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Sowjetischer Beton in den Köpfen

Die Lage in der Ukraine ist gerade aus polnischer Sicht beunruhigend.

08.05.2014 20:41
Artur Becker
Russische Soldaten proben für eine Parade. Foto: REUTERS

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Zwischen 1947 und 2000 kümmerte sich der polnische Herausgeber der Pariser Emigrantenzeitschrift „Kultura“ Jerzy Giedroyc um die Freiheit des Wortes aus polnischer und auch aus ukrainischer Feder, dementsprechend sahen damals die Publikationen seines Hauses aus: Es waren literarische oder politische Schriften gegen den sowjetischen Beton in den Köpfen der Menschen – auf den Punkt gebracht. Und ich erinnere mich an die ketzerisch-mythische Kernthese von Giedroyc, die er bereits Mitte der Siebziger schriftlich formulierte und die selbst nach 1989 in Polen immer wieder kritisiert wurde: Die Unabhängigkeit der Ukraine, Litauens und Weißrusslands würde sich fördernd auf die Unabhängigkeit Polens auswirken. Trotz der Massaker an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien und Ostgalizien, durchgeführt von ukrainischen Nationalisten zwischen 1943 und 1944, war Giedroyc absolut davon überzeugt, dass eine Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen möglich und sogar notwendig sei.

Die Ukraine hat im sogenannten „Holodomor“, in der Zeit der sowjetischen Hungersnot Anfang der Dreißigerjahre, Millionen von Menschenleben verloren, die Erfahrung der Sowjetisierung der Wirtschaft war eine der schrecklichsten, und Hitlers Invasion musste dem desillusionierten und idiosynkratisch eingestellten Volk wie eine Rettung erschienen sein. Jedenfalls war die Angst vor dem sowjetischen Teufel groß genug gewesen, um sich in die Arme des nächsten zu begeben und „die polnischen Herren“ aus Wolhynien endgültig zu vertreiben. Dieser Genozid traf Unschuldige: die einfache Landbevölkerung, und das Gemetzel und die späteren Racheakte der Polen gehören zu dem schwärzesten Kapitel beider Nationen.

Die seltsame These von Giedroyc, oft kritisiert für ihren ahistorischen Impetus, scheint heute aktueller denn je. In den ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion wie auch in manchen Bevölkerungsschichten der Ukraine herrscht wieder die Angst vor der Wiederherstellung des sowjetischen Reiches, und in Polen ist diese kollektive Angst, obwohl doch Polen keine Sowjetrepublik gewesen ist, genauso groß wie z. B. in Lettland.

Angst vor Einmarsch der Russen

Ich erinnere mich an meine Tätigkeit als Pate der deutschen Bibliothek in Riga im Jahre 2007. Mein Betreuer, ein junger Historiker, verblüffte mich mit seiner sowjetischen Phobie: Nur mit Widerwillen besuchte er ein russisches Theater mit mir, und er erzählte immer wieder von der Angst der Letten vor einem plötzlichen Einmarsch der Russen.

Es fiel mir schwer, ihn zu beruhigen, der Kalte Krieg sei doch vorbei, und im globalisierten Zeitalter sei jede Panzerbewegung auf dem Computer sofort zu sehen wie der Wetterbericht. In den Neunzigern wurde ich auch in Deutschland oft belächelt, weil ich nicht so recht an den wirtschaftlichen und militärischen Untergang des Sowjetreiches glauben wollte. Trotzig entgegnete ich meinen Kritikern, die Idee einer Großmacht lebe in Russland weiter und deren Wurzeln reichten bis in die Kiewer Rus (!).

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Ich weiß wirklich nicht, wie sich der Westen die Demokratisierung in Kiew vorstellt – woher soll denn diese Demokratisierung kommen? Es gibt zwar in der Ukraine junge, gebildete und weltoffene Eliten, die den sowjetischen Beton in den Köpfen der Menschen bekämpfen, aber ihre Möglichkeiten sind zerbrechlich, sie leben selbst wie unter einer Glocke, und sie müssen einen biblischen Kampf gegen Oligarchen, Korrupte und Nationalisten führen – sowohl aus Russland wie auch aus ihrer eigenen Heimat, und über die geopolitischen Großmachtinteressen Russlands wollen wir hier gar nicht erst spekulieren, selbst darüber nicht, ob sich Russland vom Westen mehr und mehr eingekreist fühle oder ob ein Leitwolf durch einen neuen ersetzt werden könne, wie so oft in der Geschichte.

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Wie sollen diese Eliten, denen die politische Erfahrung der Opposition fehlt, gewinnen, um demokratisch zu regieren? In Polen hat der lange Weg zu „Solidarnosc“ und später zur offenen Gesellschaft mit den Protesten 1956 in Posen begonnen und fand seinen Höhepunkt an der Ostseeküste 1970 – in beiden Fällen blutig niedergeschlagen, und danach dauerte es immer noch zehn Jahre bis zu den Streiks in Danzig im August 1980. Und die Ukrainer aus dieser progressiven Elite müssen außerdem ihre doppelte Identität, so auch die ukrainisch-russische Symbiose in der Sprache, glücklich auflösen, doch Taras Schewtschenko (1814 - 1861) als eine Ikone der Nationaldichtung vor sich herzutragen, ist bloß ein sympathischer Anachronismus.

Haben denn in Westeuropa Nationaldichter noch irgendwelche Bedeutung für unsere Identität? Oder konzentriert sich alles nur noch auf die eine ontologische Frage: Wer bin ich? Ein Gombrowicz würde z. B. ein T-Shirt mit dem Antlitz von Adam Mickiewicz niemals anziehen und auf die Straße gehen und demonstrieren: Doch diese avantgardistische Entweihung der nationalen Devotionalien hat in Polen schon vor dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden.

Und damit der sowjetische Beton aus den Köpfen der Menschen nicht verschwindet, erledigen die russischen Medien eine „exzellente“ Arbeit. Der russischsprechende Empfänger (egal, ob in der Ukraine oder in Moldawien) lässt sich leicht mit Videos über brutale Attacken der Ultranationalisten oder über amerikanische Saboteure manipulieren.

Die Sorgen der Nachbarn

Die Bevölkerung der Provinz ist arm und desillusioniert, und die jungen Menschen, die heute zwischen 18 und 25 Jahre alt sind, kämpfen gegen ihre Eltern, die postsowjetisches Denken vertreten. Ich habe diese jungen Ukrainer 2012 auf dem Internationalen Lyrikfestival „Meridian“ in Czernowitz kennengelernt (im Übrigen ist der russische Schriftsteller Igor Pomeranzew der Initiator des Festivals). Neben ihren jugendlichen Sorgen müssen sie ihre Eltern praktisch politisch und moralisch entsorgen, und wenn sie es nicht schaffen, werden sie nach Kanada auswandern.

In Polen kennt man die Sorgen seiner Nachbarn, und ebenso ihre Schwächen. Es kursiert dort in meiner Heimat schon der erschreckende Satz: „Wir sind doch keine Ukraine! Wenn die zu uns kommen, gibt es sofort Krieg.“ Die Angst vor der Wiederauferstehung der Sowjetunion aber ist für den westlichen Menschen nicht verständlich, schon gar nicht für die westliche Linke. Als ich den Aufruf von Bernard-Henri Lévy las: „Es lebe die eine, unteilbare und freie Ukraine!“, musste ich grinsen. Was für ein Wunsch wird da eigentlich ausgesprochen, und werden die Europäer eines Tages der Ukraine wirklich zu Hilfe eilen – auf weißem Ross, wie es die polnischen Generäle Pulaski und Kosciuszko einmal für Amerika getan haben?

Die westliche Linke hat eine alte Neigung zur Glorifizierung des Marxismus – ihr fehle die historische Erfahrung, wie es Leszek Kolakowski sagen würde, ihr omnipotentes Wunschdenken sei stärker als der Realitätssinn. Es gibt im Westen nicht nur bei den Linken oder den Sozialdemokraten die alte Neigung, Russland Eingeständnisse zu machen, um angeblich Schlimmeres zu verhindern, und davor haben Polen oder Letten die größte Angst. Die Ukraine ist aber noch ein Kleinkind und kennt nicht einmal die Erfahrung der Enttäuschung. Sie braucht jetzt also vor allem eines: Sicherheit.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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