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Social Media „Wir sind unseres Netzwerks Schmied“

Der Wissenschaftler Thorsten Faas spricht im Interview über die Macht von Facebook, Google und Co - und die Verantwortung der Nutzer.

Donald Trump wirft Google vor, Hillary Clinton im Algorithmus zu bevorzugen. Foto: AFP

Herr Faas, in der Serie „House of Cards“ werden Daten einer Google-ähnlichen Suchmaschine von einem Kandidaten für seinen Wahlkampf genutzt. Ist das ein reales Szenario?
Google bietet Dienstleistungen an, die sich für solche Zwecke nutzen lassen. Das machen derzeit vor allem Unternehmen, aber sicherlich auch Parteien und Politiker. Dass Google einen Handel mit diesen Daten treibt, ist kein Geheimnis.

Donald Trump hat Google vorgeworfen, Hillary Clinton im Wahlkampf zu bevorzugen.
Den konkreten Vorwurf Trumps, man würde die Google-Suche manipulieren, um einen Kandidaten zu bevorzugen, halte ich für abwegig. Google generiert seinen Wert aus seinem neutralen Image. Das wäre stark beschädigt, wenn ein solcher Fall bekannt werden würde. Entkräften kann man den Vorwurf allerdings nicht, weil der angewandte Algorithmus nicht transparent ist.

Ein unbekannter Algorithmus lässt sich schwer erforschen.
Es wäre sicher einfacher, wenn wir die genaue Funktionsweise kennen würden. Wir wissen nicht, wann Firmen wie Google oder Facebook Änderungen an der Funktionsweise ihres Algorithmus’ vornehmen. Intransparenz und Forschung gehen nie gut zusammen.

Was können wir aus dem Vorwurf Trumps über soziale Medien lernen?
Dass mit Algorithmen große Machtaspekte und -potenziale verbunden sind. Wer die Algorithmen kontrolliert, hat die Möglichkeit, unsere Informationszugänge zu steuern. Es gab bereits Experimente, die zeigen, dass man, je nachdem was man Menschen in ihrem Newsfeed zeigt, einen Einfluss auf ihre Gefühlswelt nehmen kann. Andere Experimente beweisen, dass man mit Facebook die Wahlbeteiligung steigern kann.

Welchen Einfluss hat Social Media auf die politische Willensbildung?
Wir sollten soziale Medien nicht als neues Phänomen sondern als digitales Abbild der Kommunikation sehen, wie wir sie auch „offline“ erleben. Man kann sich bei Facebook ein sehr gezieltes Informationsportfolio zusammenstellen. Man kann Angebote von Massenmedien nutzen oder Kandidaten und Parteien direkt folgen. Sie können sich dort auch mit ihren Freunden und Bekannten austauschen. Aus der Forschung wissen wir, dass vor allem die Quelle einer Information entscheidend dafür ist, wie wir sie bewerten. Die Quelle der Inhalte auf Facebook ist aber so gut wie nie Facebook selbst, sondern ein Unternehmen, eine Medienanstalt, ein Freund oder ein Familienmitglied. Das beeinflusst unsere Wahrnehmung und die Bedeutung, die wir dem Inhalt beimessen, viel stärker als die Plattform, auf der uns der Inhalt erreicht. Die Bedeutung ist dann am größten, wenn Informationen über persönliche Kontakte an uns herangetragen werden. Das gilt online genauso wie offline.

Spielt Social Media in den USA eine größere Rolle als in Deutschland?
In den USA nutzen viel mehr Menschen soziale Medien. Die Voraussetzungen für Facebook und Co. sind also besser. Deshalb erhöht sich aber nicht automatisch der qualitative Einfluss. Welche Rolle die Art des Mediums bei der Rezeption der Information spielt, ist sehr schwierig festzustellen. Aber auch das galt vor Facebook schon für nicht-digitale Medien.

Im Zuge der Terroranschläge in Paris hat Facebook die Funktion angeboten, sein Profilbild mit nur einem Klick mit der französischen Flagge zu unterlegen, als Ausdruck der Solidarität mit den Opfern. Facebook politisiert also mit Vorsatz.
Absolut. Allein durch das Angebot gewisser Infrastrukturen, die den Ausdruck eines politischen Bewusstseins erleichtern. Man konnte sein Profilbild schon immer verändern. Aber Facebook kann gewisse Dinge erleichtern oder erschweren. Der Quellcode, also die Infrastruktur, die hinter einer sozialen Plattform steht, ist Macht, über die der Architekt der Infrastruktur verfügt. Man könnte sich leicht vorstellen, dass diese Funktion für Clinton- oder Trump-Anhänger angeboten wird – oder eben nur für einen von beiden. Das macht deutlich, über welches Machtpotential die Betreiber von einflussreichen Social-Media-Kanälen – zumindest theoretisch – verfügen. Soziale Medien übernehmen zusehends gesellschaftliche Aufgaben. Bei Facebook gibt es mittlerweile einen „Safety Check“, der es Leuten ermöglicht, nach einem Terroranschlag oder einer Naturkatastrophe ihren Kontakten mitzuteilen, dass es ihnen gut geht. Das zeigt, dass soziale Medien immer stärker in unseren Alltag eingebunden sind.

Kann Facebook nur allgemein die Wahlbeteiligung erhöhen oder auch den Wahlausgang beeinflussen?
Wahlbeteiligung ist kein „Eunuchen-Phänomen“, das man isoliert vom Wahlausgang betrachten kann. Manche Parteien haben ein größeres Interesse daran, mehr Leute zur Wahl zu bringen, weil sie sich davon größere Stimmanteile erhoffen. Das gilt besonders für die USA. Aber eine hohe Wahlbeteiligung ist in einer Demokratie normativ betrachtet auch ein Gut für sich, das man – als Demokrat gesprochen – anstreben sollte.

Wie steht es aber mit dem Einfluss auf die Entscheidung?
Das wäre sicher möglich. Als Facebook-Nutzer hat man hin und wieder das Gefühl, dass jeder ein etwas anderes Facebook sieht. Mancher hat bestimmte Features bereits, andere nicht. Facebook nutzt die unterschiedliche Auslieferung ihres Dienstes als Test, was bei Leuten wie ankommt. Auch Google macht das, sie nennen es A/B-Tests. Da wird mal ein Farbton leicht verändert oder eine Reihenfolge anders gestaltet und ermittelt, welche Auswirkungen das hat. Theoretisch lässt sich damit Wahlkampf machen.

Soziale Medien gelten als schnell, oberflächlich und chaotischer als klassische Medien. Bieten sie damit vor allem Populisten die Chance, neue Anhänger zu gewinnen?
Das ist sehr ambivalent. Vor allem den Anhängern von Donald Trump unterstellt man ja, dass sie sich abkapseln und den Massenmedien misstrauen. In Deutschland beobachten wir das auch bei AfD-Anhängern. Unter anderem so entsteht die „Filterblase“, die sicher bei Anhängern extremer Positionen stärker ausgeprägt ist. Es ist aber sehr fraglich, welchen Einfluss diese Filterblase auf die Willensbildung hat. Sie funktioniert als Bestärkung der eigenen Meinung, ist aber kaum in der Lage, jemanden von einer anderen zu überzeugen.

Kann man sich der Filterblase entziehen?
Da gibt es zwei Faktoren: zum einen das Verhalten und die Entscheidungen der User selbst. Blocke ich beispielsweise andere Nutzer, weil ihre Meinungsäußerungen meinen Ansichten widersprechen. Oder „like“ ich neben der Seite der Frankfurter Rundschau auch die der „FAZ“, um ein ausgewogenes Bild zu erhalten. Dazu kommt der Algorithmus. Wenn Facebook glaubt, eine Präferenz von Medium A gegenüber Medium B erkannt zu haben, dann gestaltet sich auch unsere Timeline anders. Das kann der Nutzer auf den ersten Blick gar nicht steuern. Aber sie haben bei Facebook die Möglichkeit, sich alles anzeigen zu lassen, was sich in ihrem Netzwerk abspielt. Das wird von Facebook sicher nicht unterstützt und es bedarf ein paar Klicks mehr, ist aber grundsätzlich möglich. Wir sind also unseres Netzwerks Schmied. Wer Ausgewogenheit schätzt, kann sich diese auch auf sozialen Plattformen herstellen.

Glauben Sie, dass soziale Medien generell dabei helfen, mehr Leute für Politik zu interessieren?
Nein, ich halte soziale Medien nicht für etwas fundamental Neues im Vergleich zu klassischen Medien. Sicher werden vorhandene Strukturen in einen neuen Kontext gehievt. Aber deshalb werden Menschen nicht automatisch politischer, nur weil sie Informationen schneller erreichen als früher. Wer sich vorher nicht für Politik interessiert hat, wird ganz sicher nicht damit anfangen, nur weil der Zugang zu Informationen leichter wirkt. Es bleibt die Aufgabe von Politikern, Journalisten und Parteien, die Informationen zu verarbeiten und sie dann an die Menschen weiterzureichen.

Interview: Daniel Dillmann

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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