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Sankt Georgen „Einladung zur Bespitzelung und Denunziation“

Der Theologe Hans-Joachim Höhn spricht im Interview mit der FR über römische Zensoren und den Druck auf Kirchenleute.

Hochschule Sankt Georgen
08.10.2018, Hessen, Frankfurt/Main: Der Eingangsbereich der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. Wegen liberaler Äußerungen zu Homosexualität und Frauen in der Kirche hat der Vatikan den Rektor einer katholischen Hochschule in Frankfurt aus dem Amt gedrängt. Foto: dpa

Herr Professor Höhn, wie nehmen Sie das Vorgehen des Vatikans gegen Ansgar Wucherpfennig wahr? Die Bildungskongregation in Rom verweigert dem bisherigen Rektor der Hochschule Sankt Georgen das „Nihil obstat“, die kirchliche Unbedenklichkeitserklärung.
Das Befremdliche und Verquere daran ist, dass sich die Einwände der Behörde ja gar nicht gegen Pater Wucherpfennigs Amtsführung als Rektor richten, sondern gegen pastorale Aussagen zur Homosexualität. Wenn hier überhaupt ein Verfahren in Betracht käme, dann ein Lehrbeanstandungsverfahren. Würde man es einleiten, käme bald die Absurdität dieses Unternehmens zutage.

Inwiefern absurd?
Für die fachliche Beurteilung von Theologen sollten doch wohl deren wissenschaftliche Publikationen maßgeblich sein. Dass ein Zweizeiler aus einem Zeitungsinterview zum Stein des Anstoßes und zum Grund für ein weitreichendes negatives Urteil werden kann, wirft ein bezeichnendes Licht auf die intellektuelle Kapazität der römischen Zensoren und ihre Fähigkeit zum Umgang mit Quellen. Theologiestudenten, die so mit Autoren und ihren Texten umgingen, würden bereits im Grundstudium mit Karacho durch jede Prüfung rasseln.

Wie landen eigentlich Artikel aus deutschen Regionalzeitungen auf römischen Schreibtischen?
Im Fall Wucherpfennig liegt es nahe, dass die inkriminierten Interview-Aussagen gezielt nach Rom lanciert wurden. Dort sind sie zunächst liegengeblieben und erst dann herausgeholt worden, als man glaubte, ihm daraus einen Strick drehen zu können. Das ist ein Vorgehen, wie wir es von der Stasi kennen, und eine Einladung zur Bespitzelung und zum Denunziantentum.

Ist das ein singulärer Vorgang?
Überhaupt nicht. Vor jeder Berufung auf einen theologischen Lehrstuhl wird geprüft, ob die Publikationen eines Bewerbers mit dem übereinstimmen, was Rom für die reine katholische Lehre hält. Für einen Vereinbarkeitsnachweis wird dann regelmäßig eine erhebliche Drohkulisse aufgebaut.

Nämlich wie?
Von den Betroffenen wird verlangt, angebliche Abweichungen förmlich zu widerrufen oder zumindest so zu modifizieren, dass sie sich gewissermaßen selbst dementieren. Zum römischen Vorgehen gehört auch ein hohes Maß an Diskretion oder besser Heimlichtuerei. Die Vorwürfe werden den Betroffenen nie direkt mitgeteilt, sondern über Dritte – meistens die zuständigen Bischöfe – an sie herangetragen. Typischerweise wird das verbunden mit dem dezenten „Angebot“ eines willfährigen Artikels in einer kirchennahen Publikation. Fällt ein solcher Text dann zur römischen Zufriedenheit aus, darf der Autor hoffen, dass er am Ende doch noch das „Nihil obstat“ bekommt. Sicher sein kann er sich aber keineswegs.

Das katholische Lehrgebäude ist groß. Worauf konzentriert sich die Kontrolle?
Da gibt es eine klare Hierarchie der Reizthemen. Hochgefährlich ist alles, was mit Sexualität zu tun hat, speziell mit der Homosexualität. Ebenso jegliche Äußerung zur Frauenordination. Heikel sind auch Themen der Ökumene. Weniger Schwierigkeiten haben Kirchenhistoriker und Bibelwissenschaftler, und am seltensten werden Alttestamentler vom römischen Radar erfasst.

Lässt sich das Ganze in Zahlen oder Prozentsätzen ausdrücken?
Ich kenne selbst eine Reihe von Fällen. Aber die Dunkelziffer ist sicher erheblich größer. Das Hauptproblem ist die mangelnde Klarheit der Kriterien für eine Ablehnung des „Nihil obstat“. Hinzu kommt die Scham der Betroffenen, darüber öffentlich zu reden. Es entsteht eine Art katholischer omertà: Kaum ein Theologe durchbricht diese Verschwiegenheit, sei sie erzwungen oder selbst auferlegt. Und noch weniger wird davon erzählt, mit welchen Windungen und Verbiegungen man sich dann dem Würgegriff der Römer zu entziehen versucht hat.

Warum nicht?
Das Peinlichkeitsempfinden ist groß und auch das Unbehagen, in einem autoritären System womöglich selber solange unterwürfig zu sein, bis die eigene wissenschaftliche Laufbahn gesichert, das Karriereziel erreicht ist. Niemand will den Eindruck eines Opportunisten erwecken, der um der wissenschaftlichen Karriere willen die eigene Redlichkeit opfert und sich intellektuell zurechtbiegen lässt.

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