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Somalia Wie Stalingrad, nur 60 Grad heißer

Haus für Haus, Block für Block kämpfen sich in Somalias Hauptstadt Mogadischu Blauhelme der Afrikanischen Union gegen Islamisten vor. Eine Reportage von FR-Korrespondent Johannes Dieterich.

Patrouille nahe Mogadischu: Ein Soldat der afrikanischen Friedenstruppen Amisom. Foto: AFP

Haus für Haus, Block für Block kämpfen sich in Somalias Hauptstadt Mogadischu Blauhelme der Afrikanischen Union gegen Islamisten vor. Eine Reportage von FR-Korrespondent Johannes Dieterich.

Das Licht wird fahl. Der Ruf der Muezzine zum Abendgebet geht im Bellen der Maschinengewehre unter. Anthony Mbuusi bückt sich, um den Kopf unter den Sandsäcken zu halten. Dann rennt er über die Straße. Sie ist voll Schutt, Metallsplittern, Kratern.

Wie jeden Abend inspiziert der ugandische Oberstleutnant seine Truppen. Ein Soldat steht mit dem Gewehr im Anschlag in einem Zimmer, dessen Fenster mit einem wahren Dom aus Sandsäcken gesichert ist. Ein anderer hat sich mit seinem Granatwerfer hinter einer mit Gerümpel verstärkten Mauer eingenistet. Ein weiterer kauert auf dem Dach einer dreistöckigen Hausruine.

Durch enge Schießscharten zeigt Anthony auf die feindlichen Stellungen, mancherorts gerade zehn Meter entfernt, nur scheinbar leblos. Ein trockener Knall – die Islamisten müssen Anthonys Bewegung wahrgenommen haben. Mogadischu, im März 2011.

Gefährliches Pflaster

Die Hauptstadt der inexistenten Republik Somalia ist seit zwei Jahrzehnten ein gefährliches Pflaster. In der einstigen Perle Ostafrikas sind Tausende von Soldaten aus Uganda und Burundi stationiert. Dass die afrikanischen Friedenstruppen sind in einen Krieg verwickelt sind, der erbitterter geführt wird als die meisten anderen in der Welt tobenden Konflikte, hat kaum jemand im Blick. „Ich weiß auch nicht, woran das liegt“, sagt Oberstleutnant Anthony, „alle Welt schaut nach Libyen und Afghanistan. Aber niemand weiß, was hier passiert.“

Der Bataillonskommandeur setzt sich auf einen Plastikstuhl auf der Veranda eines der wenigen halbwegs intakten Häuser, seiner Kommandozentrale. In der Wand steckt ein Projektil, das jüngst nur Zentimeter neben Anthony in den Backstein schlug. Die kugelsichere Weste des Oberstleutnants weist am Rücken einen kleinen Krater auf; vergangenen Woche traf ihn dort eine Kalaschnikow-Kugel. Das Dach ist halb eingebrochen; dort ging eine Mörsergranate nieder, als der Kommandeur gerade seine Truppen inspizierte.

Bis im September 2010 sei Amisom noch eine eher konventionelle Friedensmission gewesen, berichtet Anthony. Die im Auftrag der Afrikanischen Union in Mogadischu stationierten 8000 Soldaten versuchten, die schwächliche Übergangsregierung vor den Angriffen der Islamisten zu schützen. Die Blauhelme hielten wichtige Verbindungsstraßen frei und schirmten den Amtssitz des Präsidenten ab. Doch der Druck der Islamisten wurde immer größer.

Im Fastenmonat Ramadan drangen die „Gotteskrieger“ ins Herz der Hauptstadt vor, beschossen Amisom-Konvois. „Wir fühlten uns wie lahme Enten“, lacht Anthony gequält, „etwas musste geschehen.“ Die ugandischen und burundischen Soldaten gingen, mit tausend Mann Verstärkung und einem robusteren Mandat der Vereinten Nationen im Tornister, zum Angriff über. Haus für Haus und Block für Block mussten sie den Feind aus seinen Stellungen vertreiben, die Islamisten hatten sich eingenistet.

„Es blieb uns gar nichts anders übrig, als wie einst die Russen in Stalingrad einen Häuserkampf zu führen“, sagt Anthony, „nur dass es hier rund 60 Grad heißer ist.“ Und dass die im Buschkrieg erfahrene ugandische Armee vom Häuserkampf keine Ahnung hatte. „Wir lernen aber schnell. Und unsere Freunde haben uns beim Training auch etwas geholfen“, sagt der Offizier und meint US-Amerikaner und Franzosen.

Was genau sie gelernt haben und wie sie bei ihren Angriffen vorgehen, möchte Anthony nur metaphorisch beantworten: „Wir testen mit dem einen Bein das Wasser, um beim Nachziehen des zweiten Beines festen Grund unter den Füßen zu haben.“ Wichtig sei, nichts zu überhasten, fügt der im Kongo, dem Sudan und seinem eigenen Land kriegserfahrene Offizier hinzu: „Wenn man zu schnell vorgeht, wird es riskant.“

Den Block hinter dem Pink House im Südosten Mogadischus haben die Blauhelme erst am Vortag eingenommen. Es riecht nach Pulverdampf. In einem Hausflur liegt ein Toter, den die Islamisten nicht mehr wegschleppen konnten. Sämtliche Häuser sind zerschossen. Ein Benzinkanister liegt auf dem Boden, es könnte eine Sprengfalle sein. Selbst innerhalb der Häuser haben die Islamisten tiefe Löcher gegraben. Ihre Stellungen sind mit langen Gräben verbunden, die sich durch die halbe Stadt ziehen. Das zeigen die erstaunlich scharfen Satellitenaufnahmen, die die Ugander von ihren US-Freunden bekommen.

Die Taktik mit den Schützengräben, erklärt Anthony, hätten den militärisch unerfahrenen somalischen Islamisten wohl ihre kampferprobten Freunde aus der arabischen und vorderasiatischen Welt beigebracht: „Gotteskrieger“ aus Afghanistan, dem Libanon oder gar Tschetschenien. Dass ideologische Gastkrieger oder gar Al-Kaida-Kader mitkämpfen, gilt unter Amisom-Offizieren als ausgemacht, auch wenn ihnen außer ein paar Eritreern und Muslimen aus anderen ostafrikanischen Staaten noch keine Mudschaheddin in die Hände gefallen sind. Anthony schätzt ihre Zahl auf 70 oder 100. Sein Chef, Amisom-Befehlshaber Nathan Mugisha, geht von mehr als 1000 aus.

Propaganda der Islamisten

Plötzlich brechen Schüsse die Ruhe im frisch eroberten Block hinter dem Pink House: Kalaschnikows, Maschinengewehre, ab und zu faucht eine Bazooka. Der Tag nach einer erfolgreichen Attacke sei immer der gefährlichste, sagt Anthony. Der Feind suche den Verlust zurückzugewinnen, bevor die neuen Herren die Stellungen wieder befestigen.

Auch im Gashandiga, dem einstigen Hauptquartier der Islamisten, kam die Hauptgefahr erst nach dem Angriff. Mit einem Trick eroberte das burundischen Amisom-Kontingent Ende Februar den riesigen Komplex, der einst das Verteidigungsministerium beherbergte. Die Burunder griffen zuerst die wenige hundert Meter entfernte alte Milchfabrik an. Als die Islamisten aus dem Hauptquartier den Kameraden in der Fabrik zu Hilfe eilten, gingen die Soldaten zum Überraschungsangriff auf das Hauptquartier über. Es fiel in wenigen Stunden.

Noch bevor die Amisom-Truppen ihre Stellungen festigen konnten, schickten die Islamisten einen mit Sprengstoff gefüllten und von zwei Selbstmordattentätern gesteuerten Jeep auf das Gelände, dem mehr als hundert „Gotteskrieger“ folgten. Das Gerippe des explodierten Jeeps liegt heute am Rand des Geländes. Die Verluste der Burunder müssen hoch gewesen sein. Weit mehr als 50 Soldaten sollen im Kampf um das Hauptquartier des Feindes gestorben sein, heißt es. Offiziell schweigt sich Amisom über die Zahl der Toten aus. Negative Meldungen, wird befürchtet, könnte die Stimmung zu Hause in Burundi und Uganda kippen lassen.

„Jeder von uns hat den Bürgerkrieg in Burundi miterlebt“, sagt Major Prosper Hakizimana, „wir wissen, dass wir sterben werden, und sind froh, wenn es für einen guten Zweck geschieht.“ Anthonys Kämpfer haben sich drei Monate lang an der Front aufzuhalten, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie schlafen abwechselnd auf Matratzen, meist direkt neben Schießscharten. Auch das Essen bringen ihnen Kameraden an die Front.

Zwischen den Infanteristen sitzen Scharfschützen, die ununterbrochen durch das Fernrohr ihrer Gewehre starren. Wenn sie einen Gegner erschießen, geben sie die Erfolgsmeldung per Funk an Anthony durch. In dessen Kommandozentrale hängt eine runde Pappe an der Wand, auf der die Abschussquoten der Scharfschützen mit Reißnägeln festgehalten werden. Vorgestern waren es zwei Tote, gestern sogar sieben.

Anthonys strategisches Ziel ist wenige hundert Meter entfernt: der Zentralmarkt Mogadischus. Wären die Islamisten erst vom Markt vertrieben, wären ihre Tage gezählt, sagt der Kommandeur des ugandischen Kontingents, Mike Ondoga. Die „Gotteskrieger“ bezögen ihr Einkommen von den Händlern. Die müssten den „al Schabab“, den Jungs, wie sich die islamistischen Kämpfer selber nennen, Tribut zahlen. Ein Angriff auf den Markt komme aber nicht in Frage, fährt Oberst Ondoga fort, das sei für die Zivilbevölkerung viel zu riskant.

Ohnehin behaupten die Islamisten, Amisom beschieße den Markt mit Mörsern – ein Vorwurf, den Anthony vehement dementiert: „Das ist die übliche Propaganda der Islamisten.“ Allerdings klagen auch andere über Übergriffe Amsioms auf Zivilisten: „Vor allem die Ugander pflegen äußerst brutal vorzugehen“, sagt der Sprecher einer somalischen Nichtregierungsorganisation.

Statt den Markt anzugreifen, werden Anthonys Soldaten ihn umzingeln müssen. „Das wird noch Monate dauern“, sagt ihr Kommandeur. Oberstleutnant Anthony würde gern Hubschrauber einsetzen, die feindliche Bunker aus sicherem Abstand zerstören könnten. Doch das lasse das UN-Mandat nicht zu, und bisher habe sich auch kein Land bereit erklärt, Kampfhelikopter zur Verfügung zu stellen. Nicht einmal die wiederholte Bitte sei erfüllt worden, Kriegsschiffe den Hafen von Kismao blockieren zu lassen, über den die Islamisten ihren Nachschub erhalten. „Wir führen hier einen Krieg gegen den globalen Terror, aber niemand hilft uns dabei“, sagt Anthony, „während libysche Rebellen mit der geballten Unterstützung westlicher Luftstreitkräfte rechnen können.“

Schlachtenlärm geht wieder los

Immerhin: Italien und die USA zahlen die Gehälter von zweitausend somalischen „Soldaten“, die auf Amisoms Seite kämpfen. Europäische Offiziere – auch der Bundeswehr – sollen die somalischen Haudegen in Uganda zu disziplinierten Soldaten ausbilden. Gelungen ist das bislang nicht, klagt Oberst Ondoga: Sobald die einstigen Kämpfer der Clanältesten und Kriegsfürsten wieder in Mogadischu seien, folgten sie statt ihren Offizieren anderen Herrn. Einmal habe er den Somaliern einen Frontabschnitt zur Verteidigung überlassen, erzählt Anthony. Am nächsten Morgen habe er lediglich drei von 50 noch in den Stellungen vorgefunden.

Es ist Nacht geworden in Mogadischu. Die Feuerstöße werden etwas seltener. Über Anthonys Kommandostand ziehen dunkle Wolken auf, bald beginnt die Regenzeit. Für rund die 600.000 Einwohner Mogadischus, die zwischen den Trümmern in Zelten oder unter Plastikplanen leben, bahnt sich die nächste Katastrophe an: Cholera- und andere Durchfallepidemien sind unausweichlich. In der Trümmerstadt arbeiten kaum noch Hilfsorganisationen. Selbst Ärzte ohne Grenzen haben ihr Personal evakuiert. Mogadischu gilt als zu gefährlich – und ist wohl auch für Spender nicht attraktiv genug. „Alle sind in Afghanistan und im Irak“, sagt Oberst Ondoga, „hier ist keiner.“

Als um halb fünf die ersten Hähne krähen, geht der Schlachtenlärm wieder los. „Sie greifen an“, sagt Anthony. Von einer Matratze auf der Veranda seines weniger als hundert Meter von der Front entfernten Hauses aus koordiniert er mit dem Walkytalky sein Bataillon. Der Offizier hat die Nacht auf der Matratze im Freien verbracht. Dass vor kurzem eine Mörsergranate in den Hof einschlug, scheint ihn nicht weiter zu kümmern. „Auch mein Tag wird einmal kommen“, sagt der 47-jährige Vater von zwei Kindern, „vermeiden lässt sich das nicht.“

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