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Sarrazin-Debatte Integration statt Populismus

Migrationsforscher Klaus J. Bade rechnet mit Intellektuellen ab, die über die angeblich gescheiterte Integration klagen

27.04.2013 16:58
Die Sarrazin-Debatte betrachtet Bade als eine „Ersatzdebatte". Für ihn ist diese ein fataler Rückfall. Foto: dpa

Damit war nicht zu rechnen. Doch zwei ganz aktuelle Nachrichten beziehen sich auf das Spannungsfeld, das der Migrationsforscher Klaus J. Bade in seinem neuen Buch „Kritik und Gewalt“ beschreibt. Gerade ist Deutschland vom Antirassismus-Ausschuss der UNO gerügt worden, weil die Behörden Thilo Sarrazins Äußerungen zu Türken und Arabern als freie Meinungsäußerung haben durchgehen lassen. Zudem musste sich die Bundesregierung jetzt vor dem UN-Menschenrechtsrat wegen der NSU-Mordserie und des Versagens der Behörden bei der Aufklärung rechtfertigen.

Schon der Untertitel von Bades Buch „Sarrazin-Debatte, ‚Islamkritik‘ und Terror in der Einwanderungsgesellschaft“ verrät, dass es hier auch um eine Abrechnung geht. Bade, Doyen der historischen Migrationsforschung und Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR), attackiert ein „Agitationskartell“. Er schreibt von „Desintegrationspublizisten“ und „Panikmachern“. Gemeint sind Autoren, mit denen er sich immer wieder öffentlich gestritten hat: Necla Kelek, Thilo Sarrazin, Henryk M. Broder, Ralph Giordano, Alice Schwarzer.

Der bornierte Ur-Geist

In deutlichem Ton rechnet Bade mit jenen Intellektuellen ab, deren Klage über die angeblich gescheiterte Integration auf heftigen Beifall stößt – und zwar nicht nur an Stammtischen, sondern auch bei Muslimhassern und Internethetzern. Intellektuelle, die sich nach dem Terroranschlag von Oslo und der Aufdeckung der NSU-Mordserie fragen lassen müssen, in wieweit ihre Worte möglicherweise einen Resonanzraum schaffen, aus dem heraus jene agieren, deren Motto „Taten statt Worte“ heißt. Vor „gefährlichen Schnittmengen“ im Zusammenhang von „Wortgewalt“ und „Tatgewalt“ schreibt Bade.

Die Sarrazin-Debatte betrachtet er als eine „Ersatzdebatte anstelle jener überfälligen Diskussion um die neue Identität in der Einwanderungsgesellschaft“. Er stellt sie als einen fatalen Rückfall dar. Sollte nicht der „bornierte Ungeist“ der Kohl-Ära ebenso überwunden sein wie die jahrzehntelange Weigerung, Deutschland endlich als Einwanderungsland zu begreifen? Bade erinnert in diesem Zusammenhang an die frühen Warnungen von Politikern wie Heinz Kühn (SPD) und Lieselotte Funcke (FDP) aus den 70er- und 80er-Jahren.

Doch man hörte nicht auf sie. Auch deshalb haben es die selbsternannten Retter des Abendlandes immer noch so relativ leicht – und tun sich die Protagonisten einer Gesellschaft der Akzeptanz und Diversität so schwer. Bade fordert die Politiker auf, eine Vorbildrolle bei Migration und Integration einzunehmen und sich von Populisten abzusetzen. Sein Buch ist polemisch und gründlich zugleich. Und damit doppelt lesenswert. Hans-Hermann Kotte

Klaus J. Bade: Kritik und Gewalt. Wochenschau-Verlag, Schwalbach i. Ts. 2013, 400 S., 26,80 Euro

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