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Saudi-Arabien „Vor einem Jahr undenkbar“

Reformer Mohammad Al-Zulfa über die saudische Normalisierung.

Saudi-Arabien
Autobahn nordwestlich von Riad: Mit gebremster Geschwindigkeit in Richtung Zukunft. Foto: afp

Herr Al-Zulfa, Sie haben 2005 als erster Politiker in Saudi-Arabien öffentlich das Autofahren für Frauen gefordert. Wie war damals das Echo, was haben Sie erlebt?
Es gab sehr negative Reaktionen bis hin zu Morddrohungen. Viele Leute fanden meinen Vorschlag völlig abwegig. Aber der damalige König Abdullah erlaubte eine gewisse öffentliche Debatte über dieses heikle Thema. Ich habe diese gesamte von mir ausgelöste Diskussion in Saudi-Arabien dokumentiert – das sind mehr als 1400 Seiten. Als Historiker möchte ich der jungen Generation zeigen, dass wir uns mit einem derartigen Unsinn mehr als zehn Jahre lang aufgehalten haben.

Wie sind Ihre Gefühle heute, so kurz vor dem 24. Juni, dem Start des Frauenfahrens?
Ich bin sehr glücklich. Viele Menschen haben mich in den letzten Wochen angerufen. Sie haben mir gedankt, dass ich dieses Thema damals als Erster angesprochen habe. Sie haben mir geschildert, wie sehr sie unter diesem Verbot und unter der Knute der Konservativen gelitten haben. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Tag noch erleben darf.

Wie sehen die jungen Leute den heutigen Kurs Saudi-Arabiens?
Sie sind sehr enthusiastisch. Dabei geht es nicht nur um das Autofahren. Ich schätze, ein Großteil der Bevölkerung unterstützt die Reformen von Kronprinz Mohammed bin Salman. Die jungen Leute sind froh, dass Saudi-Arabien endlich ein genauso normales Land wird wie andere Nationen auch. Jeder kann sein Auto fahren, jeder kann ins Kino oder zu Konzerten gehen, egal ob saudische oder nicht-saudische Sänger auftreten. Die Leute müssen für Kultur und Unterhaltung nicht mehr nach Dubai, Bahrain oder Kairo fahren. Frauen arbeiten nun in Cafés, Geschäften oder Reisebüros. Das war vor einem Jahr noch undenkbar. Wir kehren zurück zu einer Normalität, wie sie bereits in den 60er und 70er Jahren existierte.

Wie meinen Sie das?
Wir kehren zurück zu einem Alltag, der in meinen jungen Jahren in Saudi-Arabien ganz selbstverständlich war. In dieser Zeit gab es Frauen, die Auto fuhren. Nach der Geiselnahme in Mekka 1979 (damals stürmten 500 Islamisten die Große Moschee und nahmen dort Geiseln. Die Aktion wurde blutig niedergeschlagen, Anm. d. Red.) jedoch erzwang der konservative Klerus eine Wende und setzte eine totale Trennung von Männern und Frauen durch. Damit begann zum Beispiel auch die Zeit der arrangierten Hochzeiten. Davor war es völlig normal, dass sich die späteren Eheleute vorab kennenlernten. Durch die arrangierten Hochzeiten und die totale Trennung der Geschlechter dagegen waren sich die Brautleute völlig fremd. Sie begegneten sich zum ersten Mal am Hochzeitstag. Das verursachte enorme Probleme in den Familien. Deshalb haben wir heute so hohe Scheidungsraten.

Ausgerechnet vor dem ersten Frauenfahrtag wurden zahlreiche Aktivistinnen verhaftet. Was hat dies zu bedeuten?
Ich kenne einige der Verhafteten. Ich weiß nicht, was sie genau wollen. Sie haben viel bekommen, die Regierung tut sehr viel. Sie sollten damit zufrieden sein und nicht zu hart drängen, damit die Gesellschaft nicht überfordert wird. Das Tempo der Reformen ist in meinen Augen gut, aber es muss noch mehr geschehen. Ich wünsche mir zum Beispiel Frauen als Ministerinnen, Frauen als Botschafterinnen, Frauen als Kulturattachés in anderen Ländern. Ich bin sicher, auch das wird bald passieren.

Wie viel Einfluss hat der konservative Klerus noch?
Die Religionspolizei ist völlig von den Straßen verschwunden. Ich würde denen empfehlen, sich künftig als Verkehrspolizisten zu betätigen. Die Konservativen schimpfen noch in einigen Winkeln der sozialen Medien. Aber wirkliche Macht haben sie keine mehr.

Interview: Martin Gehlen

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Saudi-Arabien

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