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Somalia Mogadischu frei von Islamisten

Zum ersten Mal seit Jahren kontrolliert die Übergangsregierung wieder die Hauptstadt. Für die Dürreopfer, die dort Zuflucht gesucht haben, verbessert sich dadurch wenig.

Somalische Regierungssoldaten in Mogadischu. Nach dem Abzug der Al-Schabaab-Milizen droht nun ein Guerilla-Krieg. (Foto: Stuart Price/AU-UN IST)

Zum ersten Mal seit Jahren kontrolliert die Übergangsregierung wieder die Hauptstadt. Für die Dürreopfer, die dort Zuflucht gesucht haben, verbessert sich dadurch wenig.

Somalias Al-Schabaab-Miliz hat eine militärische Schlappe erlitten: Die islamistischen Gotteskrieger zogen in der Nacht zum Samstag einen Großteil ihrer Kämpfer aus der Hauptstadt Mogadischu ab. Augenzeugen berichteten, sie hätten einige mit mehr als 50 schwer bewaffneten Milizionären besetzte Fahrzeuge in dem rund 25 Kilometer nordwestlich von Mogadischu gelegenen Afgoye gesehen. Sie sollen die von den Islamisten gehaltene Provinzstadt Baidoa angesteuert haben.

Die Miliz, die Verbindungen zur Terrorgruppe Al Kaida unterhält, bestätigte den Abzug ihrer Kämpfer. Dabei handele es sich aber nur um einen taktischen Rückzug, sagte Al-Schabaab-Sprecher Ali Mohamud Rage im Radiosender Andalus. „Die Mudschaheddin haben einen taktischen Wechsel vorgenommen, um die vereinten Feinde Allahs zu verwirren“, sagte er. „Schon bald werdet ihr wieder gute Nachrichten vernehmen.“

Die somalische Übergangsregierung reagierte euphorisch. „Wir sind glücklich, dass wir die Früchte unseres Krieges gegen die Rebellen ernten können“, sagte Somalias Übergangspräsident Scharif Scheich Achmed. „Mogadischu wurde vollständig vom Feind befreit. Der Rest des Landes wird bald folgen.“ Premier Abdiweli Mohamed Ali blieb verhaltener. Zwar hätten die Hauptstadtbewohner von diesem Tag drei Jahre lang geträumt, sagte der in der US- Elite-Universität Harvard ausgebildete Regierungschef. Doch nun beginne die erste Phase eines neuen Kriegs.

Damit spielte Ali offenbar auf die Furcht an, die auch die in Mogadischu stationierte afrikanische Schutztruppe Amisom umtreibt. Deren Sprecher warnte vor einer Falle der al-Schabaab: Möglicherweise hätten sich viele Milizionäre unter die Bevölkerung gemischt, um Terroranschläge zu verüben. „Wir brauchen jetzt noch mehr Truppen als zuvor“, sagte der Sprecher der aus 9000 ugandischen und burundischen Soldaten bestehenden Streitmacht. „Unser Einsatzgebiet hat sich schließlich stark vergrößert.“

Leute in Mogadischu warten erst einmal ab

Bis Ende vergangener Woche kontrollierten Amisom und die Truppen der Übergangsregierung höchstens zwei Drittel der zerstörten Stadt. Das Bündnis hatte sich in den vergangenen zehn Monaten in einem blutigen Häuserkampf langsam vorwärts gekämpft. Noch vor einem Jahr hatte die Übergangsregierung nur wenige Straßenzüge Mogadischus unter Kontrolle. Doch zuletzt forderten innere Spannungen und Hungersnot ihren Tribut von den Islamisten. Auch schwand ihre Popularität in der Bevölkerung wegen ihrer strengen Herrschaft. Sie praktizieren öffentliche Exekutionen angeblicher Spione, Amputationen als Strafe für kleinere Delikte wie Diebstahl und verbieten Kinofilme, westliche Musik und Fußball.

In Mogadischus Straßen herrschte am Wochenende zwar Erleichterung. Es würden aber keine Freudenfeste gefeiert, sagte Abdullahi Schirwa von der Nichtregierungsorganisation Somali Peaceline. „Die Leute warten ab, ob dem Frieden überhaupt zu trauen ist.“ Befürchtet wird, dass die alten Kriegsfürsten, die Somalia eineinhalb Jahrzehnte im Griff hatten, wieder in das von den Islamisten hinterlassene Vakuum vordringen. Ihre Kundschafter seien schon in den von Al-Schabaab aufgegebenen Stellungen gesichtet worden, heißt es.

Kenner halten die Frage, ob die als notorisch zerstritten und korrupt geltende Übergangsregierung den militärischen Erfolg in einen politischen umwandeln kann, jetzt für entscheidend. „Ich gebe mich aber keinen Illusionen hin“, sagte Peter Pham vom Washingtoner Atlantik-Rat. „Den einzigen Nutzen, den die Minister aus der neuen Situation ziehen werden, ist vermutlich, dass sie die Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland noch besser in ihre Tasche leiten.“

Bis zum Wochenende beherrschten die Milizen der Al-Schabaab noch weite Teile Somalias außerhalb der Hauptstadt. Ob der Rückzug der Milizionäre aus Mogadischu auch den Zusammenbruch ihrer Herrschaft in den Provinzstädten zur Folge haben wird, bleibt abzuwarten. Kenner des Landes verweisen allerdings darauf, dass die Islamisten im Jahr 2007 schon einmal von äthiopischen Truppen aus der Hauptstadt und aus weiten Teilen Somalias vertrieben wurden – nur um sich wenige Monate später ein gewalttätiges Comeback zu sichern.

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