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Solingen „Ich spüre keinen Hass“

Die Familie Genç wirbt unermüdlich für Toleranz – ein Besuch.

Solingen
Mevlüde Genç (r.) im Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Foto: dpa

Das Haus der Familie Genç, nur wenige Kilometer vom Anschlagsort entfernt, ist von hohen Mauern geschützt. Auf einem Monitor im Wohnzimmer sind Straße und Bürgersteig zu sehen, die Kamera läuft 24 Stunden am Tag. „Die Kamera“, sagt Mevlüde Genç, „gibt uns ein Gefühl der Sicherheit.“ Das Wohnhaus wirkt wie ein Hochsicherheitstrakt, aber das geht wohl nicht anders. 

Gegenüber der Kamera ist eine Fotowand – Porträts der Familie mit deutschen und türkischen Würdenträgern. Der frühere Bundespräsident Johannes Rau (SPD) ist dabei, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), ein Bild des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und eines seines Vorgängers Abdullah Gül. Auf dem Wohnzimmertisch stehen Gebäck und Tee, auf der Couch sitzt Mevlüde Genç und sagt, was sie bewundernswerter Weise seit 25 Jahren sagt: „Wir sind in Solingen geblieben, weil Solingen unsere Heimat ist. Ich lebe länger in Deutschland als in der Türkei.“ 

Ein Vertrauter der Familie übersetzt die Worte der heute 75-Jährigen, die bei dem Anschlag 1993 zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor. „Ich spüre keinen Hass“, sagt sie heute. „Es waren Einzeltäter, nicht die Deutschen.“ Sie redet auch über ihren Schmerz, sagt: „Ich empfinde ihn seit 25 Jahren jeden Tag gleich stark.“ Und sie sagt: „Ich bete dafür, dass wir alle gute Menschen sind, verzeihen können und tolerant sind.“

Mit solchen Worten ist Mevlüde Genç zu einem Symbol der Menschlichkeit geworden. Sie hat das Bundesverdienstkreuz erhalten, hat – vorgeschlagen von der CDU – als Delegierte an der Bundesversammlung teilgenommen, die Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wählte. Armin Laschet hat Genç in einem Beitrag für ein deutsch-türkisches Journal als „beeindruckendste Frau, der ich je begegnet bin“, bezeichnet. 

Mevlüde Genç, die während des Gesprächs  immer mal wieder zum Überwachungsmonitor schaut, sagt, sie sei dem deutschen wie dem türkischen Staat dankbar „für die Anteilnahme an unserem Leid“. Für ihre Familie sind Anteilnahme und Politik zweierlei – umgekehrt war das gewiss nicht immer der Fall. 

Helmut Kohl war der offiziellen Trauerfeier für die Mordopfer 1993 mit dem Verweis seines Sprechers ferngeblieben, „weiß Gott andere wichtige Termine zu haben“. Kohl hatte nach dem Anschlag von „Beileidstourismus“ gesprochen, er wolle das nicht und stehe deswegen nicht für einen Besuch bei den Überlebenden zur Verfügung. Es war einer der größten Fremdschäm-Momente seiner Kanzlerzeit. 

Im Wohnzimmer hängt das Porträt von Erdogan neben jenem von Johannes Rau. „Ich interessiere mich nicht für Politik“, sagt Mevlüde Genç. Während sie redet, sitzt ihr Mann Durmus neben ihr, nickt ab und zu und schweigt. Auf einer Couch im Hintergrund hört ihr Sohn Bekir zu. Bekir war 15, als die Flammen ihn fast verbrannten. Wie viele weitere Familienmitglieder hatte er schwerste Verletzungen erlitten – 24 Operationen retteten ihm das nackte Leben. 

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