischen Nationalstraße und Eisenbahnlinie in Vilassar de Mar von gelbem Plastik befreit.

Wem gehört die Straße?

Zurück am Parkplatz neben der Blumenmarkthalle zeigen die Frauen und Männer wieder ihre Gesichter: brave Bürgergesichter. Die Nacht hat für sie gerade erst begonnen, sie fahren in den nächsten Ort, um weitere gelbe Schleifen abzureißen. Am Morgen werden sie früh aufstehen, um zur Arbeit zu gehen.

Warum tun sie sich das an? „Es war in der Karwoche“, erklärt eine von ihnen. „Ich sagte mir: Jetzt reicht es. Ich war drei Tage nicht mehr aus dem Haus gegangen. Ich erstickte fast. Der ganze Rathausplatz in meinem Dorf war voll, die Nachbarstraße, die nächste auch, die Schule, das nahm kein Ende.“ Auf eigene Faust begann sie, die gelben Plastikbänder in ihrem Dorf abzureißen, später schloss sie sich dieser „Putzbrigade“ an, wie sich die etwa 20 Gruppen dieser Art in ganz Katalonien selber nennen. „Es ist wahr: Morgen hängen die Schleifen wahrscheinlich wieder“, sagt eine andere. Dennoch sei ihre Arbeit nicht vergeblich. „Ich zeige damit, dass die Straßen nicht nur ihnen gehören, sondern allen.“

„Sie“ und „wir“. Kataloniens Bevölkerung ist in zwei etwa gleich große Gruppen gespalten, die Befürworter der Unabhängigkeit und ihre Gegner, und wer den Leuten zuhört, bekommt den Eindruck, dass alle Brücken zwischen ihnen gesprengt sind. Das Einzige, was sie noch eint, ist das gegenseitige Unverständnis. „Die Schleifen aufzuhängen, ist für uns ein Akt der Meinungsfreiheit“, sagt am nächsten Mittag Eugeni Batalla, der Besitzer eines Papierwarenladens in Vilassar. „Dass sie runterreißen, was du aufgehängt hast, ist nichts anderes als Zensur.“

Der ausnehmend freundliche 62-Jährige ist ein überzeugter Anhänger der Unabhängigkeit Kataloniens. Sein Laden ist voll mit separatistischen Symbolen. „Lieber außerhalb Europas als innerhalb Spaniens“, steht auf einem kleinen Plakat. Batalla ist stolz auf seine katalanischen Vorfahren, alle acht Urgroßeltern seien schon Katalanen gewesen. Er will kein Spanier sein. „Den spanischen Ausweis habe ich nur, damit ich ein Konto eröffnen kann.“

„Sie“ aber wollen nicht verstehen, dass Katalonien eine Nation sei, und nun sorgten „vier Vermummte“ dafür, dass die Spannung im Lande wachse. „Sie verdecken ihr Gesicht, wir nicht, wir haben nichts zu verstecken.“ Die anderen seien „obszön“ und würden „gewalttätig, zumindest mit Worten“. Sein eigener Laden sei mehrfach attackiert, das Schaufenster mit Eiern beworfen oder mit Fäkalien beschmiert worden, im Juli schüttete jemand Massen gelber Plastikschnipsel in den Garten neben dem Geschäft, die Reste liegen noch unter den Büschen.

Die Spannung wächst in Katalonien, und verantwortlich sind immer die anderen. Die Leute von der „Putzbrigade“ verstecken ihre Gesichter, weil sie sich vor Verfolgung fürchten. Wer immer namentlich bekannt werde, müsse mit „Repressionen“ rechnen. Dem Koordinator der Gruppe wurde im Mai das Auto mit gelben Schleifen vollgemalt. Immer wieder die gelben Schleifen. Sie sind die Machtdemonstration der Unabhängigkeitsbefürworter: Kataloniens Straßen gehören ihnen. Warum tun es ihnen ihre Gegner nicht gleich und hängen eigene Symbole auf? „Mir käme das absurd vor“, sagt José Casado, „alles mit Plastik vollzuhängen, nur um zu sehen, wer den Längeren hat.“ Wahrscheinlich geht es genau darum in diesem Krieg der Schleifen.

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