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Schlüsselfigur des November 1989 Jiri Dienstbier ist tot

Er durchtrennte gemeinsam mit Hans-Dietrich Genscher den Eisernen Vorhang zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei. Er stirbt im Alter von 73 Jahren nach langer Krankheit.

08.01.2011 23:06
Der erste tschechoslowakische Außenminister nach der „Samtenen Revolution“ von 1989, Jiri Dienstbier, ist tot. Foto: dapd

Der erste tschechoslowakische Außenminister nach der „Samtenen Revolution“ von 1989, Jiri Dienstbier, ist tot. Nach Angaben seiner Familie starb er am Samstag in Prag im Alter von 73 Jahren nach langer Krankheit. Der langjährige Dissident und enge Vertraute Vaclav Havel wurde am 10. Dezember 1989 zum Chefdiplomaten der ersten Regierung nach Ende des kommunistischen Regimes ernannt.

Zeitgeschichte schrieb er vor allem, als er knapp zwei Wochen später gemeinsam mit dem damaligen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher den Stacheldraht des Eisernen Vorhangs zwischen beiden Ländern durchtrennte. Im Juli 1991 saß er einer Sitzung in Prag vor, bei der das offizielle Ende des Warschauer Pakts verkündet wurde.

Havel würdigte Dienstbier als „langjährigen Freund, mit dem ich viel durchlebt habe“. Dienstbier habe nicht nur die Politik geprägt, sondern auch die Dissidenten-Bewegung und den „modernen Journalismus“, erklärte der Ex-Dissident, Theaterautor und ehemalige Präsident weiter. Der tschechische Präsident Vaclav Klaus bezeichnete Dienstbier als eine „Schlüsselfigur des November 1989“. Er sei ein „Gentleman“ gewesen, den er „trotz unserer verschiedenen Ansichten“ stets respektiert habe.

Dienstbier wurde 1937 in Kladno bei Prag geboren. Von 1958 bis 1969 arbeitete er als Rundfunkjournalist, darunter in den USA und mehreren westeuropäischen Ländern. Gemeinsam mit Kollegen organisierte er im August 1968 spontane Rundfunksendungen, um gegen die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings zu protestieren. Wenige Monate darauf verlor er seine Arbeit und musste sich fortan mit einfachen Jobs - etwa als Nachtwächter - durchschlagen. Im Untergrund schrieb er weiter Artikel, Kommentare und Essais.

Wegen seines Engagements in verschiedenen Dissidentenbewegungen, darunter der Charta 77, saß er von 1979 bis 1982 in Haft. Auch nach seinem Abschied aus dem Außenministerium im Jahr 1992 blieb Dienstbier politisch aktiv: Unter anderem engagierte er sich als UN-Menschenrechtsbeauftragter für Ex-Jugoslawien und saß seit 2008 für die tschechischen Sozialdemokraten im Senat.

Außenminister Guido Westerwelle hat mit großer Bestürzung auf den Tod des ehemaligen tschechischen Außenministers reagiert. „Mit Jiri Dienstbier verlieren Tschechien und Europa einen ganz großen Demokraten und überzeugten Menschenrechtler“, schrieb er in einem am Samstag in Berlin veröffentlichten Kondolenzschreiben an seinen tschechischen Amtskollegen Karel Schwarzenberg. Als erster demokratischer Außenminister der Tschechoslowakei sei er an der Seite Vaclav Havels das Gesicht des neuen demokratischen Staates in der Welt gewesen. „Wir Deutsche werden Jiri Dienstbier die Durchschneidung des Eisernen Vorhanges an der deutsch-tschechischen Grenze zusammen mit Hans-Dietrich Genscher und seinen unverwechselbaren Beitrag zur Aussöhnung zwischen unseren beiden Völkern nicht vergessen.“ (afp/dpa)

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