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"Sachsensumpf" In den Dreck gezogen

Am Vorabend noch ein angesehener Herr, am nächsten Morgen ein sexgeiles Monstrum: Wie der Leipziger Richter Jürgen Niemeyer im angeblichen Sachsensumpf seinen Ruf verlor. Von Bernhard Honnigfort

Als sich der pensionierte Richter Jürgen Niemeyer am 20. Januar 2008, es war ein Sonntag, abends ins Bett legte, war er noch ein angesehener älterer Herr. Als er am Montagmorgen aufwachte, hatte er sich in "Ingo" verwandelt, ein sexgeiles Monstrum.

Im Spiegel konnte er nachlesen: "Ingo war kein feiner Mann. Ganz sicher keiner, um den sich Frauen gewöhnlich stritten. Er hatte wenig Ähnlichkeit mit Adonis, war nicht sonderlich freundlich und neigte zu Grobheiten. Interessiert war er eigentlich nur an einem: hartem Sex mit blutjungen Frauen."

Es war ein Artikel über zwei Seiten, der sich mit Juristen in Sachsen befasste, die angeblich in dem bis 1993 in Leipzig existierenden Bordell "Jasmin" ein- und ausgingen. Der Name Jürgen Niemeyer fiel in keiner Zeile. Doch wer lesen konnte, sich ein bisschen auskannte und das nur im Gesicht unscharf gemachte Bild Niemeyers betrachtete, der begriff schnell, wer mit dem "ranghohen Richter des Landgerichts Leipzig" gemeint war. Danach ging pausenlos das Telefon. Freunde riefen ihn an, ehemalige Kollegen. Alle wollten wissen, was denn los sei.

"Es war unfassbar", sagt Niemeyer. Seit jenem Tag beteuert er seine Unschuld. Seit jenem Tag kämpft er gegen Misstrauen und Zweifel. Sogar bei Freunden. "Mein Ruf als Richter war ruiniert. Ich bin seitdem verbrannt."

Er sitzt in seinem Anwaltsbüro in München. Auf dem Tisch Akten und Zeitungsartikel, Kopien von Klageschriften. Es sind die Dokumente eines zerstörten Ansehens. "Das werde ich doch nie wieder los", sagt Niemeyer. Die Maxime eines Richters - ein Angeklagter ist unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist - wurde in seinem Fall ignoriert. Im Internet stehe heute noch seine "Geschichte", auf obskuren Verschwörerseiten, und werde dort noch in Jahrzehnten umhergeistern. Immer werde etwas hängen bleiben. "Die Leute reden. Die Leute denken, wo Rauch ist, da ist auch Feuer."

Nie im Puff

Niemeyer, ein drahtiger, freundlicher Herr mit randloser Brille, wird 70 im Herbst. 1992, seine Ehe in Stuttgart war zerbrochen, wechselte er als Jurist nach Sachsen, wurde Vorsitzender einer Jugendkammer in Leipzig. Bis zur Pensionierung 2004 war er Vizepräsident des Landgerichts, nebenbei Verfassungsrichter. Niemeyer gehörte zu denen, die nach Sachsen kamen und mithalfen, eine rechtsstaatliche Justiz aufzubauen.

Er kann sagen, was er will. Dass er nie in seinem Leben ein Bordell betreten habe, nur einmal dienstlich zum Augenschein als Richter beim Landgericht Stuttgart. Dass er nie mit Prostituierten verkehrt habe, nie in seinem Leben in Leipzig oder anderswo einen Puff besucht habe. Er zuckt mit den Schultern: "Es ist nicht zu reparieren."

Niemeyer ist in einem Sumpf untergegangen, den es nie gegeben hat: im "Sachsensumpf". Im Frühjahr 2007 war es, als eine Handvoll Journalisten glaubte, die Geschichte ihres Lebens in Händen zu halten. Einige durchgeknallte Mitarbeiter des Verfassungsschutzes hatten über Jahre meterweise Akten angelegt über ein angebliches kriminelles Netzwerk aus Richtern und Staatsanwälten, Polizisten, Bauunternehmern und Politikern, eng verbandelt mit der organisierten Kriminalität und dem Rotlichtmilieu. Aus diesen Akten sickerte es in die Öffentlichkeit. "Sex-Einsatz in Amtsstuben", trompetete die Leipziger Volkszeitung. Die Vorwürfe überschlugen sich: Juristen in Bordellen, Prostituierte im Leipziger Rathaus. Nichts schien unmöglich. Der Autor Jürgen Roth, der Bücher über die Organisierte Kriminalität veröffentlicht hat, behauptete in einem Interview: "Die politischen Zustände in Sachsen sind nach meinen Recherchen ein tiefer korrupter, ja mafiöser Sumpf."

Ein Sturm fegte über Sachsen dahin. Er entwurzelte das Vertrauen in Rechtsstaat und Politik, raubte Menschen ihr Ansehen, hinterließ Misstrauen. Aber am Ende kam heraus: Es war alles falsch. Nichts ist von den Vorwürfen geblieben. Sie lösten sich in Luft auf. Und in Strafbefehle wegen übler Nachrede gegen Journalisten und den Autor Roth.

Die ungeheuerlichen Vorwürfe wurden schnell und gründlich ausgeräumt. Verfassungsschützer anderer Bundesländer kamen nach Sachsen. Ein Bundesrichter untersuchte die Vorgänge. Generalbundesanwältin Monika Harms sollte helfen. Die Dresdner Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf gegen alle Kollegen, die angeblich verstrickt waren. Sachsens Verfassungsschutz ließ sich durchleuchten.

Am Ende blieb ein kleiner Kreis: Simone Henneck, eine überforderte Referatsleiterin im Verfassungsschutz, und Georg Wehling, auf der einen Seite ermittelnder Hauptkommissar, auf der anderen unter der Tarnbezeichnung "Gemag" als Quelle beim Verfassungsschutz geführt. Außerdem ein paar Mitarbeiter. Ein kleiner Kreis, der zwischen 2003 und 2006 Gerüchte zusammengetragen hatte, Getratsche, Gerede. Man hatte geglaubt, anstatt zu prüfen. Sie hatten hemmungslos alles zusammengerafft zu einem Aktenberg aus Gequatsche, Unterstellungen, bösen Verdächtigungen. Sie hatten den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet. Verfassungsschutzpräsident Reinhard Boos sprach später von einem "Motorschaden" seiner Behörde.

Der Sumpf erwies sich als Steppe

Es ist vorbei. Ein Untersuchungsausschuss des Sächsischen Landtags marschierte vor zwei Jahren los, den "Sachsensumpf" trockenzulegen. Er fand sich in einer Steppe wieder. Sogar die Linke und die Grünen blieben am Ende ratlos zurück. Man könne nicht beweisen, dass es diese korrupten Netzwerke gegeben habe, sagte die Linke, als jetzt die Abschlussberichte vorgelegt wurden. Man habe auch nicht beweisen können, dass es sie nicht gegeben habe, behaupteten die Grünen.

Jürgen Niemeyer, einst ein angesehener Mann, ist in diesem Irrsinn untergegangen. Und zwar folgendermaßen: Am 28. Januar 1994 hatte das Landgericht Leipzig unter Niemeyers Vorsitz den Bordellbetreiber Michael W. wegen schweren Menschenhandels, Zuhälterei und sexuellen Missbrauchs von Kindern zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. W. hatte gestanden. Bei dem als mild erachteten Urteil folgte Niemeyer der Forderung des Staatsanwalts.

Der ominöse "Ingo"

Der kleine Kreis aus Verschwörungstheoretikern wurde auf ihn aufmerksam. War das Urteil nicht viel zu mild? Hatte er sich kaufen lassen? Gegen Niemeyer wurde wegen Strafvereitelung im Amt ermittelt. Aber es gab keine Beweise. Das Verfahren wurde eingestellt.

Für Niemeyer war der Fall erledigt, Jahre waren vergangen, da erwischte es den pensionierten Richter. Zwei Ex-Prostituierte wollten ihn auf Nachfragen von Journalisten als Freier "Ingo" wiedererkannt haben, 15 Jahre, nachdem Michael W.s Bordell in Leipzig von der Polizei ausgehoben worden war. 1994, als die beiden Frauen aus jenem Bordell, vor Gericht als Zeuginnen aussagten, als sie vor Niemeyers Richtertisch standen, da hatten sie ihn nicht erkannt. Aber 2008 kam plötzlich die Erinnerung.

Die anderen Frauen aus dem "Jasmin" hatten Niemeyer nicht erkannt, auch der verurteilte Bordellbetreiber will ihn vor dem Prozess nie gesehen haben. Aber in dem Aktenhaufen des Verfassungsschutzes stand irgendwo, der Niemeyer sei jemand, der gelegentlich sexuell auf Kinder zurückgreife, beispielsweise auch in Thailand. Als Quelle der ungeheuerlichen Anschuldigung wird "Gemag" genannt, der getarnte Hauptkommissar.

Auch das löste sich in Luft auf. Hauptkommissar Wehling hatte schon Monate vorher, im August 2007, gegenüber der Dresdner Staatsanwaltschaft bestritten, Urheber dieser Beschuldigungen gegen Niemeyer und andere gewesen zu sein. Und als der Untersuchungsausschuss des Landtags kürzlich eine der beiden Frauen als Zeugin lud, war bei ihr von "Ingo" keine Rede mehr. Niemeyer einmal selbst zu Wort kommen zu lassen, hielt man nicht für nötig. Auch die Staatsanwaltschaft hatte die Aussagen der Frauen geprüft und sie vernommen. In sich widersprüchlich, untereinander widersprüchlich, völlig unglaubwürdig, lautete das Ergebnis. Auf die Frage, warum sie den angeblichen Freier denn nicht schon 1994 erkannt habe, kam die Antwort, sie habe den Richter damals nie angesehen, sondern die ganze Zeit auf einen Punkt an der Wand gestarrt.

Die beiden Frauen stehen demnächst in Dresden vor Gericht. Wegen übler Nachrede. Niemeyer nützt das wenig. Seine "Geschichte" wird weiter durchs Internet geistern. Er ist gezeichnet für den Rest des Lebens.

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