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Saudische Gesellschaft „Vertrauen in den Westen sinkt“

Die Menschen in Saudi-Arabien wollen Stabilität, und das Königshaus ist der einzige Garant dafür, sagt der Experte Sebastian Sons.

Familie in Jeddah
Gesellschaft im Wandel: Eine saudische Familie lässt einen Drachen steigen. Foto: Reuters

Herr Sons, seit fast eineinhalb Jahren gibt in Saudi-Arabien der Kronprinz Mohammed bin Salman den Ton an. Aus dem Westen gab es für seine Reformen zunächst viele Sympathien. War das übertrieben? 
Wichtig ist erst einmal, wie er in Saudi-Arabien wahrgenommen wurde. Und da galt und gilt er noch als Hoffnungsträger. Er hat durchaus den selbstkritischen Diskurs mitgeprägt. Er will das Wirtschaftssystem, das nach wie vor sehr vom Öl abhängt, komplett verändern. Saudi-Arabien hat eine sehr junge Gesellschaft und leidet zugleich unter steigender Arbeitslosigkeit bei den jungen Menschen, das ist ein enormes Problem. Und für diese jungen Menschen will Mohammed bin Salman Politik machen.

Seine Rolle bei der Stärkung der Frauen wurde positiv bewertet. Ist das gerechtfertigt?
Das ist ihm wichtig, das ist glaubwürdig. Aber er tut das auch aus einem wirtschaftlichen Druck heraus. Die Frauen sind häufig besser ausgebildet und motivierter, er braucht sie für seine großen Pläne. Aber was wir im Westen wahrscheinlich verkannt haben ist, dass es ihm um eine wirtschaftliche Liberalisierung und Diversifizierung geht, aber nicht um politische Öffnung. Er hat den autoritären Führungsstil sogar weiter verschärft. Kritik an seinen Plänen wird als Kritik an ihm selbst wahrgenommen, deswegen schließen sich die Räume für kritischen Diskurs über Politik.

Wie konkret zeigt sich zum Beispiel die neue Rolle der Frauen in der Gesellschaft?
rauen haben schon immer Einfluss genommen, aber jetzt ist er auch sichtbarer geworden. Vor allem im Wirtschaftsleben, in Unternehmen, in Geschäften, an den Kassen … Frauen sind durchaus ein Motor der Veränderung in Saudi-Arabien. 

Tragen die Handelsbeziehungen zwischen Riad und dem Westen zu der wirtschaftlichen Liberalisierung bei?
Nun, was sich bestimmt auswirkt, ist die Tatsache, dass viele junge Saudis im Ausland leben und studieren und ihre Erfahrungen mitnehmen, wenn sie zurückgehen. Sie haben großen Ehrgeiz, etwas zu ändern.

Die westliche These „Wandel durch Handel“ unterstellt, dass auch liberale politische Werte in autoritären Gesellschaften Fuß fassen können. Wenn die saudische Jugend hier lebt und lernt, nimmt sie etwas von diesen Werten wieder mit?
Sie bringt sie auf jeden Fall nach Hause mit, und es gibt eine lebendige Diskussionskultur in Saudi-Arabien, wir nehmen sie nur nicht wahr. Nicht zuletzt, weil sie auf Arabisch verläuft und oft im privaten Raum. Aber davon abgesehen wissen alle Saudis, dass sie bestimmte rote Linien in der Diskussion nicht überschreiten dürfen, wenn sie keine Probleme bekommen wollen.

Diskutieren Sie in Saudi-Arabien mit Ihren Bekannten und Kollegen?
Ja, und wir sind oft nicht einer Meinung. Die Gesellschaft ist sehr, sehr politisch, aber eben aus einem anderen Blickwinkel heraus, nicht aus dem westlichen. Wir müssen bedenken, dass die Menschen in einer sehr instabilen Region leben, wo die Angst vor Chaos groß ist und die Gefahr durch den Iran als omnipräsent wahrgenommen wird.

Was heißt das auf die Politik bezogen?
Viele sagen, eine Demokratie nach westlichem Zuschnitt wäre momentan nicht umsetzbar. Es fehlt die direkte Erfahrung einerseits, und andererseits wirken die Entwicklungen in Ländern wie Ägypten oder gar Syrien nach dem „Arabischen Frühling“ abschreckend. Die Menschen fürchten sich vor einem solchen Chaos. Sie wollen Stabilität und das Königshaus sei der einzige Garant dafür.

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