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Spanien Krieg der Schleifen in Katalonien

Putzen gegen die Separatisten: FR-Korrespondent Martin Dahms hat sich für eine Nacht den Gegnern der katalanischen Unabhängigkeit angeschlossen.

Lage in Katalonien
Ein Aktivist entfernt gelbe Schleifen, die Zeichen der Solidarität mit inhaftierten katalanischen Politikern sind. Foto: dpa

So beginnen Spionagethriller: eine halbe Stunde nach Mitternacht am Rand einer Tankstelle am Rand einer Umgehungsstraße. Ein gutes Dutzend Frauen und Männer haben sich im Kreis aufgestellt, einer von ihnen spricht: „Ihr wisst ja schon, wie das funktioniert. Wenn sie euch beschimpfen, nicht drauf achten. Wenn sie euch anschreien, nicht drauf achten. Also, auf geht’s! Zu den Autos und mir folgen.“ Und im Dunkel der Nacht springen die Motoren an, die Scheinwerfer leuchten auf, die Karawane setzt sich in Bewegung, runter von der Tankstelle, rauf auf die Umgehungsstraße: los zum großen Saubermachen.

Die gelben Schleifen sollen weg. Ganz Katalonien hängt voll von ihnen, Zäune, Geländer, Straßenlaternen, Bäume, Bänke. Die Schleife ist das Symbol der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung: Sie soll an die neun Politiker und Aktivisten erinnern, die seit einem Dreivierteljahr in Untersuchungshaft sitzen. Ein Ermittlungsrichter des Obersten Gerichtshofes hält sie der „Rebellion“ für verdächtig, weil sie das Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober 2017 organisierten. Im Herbst wird der Prozess beginnen.

Ein Skandal aus Sicht ihrer Anhänger. Die gelbe Schleife ist das Zeichen ihres Protests und ihrer Solidarität. Sie tragen sie klein am Revers oder stellen sie groß auf Bühnen oder in die Sitzreihen des Regionalparlaments, und überall knoten sie gelbe Plastikstreifen an, wo sich was anknoten lässt. Wer auf der Autobahn durch Katalonien fährt, sieht die Bändchen von jeder zweiten Brücke flattern. Katalonien ist Gelbe-Schleifen-Land.

Nach einer Viertelstunde Fahrt hält die kleine Autokarawane auf einem Parkplatz neben der Blumenmarkthalle von Vilassar de Mar, einem Küstenstädtchen gut 20 Kilometer nordöstlich von Barcelona. Bevor sich die Frauen und Männer an die Arbeit machen, ziehen sie sich weiße Overalls über. Es ist wie ein Spiel: Man verkleidet sich, bevor man die Bühne betritt. Die Overalls ähneln denen der freiwilligen Helfer, die im Herbst 2002 die Küste Galiciens vom Schweröl aus dem havarierten Tankschiff Prestige befreiten. Die Bilder von damals haben sich den Spaniern ins Gedächtnis gebrannt. Statt gegen eine Ölpest kämpft der Trupp in Vilassar gegen die wuchernden gelben Plastikschleifen.

José Casado führt und filmt

„Wer filmt?“, fragt José Casado, bevor es losgeht. Casado ist der Sprecher der Gruppe, einer der wenigen, die mit Namen und Gesicht für ihre Aktionen einstehen. „Wir brauchen jemanden, der filmt.“ Niemand, vor allem nicht die Polizei, soll hinterher sagen können, dass die Gruppe wie Vandalen in den Ort eingefallen sei. „Ich werde filmen“, sagt Casado schließlich. Die Frauen und Männer, ununterscheidbar geworden in den Overalls und mit Tüchern oder Tauchermasken verhüllten Gesichtern, gehen über einen Weg zur Hauptstraße, der Nationalstraße II. Zufällig oder nicht kommt eine Streife der Mossos d’Esquadra vorbeigefahren, der katalanischen Regionalpolizei. Der Wagen hält in einiger Entfernung. Dann fährt er weiter. Die Beamten wissen, was die Weißgewandeten vorhaben. Vielleicht gefällt es ihnen nicht. Aber man hat ihnen gesagt, dass es nichts Illegales sei.

Die Nationalstraße ist jetzt, um kurz nach eins, nur wenig befahren. Der kleine Trupp läuft auf die andere Seite und macht sich sofort an die Arbeit. Neben der Straße führt eine Eisenbahnlinie entlang, und die ist von der Straße mit einem gut zwei Meter hohen Drahtzaun abgetrennt. In den haben Unabhängigkeitsaktivisten in regelmäßigem Abstand gelbe Streifen aus dünnem Plastik geknotet. Die Frauen und Männer in den weißen Overalls reißen sie ab, einen nach dem anderen. Meistens müssen sie sich recken. Manchmal nehmen sie kleine Teppichmesser zur Hilfe. Sie stopfen die Plastikreste in schwarze Müllsäcke, dann eilen sie zur nächsten Schleife, stets mit einiger Vorsicht, um sich nicht an den Pfosten der Leitplanken zu stoßen, die zwischen Straße und Zaun entlanglaufen. „Ich habe schon viele Kriegsverletzungen davongetragen“, sagt lachend eine der Vermummten, eine 35-Jährige und damit die Jüngste aus der Gruppe. Lauter gestandene Erwachsene sind hier beieinander, deutlich mehr Frauen als Männer. „Wir sind das Putzen schon gewöhnt‘“, sagt eine von ihnen.

Meter um Meter arbeiten sie sich voran, ungestört, unbeobachtet, bis sich schließlich doch zwei junge Kerle von der anderen Straßenseite her nähern. „Was macht ihr hier?“, fragen sie, aber das Säuberungskommando ignoriert sie. So wie es der Koordinator der Gruppe an der Tankstelle gesagt hatte: nicht drauf achten. Hilfsweise beschimpft einer der beiden jungen Männer den unvermummten Journalisten: „Du weißt ja noch nicht mal, wo du bist, du scheiß Guiri.“ Ein Guiri ist ein hellhäutiger Ausländer. Der andere versucht seinen Freund zu beruhigen: „Sei still, red kein dummes Zeug.“ „Scheiß Guiri“, sagt der andere noch mal. Das ist der einzige Zwischenfall dieser Nacht. Um kurz nach 2 ist der Zaun zwischen Nationalstraße und Eisenbahnlinie in Vilassar de Mar von gelbem Plastik befreit.

Wem gehört die Straße?

Zurück am Parkplatz neben der Blumenmarkthalle zeigen die Frauen und Männer wieder ihre Gesichter: brave Bürgergesichter. Die Nacht hat für sie gerade erst begonnen, sie fahren in den nächsten Ort, um weitere gelbe Schleifen abzureißen. Am Morgen werden sie früh aufstehen, um zur Arbeit zu gehen.

Warum tun sie sich das an? „Es war in der Karwoche“, erklärt eine von ihnen. „Ich sagte mir: Jetzt reicht es. Ich war drei Tage nicht mehr aus dem Haus gegangen. Ich erstickte fast. Der ganze Rathausplatz in meinem Dorf war voll, die Nachbarstraße, die nächste auch, die Schule, das nahm kein Ende.“ Auf eigene Faust begann sie, die gelben Plastikbänder in ihrem Dorf abzureißen, später schloss sie sich dieser „Putzbrigade“ an, wie sich die etwa 20 Gruppen dieser Art in ganz Katalonien selber nennen. „Es ist wahr: Morgen hängen die Schleifen wahrscheinlich wieder“, sagt eine andere. Dennoch sei ihre Arbeit nicht vergeblich. „Ich zeige damit, dass die Straßen nicht nur ihnen gehören, sondern allen.“

„Sie“ und „wir“. Kataloniens Bevölkerung ist in zwei etwa gleich große Gruppen gespalten, die Befürworter der Unabhängigkeit und ihre Gegner, und wer den Leuten zuhört, bekommt den Eindruck, dass alle Brücken zwischen ihnen gesprengt sind. Das Einzige, was sie noch eint, ist das gegenseitige Unverständnis. „Die Schleifen aufzuhängen, ist für uns ein Akt der Meinungsfreiheit“, sagt am nächsten Mittag Eugeni Batalla, der Besitzer eines Papierwarenladens in Vilassar. „Dass sie runterreißen, was du aufgehängt hast, ist nichts anderes als Zensur.“

Der ausnehmend freundliche 62-Jährige ist ein überzeugter Anhänger der Unabhängigkeit Kataloniens. Sein Laden ist voll mit separatistischen Symbolen. „Lieber außerhalb Europas als innerhalb Spaniens“, steht auf einem kleinen Plakat. Batalla ist stolz auf seine katalanischen Vorfahren, alle acht Urgroßeltern seien schon Katalanen gewesen. Er will kein Spanier sein. „Den spanischen Ausweis habe ich nur, damit ich ein Konto eröffnen kann.“

„Sie“ aber wollen nicht verstehen, dass Katalonien eine Nation sei, und nun sorgten „vier Vermummte“ dafür, dass die Spannung im Lande wachse. „Sie verdecken ihr Gesicht, wir nicht, wir haben nichts zu verstecken.“ Die anderen seien „obszön“ und würden „gewalttätig, zumindest mit Worten“. Sein eigener Laden sei mehrfach attackiert, das Schaufenster mit Eiern beworfen oder mit Fäkalien beschmiert worden, im Juli schüttete jemand Massen gelber Plastikschnipsel in den Garten neben dem Geschäft, die Reste liegen noch unter den Büschen.

Die Spannung wächst in Katalonien, und verantwortlich sind immer die anderen. Die Leute von der „Putzbrigade“ verstecken ihre Gesichter, weil sie sich vor Verfolgung fürchten. Wer immer namentlich bekannt werde, müsse mit „Repressionen“ rechnen. Dem Koordinator der Gruppe wurde im Mai das Auto mit gelben Schleifen vollgemalt. Immer wieder die gelben Schleifen. Sie sind die Machtdemonstration der Unabhängigkeitsbefürworter: Kataloniens Straßen gehören ihnen. Warum tun es ihnen ihre Gegner nicht gleich und hängen eigene Symbole auf? „Mir käme das absurd vor“, sagt José Casado, „alles mit Plastik vollzuhängen, nur um zu sehen, wer den Längeren hat.“ Wahrscheinlich geht es genau darum in diesem Krieg der Schleifen.

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