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Schwangerschaft Zahl der Spätabtreibungen nimmt zu

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Spätabtreibungen deutlich angestiegen. Experten machen deutlich, dass durch immer feinere Frühdiagnostik Eltern in Gewissensnot geraten.

Ultraschallbild eines ungeborenen Kindes. Foto: dpa

Die Zahl der Spätabtreibungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdreifacht. Das geht aus einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden hervor. Danach stieg die Zahl der jährlichen Schwangerschaftsabbrüche in den Jahren zwischen 2001 und 2011 von 177 auf 480. Für das laufende Jahr wurden bislang 246 Spätabtreibungen nach der 22. Schwangerschaftswoche gemeldet.

Unionspolitiker führen die Zahlen auf die verschärfte Dokumentationspflicht zurück, die seit 2010 gilt. Ein Jahr zuvor hatte sich der Bundestag nach einem fraktionsübergreifenden Antrag darauf verständigt, Spätabtreibungen zu erschweren. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegten nun „das ganze Ausmaß der Entwicklung“, sagte der stellvertretende Unionsfraktionschef Johannes Singhammer (CSU) der Rheinischen Post am Wochenende.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe (CDU), hält indes auch die jetzt vorliegenden Zahlen nicht für gesichert. Die tatsächliche Zahl der Spätabbrüche liege vermutlich noch weit über der des Statistischen Bundesamtes, vermutet Hüppe. Belegen lasse sich diese Vermutung allerdings nicht.

Dokumentationspflicht heftig umstritten

„Wir wissen nicht, wie die tatsächliche Situation aussieht“, sagte Hüppe der Frankfurter Rundschau. „Immerhin ist aber mit der verschärften Dokumentationspflicht deutlich geworden, dass es jährlich nicht nur 170, sondern bald 500 dokumentierte Fälle von Spätabtreibungen in Deutschland gibt.“ Wollte man eine ehrliche Statistik über Spätabtreibungen führen, erklärte Hüppe, „könnte man die Zahl der Abtreibungen aufgrund medizinischer Indikationen bei den Krankenkassen abfragen. Das ist aber nicht gewollt. Schon die geringen Verbesserungen der Dokumentationspflicht, die 2010 eingeführt wurde, war heftig umstritten.“

„Wir haben immer vermutet, dass die Zahl der Spätabtreibungen nach der 22. Schwangerschaftswoche auch in der Vergangenheit schon höher lag“, erklärte die Humangenetikerin und Philosophin Sigrid Graumann. Dass die Zahl der Spätabtreibungen auch tatsächlich angestiegen ist, führt die Professorin an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe auf verfeinerte Diagnostikverfahren zurück. So gebe es etwa kaum noch Geburten von Kindern mit schweren Herzfehlern, die vorgeburtlich diagnostiziert wurden, sagte sie. Selbst wenn der Herzfehler operabel ist, können die Ärzte den Eltern keine Garantie geben, dass ihr Kind danach gesund ist.

Schwer abzuschätzende psychische Folgen

„Für die Eltern ist das eine katastrophale Situation“, so Graumann. „Sie stehen vor der Alternative, entweder ein schwer herzkrankes Kind zu bekommen, das direkt nach der Geburt mit ungewissem Ausgang operiert werden müsste, oder von der Möglichkeit einer Spätabtreibung Gebrauch zu machen.“ Die psychischen Folgen, die ein so später Abbruch für sie selbst habe, könnten die Eltern oft nicht abschätzen.

Der Fachausschuss der Koordinierungsstelle beim Behindertenbeauftragen der Bundesregierung diskutiert zudem die Frage, ob der Fetozid, also die Tötung des Kindes im Mutterleib vor der eigentlichen Spätabtreibung, gegen Artikel 10 der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen verstößt.

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