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Safiye Can Im Land der Poesie

Safiye Can ist ein Einwandererkind und schreibt Gedichte. Nun erhält sie gleich zwei Auszeichnungen.

Safiye Can | Dichterin | Frankfurt | 21.10.2016
Frankfurt | 21 October 2016 Portrait der in Offenbach geborenen Dichterin Safiye Can auf der Terasse der Halle 3, Frankfurter Buchmesse 2016. photo © peter-juelich.com Foto: peter-juelich.com (peter-juelich.com)

Man trägt das Dichtersein in sich“, sagt Safiye Can. „Wie eine Vision“ empfinde sie diesen Drang, Gedichte zu schreiben: „Etwas, das größer ist als ich.“ Ganz ähnlich beschrieb Else Lasker-Schüler (1869–1945) die „Gabe“ der Dichtung: Dichten könne man sich nicht vornehmen – „es dichtet in mir“. Auf die Inspiration folgt dann aber die harte Arbeit, das Feilen an der Sprache, bis jedes Wort sitzt.

Auch dieser Prozess ist Safiye Can vertraut. Nun wird die 39-Jährige mit dem Lyrikpreis ausgezeichnet, der den Namen der berühmten Kollegin trägt: Else Lasker-Schüler. Gottfried Benn nannte sie „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“.

„Sprachlos und zu Tränen gerührt“ sei sie gewesen, als sie von der Auszeichnung erfuhr, erzählt Can. Eine „ganz große Ehre“ sei das. Sie mag „Elses“ Gedichte, hat sogar schon welche ins Türkische übersetzt, auch ihr Lieblingsgedicht „Mein blaues Klavier“. Ihre Übersetzungen, besonders von türkischen Dichtern ins Deutsche, seien „als Dank gedacht, man erntet damit weder Ruhm noch finanziellen Gewinn“.

Safiye Can ist zweisprachig aufgewachsen. Sie wurde 1977 als Kind tscherkessischer Arbeitsmigranten im hessischen Offenbach geboren. Die Eltern sprachen zunächst nur Türkisch mit ihr. Bereits ihre Vorfahren waren aus der kaukasischen Heimat vertrieben worden und hatten sich in der Türkei niedergelassen, wo heute noch viele Tscherkessen leben. Die Familie musste ihren Namen ins Türkische übertragen. „Can heißt Herz, Seele, Leben“, sagt die Dichterin.

Groß und schlank, mit dunkler Lockenpracht und strahlendem Lächeln, verbirgt sie hinter der attraktiven Erscheinung ein verletzliches, oft auch einsames Ich. „Warum müssen Schriftsteller immer einsam sein“, seufzt sie einmal im Gespräch in nur halb gespielter Verzweiflung. „Der Dichter ist fremd an sich“, sagt sie, „immer und überall im Exil“, aber auch: „Ich gehöre zu jedem Land dazu, denn Grenzen sind von Menschen gemacht.“ Es sei unerträglich, dass immer noch von Migrationshintergrund und Ausländern gesprochen werde. „Es geht doch um den Menschen an sich, nicht um seine Hautfarbe, Sprache, Religion oder sexuelle Orientierung.“ Sie verortet sich selbst eher in der Poesie als in einem Land. Nach ihrer Muttersprache gefragt, antwortet sie überraschend: Tscherkessisch, obwohl sie nur wenige Worte der Sprache ihrer Vorfahren kennt.

Wer Safiye Cans Gedichte aufmerksam liest, findet viel von ihr darin. „Rose und Nachtigall“, der Debütband von 2014, greift im titelgebenden Gedicht ein uraltes poetisches Motiv aus der persischen, arabischen und türkischen Literatur auf. Das im Frankfurter Größenwahn Verlag erschienene Buch war innerhalb von zwei Monaten vergriffen und ist kürzlich in der vierten Auflage erschienen – für Gedichte ein außergewöhnlicher Erfolg. Ebenfalls 2014 erschien die Kurzgeschichte „Das Halbhalbe und das Ganzganze“ im Hamburger Verlag Literatur Quickie. Und 2015 der zweite Lyrikband bei Größenwahn: „Diese Haltestelle hab ich mir gemacht“, der auch bereits in zweiter Auflage vorliegt.

Die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft vergibt ihren Lyrikpreis am 11. November. Der Vorsitzende Hajo Jahn schreibt zur Begründung, warum Safiye Can den erst zum dritten Mal überhaupt verliehenen Preis bekommt, mit ihren Gedichtbänden sei „ein neuer, leichter und rhythmisch beschwingter Ton in die deutschsprachige Lyrik gekommen, der erfrischend und belebend wirkt“.

Einige Tage vorher, am 6. November, bekommt die Offenbacher Dichterin eine weitere Auszeichnung: den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2016. „Ein sehr wertvoller Preis für mich“, sagt Safiye Can. „Gedichte müssen aufrichtig sein, und der Mensch auch. Gedichte sind nicht getrennt vom Leben.“ Der Jury-Vorsitzende Thorsten Trelenberg, Preisträger von 2012, lobt ihre „eigene Sprache“: „Sie folgt in der Lyrik keinen Moden.“

Die beiden Auszeichnungen sind eine Bestätigung für Cans Weg, denn sie hat auch „harte Zeiten“ erlebt. „Man muss auf viel verzichten, viel von sich geben“, sagt sie. „Ich möchte Lyrik machen, nichts anderes, aber von Buchverkäufen allein kann kein Dichter leben.“ Es sei ein Kampf gewesen, mit einem fremden Namen in der deutschen Literatur aufgenommen zu werden. Sie stieß auf Vorbehalte, poetische Wortschöpfungen in ihren Gedichten wurden als Unvermögen missdeutet mit der Begründung: „Das Wort steht aber nicht im Duden.“ Doch Can will nicht nur anerkannt werden. „Ich werde in diesem Land etwas ändern, was Lyrik angeht“, sagt sie selbstbewusst. „Mein Motto ist: Lest Gedichte!“, sagt die Dichterin. „Ich möchte Poesie verbreiten, nicht nur die eigene. Wir brauchen das in dieser Welt, in der schlechte Nachrichten sensible Seelen zu zerstören drohen.“

Safiye Can hat ein Studium der Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft mit der Note eins abgeschlossen und damit jene Lehrer Lügen gestraft, die ihr früher in der Schule nichts zugetraut haben. Derzeit studiert sie Germanistik und Kunstgeschichte in Frankfurt. Sie arbeitet für die Horst-Bingel-Stiftung für Literatur und leitet seit über zehn Jahren Schreibwerkstätten für Schüler. Als Schulkünstlerin der Offenbacher Schillerschule, an der sie einst Abitur gemacht hat, gründete sie dort einen Dichterclub. „Heute bin ich ein Vorbild, besonders für ausländische Schüler“, sagt sie und vermittelt den Jugendlichen ihr Credo: „Eine Welt ohne Poesie ist nicht möglich.“

Zur Literatur kam sie mit 15 durch ein Geschenk: einen Band Gedichte des türkischen Autors Ümit Yasar. Zunächst schrieb sie selbst auf Türkisch, wechselte dann ins Deutsche, um ihre Freunde zu erreichen, die aus verschiedenen Sprachräumen kommen und miteinander Deutsch sprechen. Der Leser spielt für sie eine große Rolle. Beide Gedichtbücher tragen die Widmung „Für Dich – den Leser“.

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