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Schlafentzug Middelhoff in der Haft erkrankt

Der frühere Topmanager Thomas Middelhoff ist in U-Haft an einer seltenen Immunkrankheit erkrankt. Seine Anwälte machen dafür die Bedingungen im Gefängnis verantwortlich: Der Manager sei „krank durch Haftumstände“.

Former CEO of Arcandor Middelhoff and his lawyers Holtermueller and Wackernagel listen to his verdict at the regional court in Essen
Thomas Middelhoff (M.) und seine Anwälte Udo Wackernagel (l.) und Winfried Holtermüller 2014. Foto: rtr

Die Nächte zwischen dem 14. November und dem 9. Dezember 2014 und die Nacht auf den 19. Dezember sind für Thomas Middelhoff (61) in der Justizvollzugsanstalt Essen wohl wie folgt abgelaufen: Schwere Schritte hallen über den Flur. Alle 15 Minuten öffnet ein Beamter die Blechklappe zu seiner Einzelzelle, schaltet das Licht ein, um sich zu vergewissern, ob der Häftling lebt. Jede dieser Sichtkontrollen wird penibel dokumentiert.

Insgesamt 672 Stunden – tagsüber und nachts – dauert diese Prozedur, von der Anstaltsleitung begründet mit der Furcht vor einem sogenannten Bilanz-Selbstmord. „Die Gefahr ist bei Menschen besonders groß, die aus einem sorgenfreien Leben in der gehobenen Gesellschaft kommen“, sagt Peter Brock, Vorsitzender der Gewerkschaft Strafvollzug in Nordrhein-Westfalen. „Bei Thomas Middelhoff konnte man das Risiko gar nicht eingehen. Er hatte fest mit einem Freispruch gerechnet und ist aus dem Gerichtssaal heraus verhaftet worden. Das ist ein brutaler Schlag ins Gesicht für jemanden, der noch nie mit der Justiz in Berührung gekommen ist.“

Der ehemalige Top-Manager war am 14. November 2014 vom Landgericht Essen wegen seiner Privatflüge auf Kosten des Arcandor-Konzerns wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt und gleich danach in die JVA überstellt worden, weil aus Sicht der Richter erhöhte Fluchtgefahr besteht. Alle Haftbeschwerden wurden bisher abgelehnt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Bis der Bundesgerichtshof über eine Revision entscheidet, dürften noch bis zu neun Monate vergehen.

Der permanente Schlafentzug habe bei ihrem Mandanten zu einer gravierenden Autoimmun-Erkrankung geführt, die obendrein noch unzulänglich behandelt worden sei, schreiben Middelhoffs Rechtsanwälte und ziehen einen Vergleich zu den Kontrollmethoden im US-Gefangenenlager Guantánamo. Sie haben rechtliche Schritte gegen die Anstaltsleitung eingeleitet. Eine mögliche Suizidgefahr war bei Haftantritt aus ihrer Sicht offenbar durch nichts belegt. Im Gegenteil: Bei seiner Überstellung ins Gefängnis habe man Middelhoff als vollzugstauglich eingestuft. Die Frage, ob er an Depressionen leide oder Selbstmordgedanken hege habe er ausdrücklich verneint, zitiert die „Süddeutsche Zeitung“ mit Einwilligung des Ex-Managers aus dessen Krankenakte. Danach hat der 1,91 Meter große Middelhoff seit seiner Inhaftierung mehr als 17 Kilo abgenommen, wiegt mittlerweile nur noch 70 Kilogramm.

Bei der Erkrankung soll es sich, so der Verdacht, um „Chilblain Lupus“ handeln. Am Dienstag wurde Middelhoff erneut in das Universitätsklinikum Essen verlegt. Dort war er Ende Februar schon einmal für eine Woche stationär in Behandlung. Die Überwachung Middelhoffs sei kein Einzelfall, sagt der Strafvollzugs-Experte Peter Brock. „In einem Gefängnis wie in Essen werden jede Nacht 20 bis 30 Häftlinge wegen Suizidgefahr kontrolliert. Die allermeisten haben sich sehr schnell daran gewöhnt und bemerken es gar nicht mehr, wenn für kurze Zeit das Licht angeht.“ Zu diesen Kontrollen gebe es keine Alternative. Immerhin sei es gelungen, die Zahl der Selbstmorde pro Jahr in NRW von 21 bis 28 in den 1990er Jahren auf höchstens elf in den vergangenen drei Jahren zu senken. „Man stelle sich nur einmal vor, im Fall Middelhoff wäre tatsächlich etwas passiert. Dann würde alle Welt von einem Justizskandal sprechen“, so Brock.

Im NRW-Justizministerium stützt man das Vorgehen der Anstaltsleitung. Es habe mehrere Gutachter gegeben, die im Fall Middelhoff eine Suizidgefahr gesehen hätten, zumal es in dessen Familie bereits einen Selbstmord gegeben habe. Darüber hatte der Ex-Arcandor-Manager im Strafprozess vor dem Essener Landgericht selbst berichtet.

Um seinen unermüdlichen Einsatz für Arcandor zu bekräftigen, hat Middelhoff damals den Suizid seines Bruders im Jahr 2006 angeführt, von dem er in einem Treffen mit Investoren telefonisch erfahren habe. Middelhoff wörtlich: „Sollte ich heulen? Ich ging wieder hinein. Ich habe es fürs Unternehmen gemacht.“

Auf Antrag der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag wird sich der Rechtsausschuss mit dem Thema befassen. Das Justizministerium muss in der Sitzung am 22. April Stellung beziehen.

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