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Sarrazin-Thesen Der Extremismus der Mitte

Das große Echo auf die Thesen Thilo Sarrazins überrascht Politikforscher und Psychologen nicht. Die Experten wissen längst, dass fremdenfeindliche Ansichten kein Randphänomen sind.

07.09.2010 21:24
Volker Schmidt
Gefragter Mann: Sarrazin, hier im „Beckmann“-Fernsehstudio. Foto: dpa

Das große Echo auf die Thesen Thilo Sarrazins überrascht Elmar Brähler nicht: „Wir haben immer gesagt, dass rechtsextreme Einstellungen tief in der Gesellschaft verankert sind“, sagt der Leipziger Professor der Frankfurter Rundschau. Zusammen mit Oliver Decker forscht der Psychologe seit Jahren über solche Einstellungen und ihre Ursachen.

Ihre jüngste Studie „Mitten in der Krise?!“ im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ist noch unveröffentlicht. Aber eines verrät Brähler schon: Der Aussage, Muslimen sollte in Deutschland die Religionsausübung verboten werden, stimme eine überwältigende Mehrheit zu.

Solche Islamfeindlichkeit sei neu, aber „dieses Gedankengut ist immer da“, so Brähler. Für die Studie „Vom Rand in die Mitte“ von 2006 verwendeten Brähler und Decker folgende Definition von Rechtsextremismus: „Ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen.“ Diese äußerten sich unter anderem „durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen“.

Brähler und Decker legten damals knapp 5000 Deutschen 18 Aussagen vor zu Diktatur, Nationalchauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Nationalsozialismus. So stimmten dem Satz „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“ 37 Prozent zu. „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“ fanden 17,8 Prozent. „Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen“: 14,8 Prozent. „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“: 11 Prozent.

Ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ bescheinigten die Autoren 8,6 Prozent der Deutschen. Frühere Studien, die wegen methodischer Abweichungen nicht direkt vergleichbar sind, kamen seit 1980 sogar auf 13 bis 16 Prozent rechtsextremes Potenzial. Dass es in anhaltenden Wahlerfolgen rechtsradikaler Parteien noch keinen Niederschlag fand, hat laut Brähler unter anderem folgenden Grund: „Die Leute wählen etablierte Parteien, solange sie ihnen die größere Wirtschaftskompetenz zubilligen.“

Das bedeute aber, dass diese Parteien sich um die Anfälligen unter ihren Anhängern kümmern müssten, etwa durch Bildungsarbeit. Gerade die SPD, deren Mitglied Sarrazin noch ist, „tut so, als wäre sie automatisch die solidarische Partei – doch da lodert einiges“, sagt Brähler. Nach Einschätzung des Berliner Parteienforschers Oskar Niedermayer hat ein Ausschluss Sarrazins aus der SPD daher negative Auswirkungen für die Partei. Viele an der Basis bekämen den Eindruck, hier solle jemand mundtot gemacht werden.

Ihre neue Studie stellen Brähler und Decker Mitte Oktober in Berlin bei der FES vor. Sie untersucht ein Phänomen, das auch der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer Anfang des Jahres in den jüngsten Ergebnissen seines Forschungsprojekts „Deutsche Zustände“ schilderte: Heitmeyer zufolge glaubt rund ein Drittel der Deutschen, dass es in der Wirtschaftskrise nicht mehr möglich sei, allen gleiche Rechte zuzugestehen. Davon profitiere ein neuer Rechtspopulismus.

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