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Said "Noch nie war der Islam im Iran so verpönt wie heute"

Der deutsch-iranische Schriftsteller über den Kampf der Kultur gegen die Mullahs, die frühere Sympathie der europäischen Linken für Khomeini und warum die Islamische Republik bis heute Frauen nicht besiegt hat.

31.01.2009 00:01
Foto: getty

Herr Said, Sie sind 1965 im Alter von 17 Jahren nach Deutschland gekommen. Warum?

Zum Studieren. Deutschland war ein beliebtes Einreiseland, weil man hier auch ohne viel Geld leben konnte. Meine Familie war nicht reich.

Waren Sie damals auch in einer der Studentenorganisationen gegen das Schah-Regime aktiv?

Ja, in der CISNU. Ein paar Wochen nach meiner Ankunft bin ich da hineingeraten, und damit schien meine Rückreise auf lange Sicht unmöglich geworden zu sein. Wir haben ja nie geglaubt, dass es zum Sturz des Schahs kommt, schon gar nicht durch einen klerikalen Führer. Bis 1977 habe ich daran nicht geglaubt.

Nun war die CISNU ja eine linke Studentenorganisation.

Richtig.

Also hatten Sie zu den klerikalen Iranern in Deutschland gar keinen Kontakt?

Wir haben die nicht ernst genommen. Ich habe auch nach Khomeinis Machtübernahme nicht geglaubt, dass er sich lange hält, dass diese heterogene iranische Gesellschaft ihm erlaubt, die Kultur quasi abzuschaffen. Aber die Kultur ist eine sehr zierliche, verletzbare Pflanze.

Der Schah hatte die säkulare Gesellschaft gestärkt. Waren Sie deshalb davon überzeugt, dass die Mullahs auf Dauer keine Chance hätten?

Dass die säkulare Gesellschaft nicht so gefestigt war, wie viele dachten, ist eine der Lehren aus dieser Geschichte. Anders gesagt: Wir wurden von Khomeini überrumpelt.

Selbst die westdeutsche Linke hat damals mit Khomeini geliebäugelt: Der spätere Bundesaußenminister Fischer etwa schrieb im Frankfurter Stadtmagazin Pflasterstrand einen Artikel mit der Überschrift "Das wilde Kurdistan". Darin vertrat er die These, dass ohne Religion keine Revolution mehr möglich sei.

Die ganze europäische Linke hat in Khomeini sogar eine Art dritten Weg gesehen, also nicht kapitalistisch, nicht sozialistisch. Und ich erinnere mich an eine Rede von Daniel Cohn-Bendit, in der er diesen dritten Weg entschieden begrüßte.

Wissen Sie noch, wann das war?

Als Khomeini schon in Paris war.

Also Ende 1978.

Ja. Wir linken Iraner glaubten damals zwar schon: Khomeini bedeutet auch Terror. Aber offen gestanden haben auch wir das spätere Ausmaß des Terrors unterschätzt.

Sie sind ja sogar noch einmal in den Iran geflogen.

Das war im März, also gut anderthalb Monate nach Khomeinis Machtübernahme. Damals erschien mir eine solche Reise tatsächlich als ungefährlich. Viele dachten so: 40 000 Exil-Iraner sind zurückgekehrt. In den ersten Wochen habe ich Teheran noch ohne Polizei, ohne Geheimdienst erlebt. Irgendwann sah ich, wie gewaltsam sie vorgehen, wie überall Leute verhaftet wurden. Sie müssen sich vorstellen: Ein Bekannter von mir hatte lediglich vom zentralen Postamt in Teheran mit seiner amerikanischen Frau in San Francisco telefoniert. Am Abend wurde er deswegen abgeholt. Ich bin ein vorsichtiger Mensch, ich bin kein Held, also bin ich so schnell wie möglich mit einem Alitalia-Flieger nach Rom zurückgekehrt. Ein paar Wochen später wäre mir das vielleicht schon nicht mehr möglich gewesen.

Viele ehemalige Anti-Schah-Aktivisten sind geblieben, in der Hoffnung, Politik machen zu können.

Ja, und viele von ihnen sind hingerichtet worden oder saßen Jahre im Gefängnis, nur einigen wenigen ist die Flucht gelungen.

Glauben Sie heute, dass die Mullah-Herrschaft ewig halten wird? So wie Sie damals an das ewige Schah-Regime geglaubt haben?

Man darf eines nie vergessen: Zum ersten Mal nach einigen 100 Jahren hat eine Religion die Macht übernommen! Ein Unikum in der modernen Zeit. Ich glaube, der Westen hat immer noch nicht die Tragweite dieses Ereignisses begriffen.

Sie machen sich also darauf gefasst, dass Sie ein Ende des Regimes nicht mehr erleben werden?

Sie sagen es.

Lassen Sie uns über die Tragweite dieses Ereignisses reden, über die epochale Bedeutung dieses Gottesstaates. Erklären Sie sie in Leuchtbuchstaben!

Erlauben Sie mir, eher den Advocatus diaboli zu spielen: Auf die Postmoderne antwortet der aggressive Islam. Jürgen Habermas hat es sinngemäß so formuliert: Wir müssen darüber nachdenken, was wir versäumt haben. Ob wir versagt haben mit unserer westlichen Aufklärung.

Sie meinen, wir müssen der Ideologisierung der Religion im Islam eine Art Religionisierung der westlichen Ideologie entgegensetzen?

Nein, nein. Aber die Radikalisierung des Islam kann nicht unabhängig davon gesehen werden, was der Westen getan hat. Beides hat miteinander zu tun.

Sie meinen, was wir im Nahen Osten getan haben?

Auch. Der Westen hat dort säkularisierte Regime gestützt, den Schah, Saddam, Assad, Korruption, Terror und Nationalismus. Aber wir wissen auch: Nationalismus und Religion haben sich von jeher bekämpft im Nahen Osten. Der arabische Nationalismus hat total versagt, nun übernimmt der Islam seine Rolle.

Wie sollten wir darauf reagieren?

Ich vergleiche den Dialog zwischen dem Westen und dem Islam mit dem eines Tauben mit einem Blinden. Der Taube ist der Westen, der Blinde ist der Islam, der zurzeit nur um sich schlägt. Ich frage mich, ob man mit den Maßstäben eines Tauben die Handlungen eines Blinden verstehen kann. Wir müssen die westlichen Maßstäbe hinterfragen, nur so haben wir eine Chance, die islamische Revolution zu begreifen.

Für mich ist diese Revolution eine der schrecklichsten Erfahrungen, weil aus einem Befreiungsakt die noch schlimmere Unterdrückung hervorgegangen ist - und zwar in unserer Zeit.

Ja.

Zarismus, bolschewistische Revolution, das ist Vergangenheit. Und dann erschüttert diese islamische Revolution, unterstützt von europäischen Intellektuellen wie Foucault, die Welt und beweist: Der Gottesstaat ist möglich.

Und er ist es bis heute, weil er grundlegend eine massentaugliche Ideologie hat: den Islam, die Religion. Wir wissen aus der Geschichte, dass schon die ideologischen Diktaturen länger leben als hochgeputschte Generäle. Denn ein ideologischer Diktator verspricht viel. Ein religiöser Diktator aber verspricht auch jenseits des Todes etwas. Welche Macht damit verbunden ist, zeigte der Krieg nach der Revolution.

Der Angriff des Irak gegen den Iran 1980.

Die iranische Armee war damals in einem desolaten Zustand. Der Mobilmachung des Khomeini-Regimes sind dann aber viele gefolgt - mit einer Opferbereitschaft, die ich nie vermutet hätte. Es gibt ein eindrückliches Beispiel dafür, wie viel Macht die Mullahs über die Menschen gewonnen hatten: Eine Mutter lieferte ihren Sohn, der sich versteckt hielt, den Revolutionsgardisten aus. Diese Mutter wurde im iranischen Fernsehen vorgeführt. Und sie sagte: "Ich habe es getan, ich werde es noch einmal tun." Der Schah hätte die Menschen nie so mobilisieren können, nie. Und das ist der grauenhafte Unterschied: Der Terror des Regimes Khomeini wirkte bis in die Familien hinein.

Und Sie glauben, dass sich das seither nicht geändert hat?

Doch, es hat sich viel geändert. Die ganze Gesellschaft kämpft jetzt mit ihren Mitteln gegen das Regime. Ich weiß, dass man diesen Kampf in Europa übersieht. Aber bedenken Sie: Allein in Teheran gibt es mehr als 100 Galerien, und das in einem Regime, in dem die Bildende Kunst als Feind bezeichnet wird. Handke und Grass werden übersetzt, allein von Uwe Timm sind jüngst drei Bücher erschienen. Die Hoffnung der Gesellschaft, mit Kultur ein anderes Leben anzustreben, haben die Machthaber nicht besiegen können.

Sie haben vorhin aber gesagt, die Kultur sei ein sehr zartes Gewächs.

So ist es. Am Anfang des Regimes sah es auch nicht so aus, als könnte die Kultur überleben.

Ist die Kultur die einzige Hoffnung?

Nein, die zweite große Hoffnung sind die Frauen. Schleier müssen sie tragen, Sandalen dürfen sie nicht tragen. Täglich werden junge und alte Frauen verhaftet, bis heute werden Frauen gesteinigt. Und doch sind die Frauen noch nicht besiegt. Selbst Rafsandschani hat als Präsident in einer Rede gesagt: "Wir haben alle besiegt, bis auf diese Frauen. Bleibt gefälligst zu Hause, gebt endlich Ruhe!" Schauen Sie, allein 60 Prozent der Studenten sind Frauen. Das heißt: Das Mullah-Regime hat genau das Gegenteil von dem bewirkt, was es erreichen wollte. Das immerhin gibt Hoffnung.

Aber das ist noch kein Indikator dafür, dass das Regime scheitert.

Aber es gibt Tendenzen, leider auch fatale. Noch nie wurde so viel Alkohol getrunken, noch nie waren so viele Jugendliche drogenabhängig. Nirgends im Nahen Osten sind die Moscheen so leer wie im Iran. Dieser Islam, der als Allheilmittel gepriesen worden ist, bekommt nicht einmal die Tomatenpreise in den Griff. Kurz gesagt: Diejenigen, die mit Parolen gegen die gottlose Dekadenz an die Macht gekommen sind, sorgen nun dafür, dass die Religion immer mehr Anhänger verliert. Ich wage zu behaupten, dass der Islam im Iran nie so verpönt war wie heute.

Wo wir gerade von Indikatoren für den Zustand des Landes reden. Welche Rolle spielen die Händler in den Basaren?

Der Basar war immer ein Indikator im Iran. Er war zumindest immer das Herz der Wirtschaft gewesen. Im Augenblick sieht es anders aus.

Foucault hatte Ende der 70er Jahre in einem Aufsatz erläutert, wie die verschiedenen Gesellschaftsgruppen in Persien zum Schah standen. Im Basar, schrieb er, rege sich Widerstand. Für ihn war das ein Zeichen dafür, dass das Regime kaum noch zu halten ist.

Das war prophetisch.

Deshalb meine Frage nach den Basaren heute.

Dass der Basar nicht geschlossen hinter der Regierung steht, beweist schon allein die Tatsache, dass viele Basaris hingerichtet worden sind. Aber abgesehen davon glaube ich, dass der Basar an wirtschaftlicher Bedeutung eingebüßt hat, weil interessanterweise gerade dieses rückwärtsgewandte Regime versucht, wirtschaftlich sehr modern zu sein.

Wie meinen Sie das?

Fabriken mit mehr als 1000 Arbeitern gehören zu 51 Prozent dem Staat. Das heißt: Der Staat versucht, die Wirtschaft zu regulieren - allerdings ohne Erfolg. Unter Ahmadinedschad sind Obst und Gemüse um 50 Prozent teurer geworden. Die Mieten sind gestiegen, die Inflation ist verheerend. Ich weiß gar nicht, wie sich dieses Land ernährt. Teilweise erinnert mich die Wirtschaft an die der DDR. Das Gesetz der Rentabilität wird den Gesetzen des Machterhalts völlig untergeordnet. Wir wissen aus der Geschichte, dass das irgendwann nicht mehr funktioniert.

Und dann?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mal, was passiert, wenn Ahmadinedschad nicht mehr wiedergewählt wird. Nichts Besseres, fürchte ich.

Interview: Arno Widmann

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