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Spanien „Katalonien ist zerrissen“

Der sozialistische Politiker Josep Borrell spricht im Interview über die Spaltung der Region und die gesellschaftlichen Folgen des Unabhängigkeitsprozesses.

Katalonien
„Niemand wird unabhängig, weil er die Unabhängigkeit erklärt“, sagt der sozialistische Politiker Josep Borrell Foto: dpa

Herr Borrell, wie ist die Lage kurz vor der Abstimmung im spanischen Senat über die Anwendung des Verfassungsartikels 155 und der möglichen Entmachtung der katalanischen Regionalregierung?
Wir erleben eine Situation, die sich zu einem sehr schweren Konflikt entwickeln kann. Sie ähnelt der Lage, die Christopher Clark in „Die Schlafwandler“ beschreibt: Niemand wollte den Ersten Weltkrieg, und am Ende zogen sie in den Krieg, ohne zu wissen warum und wer ihn ausgelöst hatte. Die spanische Regierung muss sich klar sein, wie schwer es sein wird, den Artikel 155 umzusetzen. Ein großer Teil der katalanischen Gesellschaft betrachtet ihn als einen Angriff auf ihre Autonomie. Rajoy sagt, dass er alles gut durchdacht habe. Aber er hatte uns auch gesagt, dass er alles bedacht habe, um das Referendum am 1. Oktober zu verhindern. Ohne übertreiben zu wollen: Dies ist die schwerste Krise, die Spanien seit dem Putschversuch von 1981 durchmacht.

Ist an allem Franco schuld?
Als ich in die Grundschule ging, hing da ein Bild Francos, der zeigte mit dem Finger auf dich und sagte: „Sprich nicht Katalanisch, sprich die Sprache des Reiches.“ Wenn du in der Schule Katalanisch sprachst, wurdest du bestraft, auch wenn die selben Lehrer auf der Straße Katalanisch mit dir sprachen. Es ist offensichtlich, dass es unter Franco eine Repression der katalanischen Identität gab. Aber heute noch von der Repression des Katalanischen zu sprechen, ist absurd, dummes Zeug.

Es ist möglich, dass das katalanische Regionalparlament an diesem Donnerstag oder Freitag feierlich die Unabhängigkeit erklärt. Was hätte das für Folgen?
Ich kann mich zum Millionär erklären, und die Erklärung solange aussetzen, bis ich in der Lotterie gewinne. Niemand wird unabhängig, weil er die Unabhängigkeit erklärt, er wird es erst sein, wenn ihn andere Staaten anerkennen. Einige Freunde von mir sind sehr lustig. Sie sagen: Wir werden die Unabhängigkeit erklären, und weil uns Spanien nicht anerkennt, werden wir weiter Mitglied der EU bleiben. Das wäre also eine Art klandestiner Unabhängigkeit, wir sind unabhängig, es soll bloß keiner mitbekommen.

Die Gegner und die Befürworter der Unabhängigkeit Kataloniens leben in Parallelwelten.
Vor kurzem hat mir eine Freundin einen Zeitungsartikel des spanisch-britischen Journalisten John Carlin zugeschickt: Lies ihn dir durch, der erklärt, was gerade geschieht! Und ich lese ihn und finde: Das ist der reine Müll, intellektueller Müll, voller Lügen und Vorurteile. Ich sagte ihr also: Wir haben ein schweres Problem, wenn du und ich, die wir in so vielen Dingen ähnlich denken, einen Text, der die Lage in Katalonien analysiert, so unterschiedlich interpretieren – wie können wir auf einen minimalen gemeinsamen Nenner kommen?

Sie haben das Argumentieren nicht aufgegeben und ein Buch – „Las cuentas y los cuentos de la independencia“ – geschrieben, um Ihre Sicht zu erklären.
Aber das lesen nicht die, die es lesen sollten. Meine Schwester lebt in einem katalanischen Dorf, und ihre Freunde beschimpfen sie: „Wie hat dein Bruder bloß so ein Buch schreiben können, das ist eine Schande!“ „Hast du es denn gelesen?“ „Natürlich nicht, so etwas werden wir nie lesen!“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Spanien

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