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Singapur Ein Götterstreit um die Macht

Singapurs Herrscherfamilie zerfleischt sich im Kampf um die Macht über das Finanzzentrum. Einige Singapuraner können ihre Freude über die öffentlich zelebrierte Seifenoper nicht verbergen.

Singapur
Trügerische Ruhe entlang der Skyline des Stadtstaates. Dazwischen gärt es. Foto: afp

Singapurs Regierungschef Lee Hsien Loong beschuldigt seine jüngeren Geschwister, das letzte, siebte Testament seines Vaters Lee Kuan Yew, des Gründers des Stadtstaats, gefälscht zu haben. Er macht aber einen Bogen um die Gerichte und bemüht lieber ein von ihm selbst eingesetztes Ministerkomitee zur Klärung. Sein jüngerer Bruder Lee Hsien Yang und seine Schwester Lee Wei Ling werfen dem ältesten Bruder vor, das Erbe des Vaters zum Wohle eines Sohns politisch ausschlachten zu wollen.

Der ganz gewöhnliche Krach, unter Erben in aller Welt durchaus üblich, schockiert die sechs Millionen Einwohner Singapurs. Sie können kaum glauben, dass ausgerechnet die „Götter“ des Stadtstaats, wie der Volksmund den mächtigen Lee-Clan getauft hat, sich in aller Öffentlichkeit raufen.

Vordergründig dreht der Streit sich um eine etwa 100 Jahre alte Bruchbude mit der Adresse 38, Oxley Road im sündhaft teuren Geschäftszentrum des internationalen Finanzzentrums. Mangels Fundament verlieren die Hauswände seit Jahren den Kampf gegen Feuchtigkeit und Schimmel. Die Inneneinrichtung ließ schon vor Jahrzehnten allen Anspruch fahren.

38, Oxley Road war einst das Zuhause von Gründungsvater Lee. Vor der Unabhängigkeit von Großbritannien organisierte er dort Verschwörertreffen seiner Peoples Action Party. Dennoch verfügte der so scharfsinnige wie autoritäre und oft gnadenlose Lee den Abriss, um Personenkult zu vermeiden.

Lee Hsien Yang, das jüngste der drei Kinder und gegenwärtig Chef von Singapurs ziviler Luftfahrtbehörde, und seine Schwester Lee Wei Ling, eine anerkannte Neurologin, werfen nun plötzlich ihrem ältesten Bruder Lee Hsien Loong, seit 2004 Premierminister des Stadtstaats, öffentlich Machtmissbrauch und die Absicht vor, eine „natürliche Aristokratie“ in dem Finanzzentrum errichten zu wollen. „Sie wollen das Erbe für politische Ambitionen ihres Sohnes Li Hongyi melken“, werfen sie dem Regierungschef und dessen Ehefrau Ho Ching vor.

Singapur hat bislang stes sehr allergisch darauf reagiert, wenn jemand zu mutmaßen wagte, der Stadtstaat könnte in den Fängen einer Familiendynastie stecken: Das wahre Regierungsprinzip beruhe auf Meritokratie. Ho Ching, die Gattin des Regierungschefs, brachte es auf den Chefsessel von Temasek, eines global verzweigten mächtigen Investitionsarms Singapurs.

Die beiden sind wie alle Sprösslinge des Gründungsvaters Empfänger des „President’s Scholarship“, mit dem Singapur vorgeblich die Besten der Besten für Regierungsdienste fördert.

Auch Lee Suet Fern, die Ehefrau des jüngsten Sprösslings Lee Hsien Yang, war Stipendiatin und ist Rechtsanwältin. Ihr Schwager, der Premierminister, beschuldigt sie, den greisen Lee Kuan Yew bei der letzten Testamentsniederschrift eingelullt zu haben.

Li Hongyi, der Sohn des Regierungschefs, beteuert inzwischen, er interessiere sich nicht für Politik. Li Shengwu, Sohn des jüngsten Bruders und Ökonom an der Harvard-Universität in den USA, wiederum verkündete: „Es wäre schlecht für Singapur, wenn ein Lee der dritten Generation an die Macht kommt.“

Einige Singapuraner können deshalb ihre klammheimliche Freude über die öffentlich zelebrierte Seifenoper nicht verbergen: „Jetzt wissen wir wenigsten, dass die Enkel von Lee Kwan Yew nicht auch noch an die Macht wollen.“ Nach 70 Jahren kontinuierlicher Lee-Herrschaft wäre dieser Ausgang des Götterstreits tatsächlich eine massive Umwälzung in Fernost.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Singapur

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