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Sachsen-Anhalt Ein Überfall in Laucha

Der Enkel eines Holocaust-Überlebenden wird von einem Rechtsextremisten geschlagen, getreten - und als "Judenschwein" beschimpft. Alexander Schierholz erzählt eine Familiengeschichte.

19.05.2010 00:05
Von Alexander Schierholz
Hier wurde der 17-Jährige brutal zusammengeschlagen und beschimpft. Foto: FR

Laucha. Dies ist eine Familiengeschichte. Sie beginnt während des Zweiten Weltkriegs im Warschauer Ghetto, als sich ein Junge mit viel Glück vor den Deutschen verstecken und so vor dem Transport nach Auschwitz retten kann - seine ganze Familie wird im KZ sterben. Sie endet vorläufig am 16. April 2010, als ein 17-jähriger gebürtiger Israeli mitten in Laucha (Sachsen-Anhalt) von einem Rechtsextremisten geschlagen, getreten und als "Judenschwein" beschimpft wird.

Der Junge aus dem Warschauer Ghetto wächst nach dem Krieg in Israel auf. Er wird Vater einer Tochter: Tsipi Lev. Jetzt sitzt die große blonde Frau in ihrem Wohnzimmer in Laucha und ringt um Fassung. Das Opfer vom 16. April ist ihr Sohn. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Tsipi Lev sieht eine direkte Linie vom Warschauer Ghetto zur Bushaltestelle am Lauchaer Bahnhof, wo ihr Sohn überfallen wurde.

13,5 Prozent wählten die NPD

Vor acht Jahren kam die Choreografin mit ihm und dem älteren Bruder nach Deutschland. Ein Projekt in Berlin wartete, vom Vater der Jungs hatte sie sich getrennt. Sie zog zu ihrer neuen Liebe nach Laucha. "Nie hätten wir gedacht, dass uns hier etwas passieren kann", sagt sie. Juden in Laucha - "wir sind die Paradiesvögel", sagt Tsipi Lev. Anfangs seien sie beargwöhnt worden, doch schnell fanden sie Freunde. Tsipi Lev fühlt sich "gut integriert, mein Lebensgefährte hat dabei sehr geholfen". Olaf Osteroth lebt seit 1990 in Laucha. Er half mit, den Flugplatz der alten Segelfliegerstadt wieder auf Vordermann zu bringen und am Gymnasium Segelflug-Unterricht zu etablieren. Heute hat er eine Firma für Ballontouren. Tsipi Lev macht Modeschmuck und engagiert sich für den Schüleraustausch des Gymnasiums mit Israel. Sie hält Kontakt zu Tanz- und Showgruppen aus ihrer Heimat, die in der Region regelmäßig auftreten. Die Verbandsgemeinde, zu der die Stadt gehört, will eine Partnerschaft mit der israelischen Stadt Lehavim aufbauen.

Das ist die bunte Seite von Laucha, die fröhliche, die internationale. Es gibt auch eine braune Seite: Mit 13,5 Prozent holte die rechtsextreme NPD bei der Kommunalwahl 2009 das höchste Ergebnis in Sachsen-Anhalt. Zwei Abgeordnete zogen in den Stadtrat ein. Einer ist Lutz Battke, jener parteilose, aber rechtsextreme Schornsteinfeger, der sich vor Gericht bisher erfolgreich gegen den Entzug seiner Kehrerlaubnis wehrte - ein Fall, der bundesweit für Aufsehen sorgte.

Battke trainiert auch den Nachwuchs des BSC 99 Laucha - von seiner rechten Einstellung wollen viele im Ort lieber nichts wissen. Das sei doch seine Privatsache, heißt es. Tsipi Levs älterer Sohn kickte ein paar Jahre im Verein. Sein jüngerer Bruder wollte auch dort anfangen. "Als wir gemerkt haben, dass Battke der Trainer ist, haben wir ihn sofort wieder rausgenommen", erinnert sich seine Mutter. Im Kader der ersten Mannschaft steht auch Alexander P. - der 20-Jährige, der am 16. April den jüngeren Sohn von Tsipi Lev überfallen haben soll.

Gegen 18 Uhr kam an jenem Tag der 17-Jährige mit dem Zug aus dem nahen Naumburg. An der Bushaltestelle gegenüber dem Bahnhof sah er einige Schulfreunde. Sie redeten. Plötzlich, erinnert er sich, sei der Angreifer auf ihn zugerannt und habe ihn mit der Faust unters Auge geschlagen. "Ich habe mir die Hand vors Gesicht gehalten, aber er schlug immer weiter und hat mich als ,Judenschwein´ beschimpft." Der Schüler flüchtete, aber er kam nicht weit: Sein Peiniger stieß ihn zu Boden, traktierte ihn mit Tritten - einer traf den Kopf, die nächsten die Hände. Zeugen versuchten vergeblich, den Schläger zu stoppen.

Erst Mario Träbert bereitete dem Spuk ein Ende. Der 28-Jährige fuhr zufällig mit dem Auto vorbei: "Ich habe sofort gesehen, dass das kein Spaß mehr ist." Er brüllt den Schläger an, der solle aufhören. "Der war so verdutzt, dass er von seinem Opfer kurz abgelassen hat." Der Junge konnte zu Träbert ins Auto steigen. "Er war der rettende Engel", sagt Tsipi Lev.

Die Polizei ermittelt gegen P. wegen gefährlicher Körperverletzung und politisch motivierter Beleidigung. Die Ermittlungen laufen, der 20-Jährige ist noch nicht vernommen worden. In Laucha gilt er als Rechter. Schon zweimal fiel er nach Polizeiangaben auf wegen Propagandadelikten, die Verfahren wurden eingestellt.

Opa starb bei Olympiaattentat

Die Freunde von Tsipi Lev und Olaf Osteroth in Israel wissen noch nichts von dem Überfall. "Sie würden uns sofort raten, die Koffer zu packen", sagt Lev. "Jedes Mal, wenn wir in Israel sind, ist die erste Frage: Was machen die Rechten?" Schon als sie beschlossen hatte, nach Deutschland zu gehen, war die Familie ihres Ex-Mannes skeptisch: Ihr geht nach Nazi-Land, hieß es. Der Vater ihres Ex-Mannes war einer der Trainer der israelischen Olympia-Mannschaft 1972 in München, er starb bei der gescheiterten Geiselbefreiung. "Aus Sicht seiner Familie war das ein Versagen der deutschen Behörden", sagt Osteroth.

Nach dem Überfall hat Tsipi Lev zuerst gedacht: "Wir müssen hier weg." Sie schlief schlecht. Sie hatte Angst um ihren Sohn. Die hat sie noch. Der 17-Jährige dagegen sagt, für ihn sei alles wie vorher. Und als der Täter ihn angriff? "Da ging alles so schnell, da hatte ich gar keine Zeit Angst zu haben." Für seine Mutter steht mittlerweile fest: "Wir werden bleiben." Jetzt erst recht. Nach dem, was Nazi-Deutschland den Juden angetan habe, könne es nicht sein, dass sich die dritte jüdische Generation in diesem Land nicht frei bewegen könne, sagt Tsipi Lev. Sie erzählt von ihrem Vater, dem kleinen Jungen aus dem Ghetto, der 1998 mit 69 Jahren starb: "Er hat mich gelehrt, nicht zu hassen und nicht Rache zu üben. Und aufzupassen, dass so etwas nie wieder passiert." Es ist sein Vermächtnis.

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