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Schutzlose Quellen Wikileaks bringt Informanten in Gefahr

Das Regime in Simbabwe zerrt zwei enttarnte Quellen vor Gericht. Den zwei Generälen droht gar die Todesstrafe. Ein Journalist aus Äthiopien musste aus seiner Heimat fliehen und in China fürchten Blogger um ihre Existenzen.

11.10.2011 21:48
Johannes Dieterich und Bernhard Bartsch
Wikileaks-Gründer Julian Assange. Er konnte die Flut sensibler Informationen offenbar nicht mehr beherrschen. Foto: Getty Images

Nach Problemen mit seinen Sicherheitsvorkehrungen hatte Wikileaks Ende August sämtliche 251.000 vertrauliche Depeschen ohne jegliche redaktionellen Eingriffe veröffentlicht, die dem Internetportal im vergangenen Jahr in die Hände gespielt worden waren. Ursprünglich hatte der Enthüllungsdienst die von US-Botschaftern aus aller Welt an ihre Zentrale in Washington gesandten Berichte einem kleinen Kreis renommierter Zeitungen zukommen lassen. Sie verwendeten die Dokumente so, dass die namentlich genannten Quellen geschützt blieben. Die Änderung der Wikileaks-Strategie – die Veröffentlichung ohne Schwärzung der Informanten – hatte heftige Kritik ausgelöst.

Fast 3000 der publizierten US-Depeschen widmeten sich Simbabwe. Das südafrikanische Land stellt seit Jahren einen Schwerpunkt der US-Diplomatie in Afrika dar. In einem Dokument erwähnte der einstige US-Botschafter in Simbabwe, Charles Ray, unter anderem, dass er sich wiederholt mit den beiden Generälen Fidelis Satuku und Herbert Chingono getroffen habe, die sich in den geheimen Gesprächen abwertend über den simbabwischen Armeechef General Constantine Chiwenga geäußert hätten.

Der als Lakai Mugabes geltende Armeechef sei eine „politische Besetzung mit nur geringen militärischen Kenntnissen und Erfahrung“, sagten die Offiziere. Sowohl gegen Satuku wie gegen Chinongo wird nun wegen Hochverrats ermittelt. Botschafter Ray hatte in seinen Depeschen erwähnt, dass sich die Generäle mit den Treffen großen persönlichen Risiken ausgesetzt hätten und „strikt zu beschützen“ seien.

Mugabe in "Schock und Zorn"

Für noch größeres Aufsehen als der Fall der Generäle sorgten in Simbabwe die zahlreichen Depeschen, die sich mit der Debatte um die Nachfolge des 87 Jahre alten Staatspräsidenten Mugabe an der Spitze der regierenden Zanu/PF-Partei beschäftigen. Einer Depesche aus dem Jahr 2008 zufolge räumte der Chef der simbabwischen Zentralbank, Gideon Gono, gegenüber dem US-Botschafter ein, dass Mugabe an Prostatakrebs erkrankt sei: Seine Ärzte hätten ihm sogar zum Rücktritt geraten.

Bereits davor standen US-Botschafter offenbar in regem Austausch mit hochrangigen Vertretern der als strikt anti-westlich geltenden Regierungspartei – darunter sogar die beiden Vizepräsidenten des Landes, Joyce Mujuru und John Nkomo, sowie mehrere Minister und Ex-Minister. Die Veröffentlichung der Depeschen habe die Zanu/PF in eine tiefe Krise gestürzt, heißt es in Simbabwes Hauptstadt Harare: Mugabe selbst soll mit „Schock, Zorn und Zweifel“ auf die Veröffentlichungen reagiert haben. Der linientreue Chefankläger Johannes Tomana kündigte die Aufnahme von schonungslosen Ermittlungen gegen die in den Depeschen erwähnten Politiker an.

Des zweifelhaften Titels des ersten Wikileaks-Opfers kann sich aber der äthiopische Journalist Argaw Ashine rühmen. Der Reporter der größten unabhängigen Tageszeitung Äthiopiens, Addis Neger, floh bereits Mitte September aus seiner Heimat, nachdem er im Zusammenhang mit regierungskritischen Äußerungen von der Polizei verhört worden war.

Auch in China sind enttarnte Informanten inzwischen Opfer von Rufmordkampagnen geworden oder sahen sich Drohungen im Internet ausgesetzt. Von Verhaftungen oder direkten Repressalien durch die Staatsgewalt wurde bisher allerdings nichts bekannt.

Insgesamt 29.431 der veröffentlichten Schriftsätze stammen von US-Diplomaten in China. Sie enthalten Aufzeichnungen über Gespräche mit Hunderten Akademikern, Anwälten und politischen Aktivisten. Dabei ging es längst nicht immer um sensible Themen, und die meisten Informanten gaben keine Staatsgeheimnisse weiter, sondern teilten nur ihre eigenen Meinungen und Einschätzungen mit. Allerdings finden sich auch Details über brisante Interna, etwa Pekings umstrittene Rolle im Umgang mit Nordkorea.

Ein Blogger, der mehrfach mit US-Botschaftsangehörigen über Zensur und Medienkontrolle gesprochen hatte, zeigte sich der FR gegenüber schockiert über seine Enttarnung. „Im Interesse meiner Sicherheit will ich darüber nicht reden“, sagte er.

Ein geouteter Bürgerrechtsanwalt erwartet, dass die Rache des Systems womöglich mit Verzögerung kommen werde. „Der Apparat hat ein Elefantengedächtnis“, erklärte er. „Wer einmal als Staatsfeind gilt, für den bleiben in Zukunft viele Türen verschlossen.“

Ein enttarnter Pekinger Universitätsprofessor glaubt dagegen nicht an Konsequenzen. „Was ich gesagt habe, war nichts Besonderes“, meint er. „Trotzdem hätte ich von der US-Botschaft erwartet, dass sie in der Lage sei, meine Identität wie vereinbart zu schützen.“

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