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Schulen „Jeder Konflikt ist ein Moment von Partizipation“

Erziehungswissenschaftler Andreas Walther über mangelnde Demokratisierung an den Schulen und warum Jugendlichen häufig misstraut, aber selten zugehört wird.

Jugendliche trinken Alkohol
Streitpunkt öffentlicher Raum: Jugendliche auf dem Adlhochplatz im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Foto: Rolf Oeser

Herr Walther, eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben, dass die Demokratiebildung an vielen Schulen in Deutschland defizitär ist. Warum tut sich unser Bildungssystem damit so schwer? 
Die grundsätzliche Frage lautet, ob Politikunterricht und Demokratieprojekte überhaupt in einen demokratischen Kontext eingebunden sind. Schülermitverwaltung besteht oft schlichtweg in Gestaltung von Schulfesten, Kulturprojekten oder des Schulhofs. Aber dürfen Jugendliche mitbestimmen bei den Lerninhalten, der Einstellung von Lehrkräften, beim Aushandeln von Regeln und dem Umgang mit Verstößen? Selbst wenn ein guter Demokratieunterricht stattfindet, lernen Schüler doch, dass sie ansonsten relativ wenig mitgestalten dürfen, obwohl sie in der Mehrheit sind. Viele engagierte Lehrer versuchen das auszugleichen, aber sie können nur so demokratisch handeln, wie Schule das zulässt. In den von uns geführten Interviews benennen viele Jugendliche die Schule als einen Ort der Demütigung, der Entfremdung, an dem sie nur aufgrund ihrer Leistungen wahrgenommen werden, und der Ungerechtigkeit, gegen die sie wenig tun können.

Ist Demokratie von unten an Schulen nicht mehr als nur eine Utopie?
Sicher, aber wenn wir Demokratie in der Schule wirklich fördern wollen, kommt man an solchen strukturellen Änderungen nicht vorbei und da sind nicht nur Städte und Gemeinden, sondern auch das Land gefragt. 

Welche Erfahrungen machen junge Menschen im Alltag mit der Demokratie in Deutschland?
Glaubt man aktuellen Studien, scheinen Jugendliche nicht viele relevante Erfahrungen mit Demokratie zu machen. Zumindest haben viele junge Menschen ein großes Misstrauen gegenüber Institutionen wie Schule, Kommune oder Politik. Gleichzeitig sind junge Menschen sehr aktiv in der Nutzung öffentlicher Räume, wir sprechen von Alltagspartizipation, an der jedoch oft die institutionalisierte Demokratie wenig Interesse hat. 

Oft werden Jugendliche auf öffentlichen Plätzen als Störenfriede betrachtet und stigmatisiert, wenn sie sich nicht an Normen halten.
Und die Jugendlichen, die im öffentlichen Raum chillen, sehen es durchaus als Eingriff in ihre Rechte als Bewohner des Stadtteils, wenn beispielsweise Bänke abmontiert werden. In unserer Forschung zu Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen in europäischen Großstädten haben wir von solchen Vorfällen sehr oft gehört. Weil die meisten Jugendlichen aber kein Vertrauen haben, dass die Institutionen ihre Belange ernst nehmen, artikulieren sie häufig nur Wut, was bei Erwachsenen dann oft als ein Demokratiedefizit wahrgenommen wird. Von daher ist es etwas Besonderes, wenn junge Menschen eine Petition starten, wie jetzt in Frankfurt am Adlhochplatz in Sachsenhausen. Anwohner hatten sich über Lärm beschwert, weil sich dort abends Jugendliche treffen. Nun wehren sich die Jugendlichen dagegen, dass an ihrem Treffpunkt die Sitzbänke entfernt werden sollen. Doch selten bekommen diese Konflikte eine solche Sichtbarkeit. 

Geht es bei Demokratie im Jugendbereich auch um Macht?
Natürlich, die Idee von Demokratie ist, dass Macht zwischen allen Bürgern gleichberechtigt ausgehandelt wird. Das ist sehr romantisch und funktioniert in kleinen Gemeinwesen besser als zwischen knapp 83 Millionen Menschen. In einer komplexen demokratischen Gesellschaft stellt sich aber die Frage, inwieweit institutionalisierte Vertretungsansprüche noch für alle im Alltag nachvollziehbar sind. Das Misstrauen, das die Populisten noch schüren, ist nicht jugendspezifisch, sondern erstreckt sich auf verschiedene Milieus und Altersgruppen. Bei Jugendlichen heißt es dann, sie müssten Demokratie erst noch lernen. Das geschieht aber nicht nur durch Informationsaneignung, sondern vor allem durch Erfahrungen, selbst etwas zu bewegen und dafür Anerkennung zu erhalten. 

Warum laufen so viele Beteiligungsformate für Jugendliche ins Leere?
Genau das ist der problematische Punkt, wenn Partizipation nur als Beteiligung ‚an etwas‘ akzeptiert wird, was bereits besteht und von Erwachsenen festgelegt und bestimmt wurde. So ein Angebot passt immer nur für eine Minderheit. Themen aus der jugendlichen Alltagspraxis werden von diesen Akteuren oft gar nicht als beteiligungsrelevant eingeschätzt. Doch gerade die Sichtbarkeit ist in vielen jugendkulturellen Szenen ein zentrales Element der Identitätsbildung. Räume, wo Jugendliche experimentieren können, gibt es aber nicht oder immer weniger. Das kostet einerseits Geld, andererseits ist es einfach kein Thema in der Politik. 

Wie kann Jugendteilhabe dann gelingen?
Es geht vor allem um eine andere Wahrnehmung. Nicht alle Äußerungsformen von Jugendlichen werden anerkannt, obwohl damit auch Teilhabeansprüche verbunden sind. Graffitisprayer genauso wie radikalere politische Gruppen werden eher kriminalisiert als anerkannt. In Frankfurt scheint das interessanterweise für linke Gruppen fast noch mehr zu gelten als für rechte. Dabei ist jeder Konflikt mit Jugendlichen im öffentlichen Raum ein Moment von Partizipation. Oft wird das aber von denjenigen, die die Definitionsmacht haben, was ‚richtige‘ Partizipation ist, ignoriert. Partizipationsprogramme machen dennoch Sinn, allein schon als Geste, dass Jugendliche als Jugendliche und nicht nur als Kinder oder Schüler wahrgenommen werden. Inspiriert von der UN-Kinderrechtskonvention haben wir beispielsweise für Frankfurt eine kommunale Charta der Jugendrechte vorgeschlagen – seither haben wir von der Stadt aber lange nichts mehr gehört. 

Wer soll denn daran beteiligt sein? 
Wenn die Charta ein lebendiges Dokument wie ein Blog wäre, könnten Jugendliche aus unterschiedlichen Kontexten dort ohne einen Filter Bedürfnisse und Themen veröffentlichen, die die Gesellschaft nicht auf dem Schirm hat. Das könnte ein Mittel für Sichtbarkeit und Anerkennung sein und ein kleiner Schritt gegen das Demokratiedefizit. 

Sie haben sich mit Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen in verschiedenen europäischen Städten beschäftigt. Wie ist es um Beteiligung und Mitsprache in der hessischen Metropole im Vergleich zu den anderen Städten bestellt?
Frankfurt ist sehr gut aufgestellt, was die Jugendarbeit anbelangt. Es gibt eine große Infrastruktur an Jugendhäusern für verschiedene Szenen, aber die Arbeit gerät immer stärker ins Fahrwasser der Schulen. Um Stellen zu sichern, werden Hausaufgabenhilfe und pädagogische Mittagstische angeboten. Das führt dazu, dass Öffnungszeiten für offene Angebote für gemeinsame Aktivitäten von Jugendlichen reduziert werden. Die Schweden in    Göteborg sind flexibler und aufmerksamer, was jugendpolitisch passiert. Bei Konflikten werden Jugendliche schnell informell eingebunden und bekommen Unterstützung und Ressourcen. 

Gibt es auch Negativbeispiele?
In Plovdiv gibt es Jugendarbeit erst, seit Bulgarien der EU beigetreten ist. Die Gesellschaft ist sehr arm. Da gibt es viel weniger Strukturen und nur die Erwartung, dass Jugendliche eine formale Bildung erwerben und beschäftigungsfähig werden. Mehr interessiert dort nicht. Im türkischen Eskisehir ist Jugendpolitik sehr stark in das autoritäre Politikregime eingebunden. In Manchester gab es bis vor 20 Jahren eine florierende Jugendarbeit, die der kriselnde Wohlfahrtsstaat jedoch zunehmend privatisiert oder in sozialpolitische Maßnahmen für Problemgruppen umgewandelt hat. 

Partizipation klingt gut, doch statt Harmonie verbirgt sich dahinter die Aushandlung knallharter Konflikte. Warum sollte eine demokratische Gesellschaft das nicht nur aushalten, sondern wertschätzen?
Die Konflikte sind wiederum Ausdruck von Ungleichheit an Geld, Macht, Status und Durchsetzungsmöglichkeiten. Wenn wir wollen, dass Jugendliche dazugehören, müssen wir sie so wie sie sind als Mitbürger wertschätzen, besonders wenn sie sich gegen Benachteiligungen und Ausgrenzungen wehren, wo und in welcher Form auch immer. Jede Konfliktposition ist berechtigt, darf geäußert werden, wird gehört und fair ausgehandelt. In der politischen Theorie wird das radikale Demokratie genannt. Das bedeutet allerdings, dass Demokratie nie vollendet ist. 

Und wie kann man bereits benachteiligte Jugendliche bewegen, sich für ihre Interessen einzusetzen?
Die erheben schon ihre Stimme, nur hört sie niemand, weil sie niemand versteht. Erwartet wird, dass sie lernen den richtigen Ton zu treffen und realistische Ziele zu formulieren. Nur für die Betroffenen ist das keine Partizipation, sondern vor allem Anpassung. 

Bringt allein die Herabsetzung des Wahlalters schon Fortschritte beim Demokratieverständnis?
Das ist eine Geste, die Zutrauen signalisiert, aber fraglich ist, ob sich dadurch viel verändert. Bezeichnenderweise gab es in Hessen beim Referendum zur Reform der Landesverfassung die meisten Gegenstimmen bei der Änderung des passiven Wahlalters, das von 21 auf 18 Jahre abgesenkt wurde. Obwohl das eindeutig eine Demokratisierung darstellt, wenn jüngere Menschen in die Parlamente einziehen können, scheinen es ihnen eben offenbar doch viele nicht zuzutrauen, es genauso gut zu machen wie alternde Berufspolitiker und wenn die noch so sehr mit Partikularinteressen, etwa der Wirtschaft, verbunden sind. 

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