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Seebad Prora Jugendherberge in Prora: Der Klotz am Strand

Wohl noch nie hat die Eröffnung einer deutschen Jugendherberge so viel Aufmerksamkeit erregt wie im Juli 2011 in Prora. Sie ist die längste der Welt - und wurde im unvollendet gebliebenen Ostsee-Hotelkomplex der früheren NS-Organisation "Kraft durch Freude" errichtet.

Saniert und ausgebucht: ein Teil von Block V am Nordende.

Sven ist vor einer Stunde mit seinen Freunden in Prora angekommen. Nun steht er zwischen den beiden Doppelstockbetten in seinem Zimmer, das noch nach frischer Farbe riecht. Das Bett hat der 16-jährige Berliner selbst bezogen, wie es eben so üblich ist in einer Jugendherberge. Jetzt packt er seine Badesachen ein. Weiß er von der Geschichte dieses Hauses, in dem er die nächsten sieben Tage Urlaub machen will? "Hat irgendwas mit Hitler zu tun", sagt Sven. "Aber jetzt will ich zum Strand."

Wohl noch nie hat die Eröffnung einer deutschen Jugendherberge so viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt wie vor zwei Wochen in Prora. Ein ganzes Heer von deutschen Journalisten war dabei, als Anfang Juli mit einem Volksfest die Einrichtung eingeweiht wurde. Inzwischen haben auch die New York Times und der Guardian ihre Korrespondenten nach Rügen geschickt, selbst Al Dschasira hat einen Film gedreht, und noch immer kommen jeden Tag Fernsehteams aus Asien, den USA und ganz Europa.

Was - und da hat Sven aus Berlin Recht - eben vor allem mit Hitler zu tun hat. Denn die licht, modern und weltoffen wirkende Jugendherberge ist mit ihren 99 Zwei-, Vier- und Sechsbettzimmern in einen Prestigebau des Dritten Reiches eingezogen - den unvollendet gebliebenen Ostsee-Hotelkomplex der Urlauberorganisation "Kraft durch Freude". Bunt statt Grau Als "KdF-Bad der Zwanzigtausend" pries die NS-Propaganda bei Baubeginn vor 75 Jahren die schier endlose Anlage zwischen Binz und Sassnitz.

Der Koloss von Rügen

Wie ein steinernes Band zieht sich der "Koloss von Rügen" an den Dünen des Prorer Wieks entlang, einer der schönsten Buchten von Rügen. Viereinhalb Kilometer ist er lang, ein profundes architektonisches Zeugnis nationalsozialistischen Größenwahns. Die Urlauber von Prora - die meisten von ihnen sind Jugendliche, aber auch Familien kommen hierher - scheint das allerdings wenig zu berühren. Auf der großen Wiese vor der für den ganzen Sommer schon ausgebuchten Herberge stehen Dutzende Zelte, es wird Volleyball gespielt, Musik gehört, gesungen.

Auf den Holzbänken schmusen Pärchen, man trinkt Bier und lacht. Von Beklemmung oder gar Demut angesichts der steinernen Erblast keine Spur. "Wir sind doch nicht wegen dieses Dings hier, sondern wegen der Ostsee und um Spaß zu haben", sagt Martin, der mit seiner Magdeburger Klasse das Ende des Schuljahres begeht. Waren sie schon in einem der Museen hier auf dem Gelände? "Nein, es hat ja noch nicht geregnet", sagt er und lacht. "Dann gehen wir vielleicht mal hin."

Für viele Urlauber der größten deutschen Ostseeinsel ist der Besuch des ehemaligen KdF-Bades und der beiden kleinen Museen, die seine wechselvolle Geschichte dokumentieren, hingegen ein Muss. Jedes Jahr kommen mehr als hunderttausend Besucher hierher.

Für eine Einrichtung, die sich als neues Flaggschiff des Deutschen Jugendherbergswerkes versteht und jedes Jahr Tausende Gäste anlocken muss, um rentabel wirtschaften zu können, scheint so ein geschichtlich belasteter Ort also durchaus von Vorteil zu sein. Dennis Brosseit aber wird trotzig, wenn man ihm damit kommt. "Wir werben nicht mit dem Nazibau", sagt der Herbergsleiter, "sondern damit, die längste Jugendherberge der Welt zu sein. Immerhin ist hier jeder Flur auf den vier Etagen genau 141,35 Meter lang."

Seit gut zwei Wochen herrscht Brosseit, 36 Jahre alt und geboren in Düsseldorf, über die rund 400 Betten der Jugendherberge. Der groß gewachsene, sportliche Mann entspricht eher dem Klischee eines Rettungsschwimmers als dem des gutmütig-mürrischen Herbergsvaters. Doch er hat einst im Berliner Grand Hotel Esplanade gelernt und mit seiner Ehefrau zuletzt ein eigenes kleines Hotel auf Mallorca geführt. "Casa Poesia", sagt er mit schwärmerischem Blick. "Das war ein altes, kleines Haus, schon etwas heruntergekommen, da mussten wir auch eine Menge improvisieren."

Mit viel Farbe, Charme und Fantasie hätten sie das kleine Hotel lustig und einladend gestaltet. Und ein wenig sei das hier in Prora auch so, findet er: "Das Credo unserer Jugendherberge lautet ja schließlich ,Bunt statt Grau'". Natürlich habe das Prora-Projekt eine ganz andere Dimension, schiebt er schnell nach. "Das beginnt schon mit dem Gelände hier. Du brauchst doch bloß vor die Tür treten und bist mitten drin in der Geschichte." Die Geschichte, von der Brosseit spricht, begann 1936, mit dem Spatenstich für das "KdF-Bad der Zwanzigtausend".

Der Komplex am Ostseestrand sollte in acht parallel zum Strand verlaufenden Hotelblöcken 20.000 Urlaubern gleichzeitig Platz bieten. Dafür mussten die Zimmer auf den fünf Etagen winzig sein: Nur 4,75 Meter lang und 2,50 Meter breit maßen sie nach den Planungen, mit jeweils zwei Betten darin, Tisch und zwei Stühlen, Wandschränken und einem Waschbecken.

Das Modell des KdF-Seebades Prora, entworfen von dem Kölner Architekten Clemens Klotz, erhielt 1937 auf der Weltausstellung in Paris den Grand Prix. Es war die Zeit der monumentalen Großbauten für die moderne Massengesellschaft. Aber während andere Projekte nur Entwürfe blieben, sollte Prora wirklich gebaut werden. Allerdings blieb der Komplex unvollendet. Denn schon mit dem Kriegsausbruch 1939 wurden die Bauarbeiten eingestellt. Nur sieben der ursprünglich geplanten acht, jeweils 450 Meter langen Bettenhäuser waren bis dahin im Rohbau fertig.

Erst Nazis, dann NVA

1943 wurden Teile der Anlage zum Lazarett ausgebaut, später zur Flüchtlingsunterkunft. 1956 übernahm die Nationale Volksarmee die verbliebenen fünf Hotelblöcke von Prora. Ausbildungsschulen für Offiziere und Unteroffiziere zogen hier ein, ein begehrtes Ferienheim für NVA-Offiziere entstand.

Im Block V, wo sich heute die neue Jugendherberge befindet, wurden jahrelang die Elitesoldaten des DDR-Fallschirmjägerbataillons gedrillt. 1982 zog die Truppe ab, dafür kamen die Bausoldaten, ein Strafbataillon von DDR-Wehrdienstverweigerern, die den neuen Fährhafen Mukran und Wohnhäuser auf Rügen errichten mussten.

Nach der Wende und dem Abzug der NVA Anfang der Neunzigerjahre versuchten zunächst Künstler und Galeristen, dem Betonbau neues Leben einzuhauchen. Auch eine kleine Jugendherberge öffnete für wenige Jahre. Aber alle Unternehmungen scheiterten schließlich - auch, weil der Bund als Eigentümer die Anlage nur blockweise an Interessenten verkaufen wollte.

1996 wurde sie außerdem noch unter Denkmalschutz gestellt, was Investitionen zusätzlich erschwerte. Seitdem steht der Komplex weitgehend leer. Bis auf eben jene drei Aufgänge im einstigen Block V am Nordende des steinernen Nazi-Kolosses, in die nun Dennis Brosseits Jugendherberge eingezogen ist.

Dokumentations- und Bildungszentrum geplant

In einem sehr hellen, fast weißen Graugrün ist die Fassade angestrichen. Stärker kann der Kontrast kaum sein zu dem schmutzigen Dunkelgrau des restlichen Blocks, in dem noch die leeren, schwarzen Fensterhöhlen gähnen. Brosseit sagt, er will diesen Kontrast auch als Signal verstanden wissen. "Wir wollen zeigen, dass ein neuer Geist hier in Prora eingezogen ist, ohne dass wir die Geschichte übertünchen wollen."

Deshalb sei auch ein Dokumentations- und Bildungszentrum für 2013 geplant, in dem Ausstellungen und Diskussionen zur zeit des Nationalsozialismus, aber auch zum Schicksal der DDR-Bausoldaten stattfinden sollen. Schon jetzt biete seine Einrichtung in Kooperation mit einem Geschichtsverein Projektreisen zu diesen Themen für Schulklassen an. Während die meisten von Brosseits jungen Gästen eher unverkrampft bis gleichgültig mit der Historie dieses Ortes umgehen, ist der Herbergsleiter um politische Korrektheit bemüht. Dabei geht es ihm nicht nur um alte und neue Nazis, die sein Haus für sich entdecken könnten.

Gleich mehrfach betont er, dass man die DDR in den Ansprachen zur Eröffnung der Jugendherberge deutlich als Unrechtsstaat bezeichnet habe, wofür er "sehr dankbar" sei. "Wir sind ein offener Ort für jeden", sagt der 36-Jährige. "Aber wir wollen nicht, dass irgendwelche Gruppierungen hier Feier- oder Gedenkveranstaltungen abhalten."

So hätte bereits ein Traditionsverein der NVA-Fallschirmjäger für ein Treffen die ganze Herberge mieten wollen. "Das haben wir aber abgelehnt", sagt Brosseit. "Wir sind zwar in erster Linie ein Übernachtungshaus, das ist unser Geschäft. Aber wir wollen, dass diese Jugendherberge vor allem ein Versprechen auf die Zukunft ist. Hier hat etwas begonnen, und von hier aus wird es weitergehen."

Darauf hofft auch Kerstin Kassner. "Wir haben gezeigt, dass Prora endlich auch eine Erfolgsgeschichte werden kann", erklärt die Landrätin, die seit zehn Jahren für ihre Partei Die Linke der Rügener Kreisverwaltung vorsteht. Kassner hat sich seit Jahren stark gemacht für das Projekt, gegen viele Widerstände im Kreistag und bei den Hoteliers von Binz, die in der Jugendherberge eine Konkurrenz zu ihren Häusern fürchteten.

2003, so erzählt sie, sei die Idee geboren worden, bei einem Jugendfestival in Prora mit 15.000 jungen Menschen aus dem In- und Ausland. "Wir waren sicher, mit einer Jugendherberge können wir wieder neues Leben in diese Ruinen bringen." 2006 kaufte der Landkreis den gesamten Block V vom Bundesvermögensamt. Vier Jahre später begannen die Bauarbeiten für die Jugendherberge. "Die Rügener Abgeordneten hatten dem Projekt nur unter der Maßgabe zugestimmt, dass es dem Kreis kein Geld kostet", sagt Kerstin Kassner. "Also mussten wir uns kümmern."

Mit Erfolg: Landes- und Bundesministerien steuerten aus ihren Fördertöpfen das Geld für den Bau bei. Für den Unterhalt muss künftig das Jugendherbergswerk selbst aufkommen, mit dem ein 40-jähriger Erbbaurechtsvertrag geschlossen worden ist. "Vielleicht haben wir ja jetzt den Anstoß gegeben, den Prora gebraucht hat", sagt die Landrätin. Die neue Jugendherberge, die gerade mal ein Drittel des Blocks V belegt, hat künftigen Investoren aber auch gezeigt, wie aufwendig ein Bauprojekt in der denkmalgeschützten KdF-Anlage ist.

Für den Umbau der 150 Meter brauchten die Firmen anderthalb Jahre. 16,3 Millionen Euro hat die Sanierung insgesamt gekostet, anderthalb Millionen mehr als veranschlagt. Was an dem ruinösen Zustand des Baukörpers lag, aber auch an den Vorgaben des Denkmalschutzes. Und dabei ist das fünfte Stockwerk der Jugendherberge, von dessen Zimmern aus man später einmal den schönsten Blick auf das Meer haben wird, bislang erst im Rohbau fertig.

Dusche am Ende des Ganges

Von einer Luxussanierung des Gebäudes kann man dann auch wirklich nicht sprechen: Die langen Gänge sind weiß gestrichen, auf den unverputzten Betondecken verlaufen die Rohre der freiliegenden Sprinkleranlage. Bunt sind lediglich die Treppenaufgänge. In den Zimmern, die deutlich größer sind als in den KdF-Plänen, stehen vor farbig gestrichenen Wänden hölzerne Doppelstockbetten, Tisch und Stühle, es gibt pro Bett einen schmalen Wandschrank. Die Zwei- und Vierbettzimmer haben eine eigene Dusche, im Sechsbettzimmer gibt es nur ein Waschbecken.

Die Gemeinschaftstoiletten und die Duschräume liegen am Ende jedes Ganges. Es ist eben eine Jugendherberge. Zwischen 25 und 35 Euro kostet eine Übernachtung. Ob dies die Initialzündung sein wird, die dem "Koloss von Rügen" neues Leben einhaucht, das sehen die meisten der 67.000 Rügener eher skeptisch. Zwar hat das Bundesvermögensamt in den letzten Jahren neben dem Block V noch drei weitere Blöcke sowie ein Ruinenfeld am nördlichen Ende des KdF-Grundstücks an private Investoren verkaufen können.

Aber die Käufer haben es bislang mit vollmundigen Ankündigungen bewenden lassen. Einer von ihnen, eine Rügener Firma, streitet sich seit Jahren vor Gericht mit ihrem einstigen Geschäftsführer und blockiert so jede Projektplanung. Ein anderes Unternehmen - eine Liechtensteiner Firma mit unbekannten Hinterleuten - schweigt sich beharrlich darüber aus, was es mit dem Ruinenfeld und einem dazugehörigen Landschaftsschutzgebiet anfangen will.

Gesprächiger sind dagegen die beiden Immobilienhändler Ulrich Busch aus Berlin und Johann Christian Haas aus dem österreichischen Brunnenthal. Busch und Haas wollen sich gleich zwei KdF-Blöcke vornehmen: einer soll zum Hotel ausgebaut, der andere in ein Haus mit Eigentumswohnungen umgewandelt werden. Hundert Millionen Euro Eigenkapital wollen sie investieren, bis zu Hundert Arbeitsplätze schaffen, kündigten Busch und Haas an. Baubeginn für das Projekt sollte im Frühjahr sein. Bislang ist nichts passiert.


Berliner Zeitung, 18.07.2011

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