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Russland Zehntausende gegen den Kreml

1. UpdateIn russischen Großstädten gehen Bürger gegen Korruption und die Regierung auf die Straße. 700 Menschen werden festgenommen.

Russland
Der russische Staat geht gegen seine Bürger vor. Foto: dpa

Es beginnt mit Wortgefechten. „Ihr verteidigt Diebe!“, ein junger Mann in einem grauen Wollmantel und einem weiß-blau-roten Schal redet auf einen behelmten Einsatzpolizisten ein. „Geh arbeiten!“, kontert der. „Ich arbeite.“ „Wir tun auch nur unsere Arbeit.“ „Diese Gauner haben ganz Russland ausgeraubt. Die durchschnittliche Lebenserwartung der russischen Männer liegt bei 58 Jahren. Und du bist bestimmt 35.“ Das Streitgespräch im Zentrum Moskaus wird unterbrochen, sieben schwarz Uniformierte drängen in die Menge, überwältigen einen jungen Mann und schleppen ihn in den nächsten Polizeibus. „Schande, Schande!“, skandiert die Menge.

In ganz Russland demonstrierten gestern Zehntausende Menschen gegen das Regime Wladimir Putins. Der Oppositionspolitiker Aleksej Nawalny, der bei den Präsidentschaftswahlen 2018 kandidieren will, hatte landesweit zu Kundgebungen gegen die Korruption aufgerufen. Nawalny selbst wurde in Moskau eine halbe Stunde nach Beginn einer nicht genehmigten Demonstration auf der Twerskaja Uliza, der zentralen Straße Moskaus, festgenommen. Hunderten anderen Demonstranten im ganzen Land erging es genauso. In Moskau meldete die Polizei bis zum Abend 700 Festnahmen.

In Nowosibirsk versammelten sich nach Angaben des Nawalny-Büros 5000 Menschen, die staatliche Agentur Inferfax meldete 1500 Menschen. Auch in St. Petersburg, Kasan, Jekaterinburg, Perm, Tscheljabinsk und Irkutsk ging die Zahl der Demonstranten nach Angaben örtlicher Medien in die Tausende, in Moskau meldete die Polizei 7000 bis 8000 Teilnehmer. „Dann werden es wohl wieder dreimal so viele gewesen sein“, scherzte später eine ältere Demonstrantin.

„Nawalny mobilisiert“

„In Städten wie Ufa hat es nie größere Demonstrationen gegeben, jetzt sind auch dort Tausende Menschen auf die Straße gegangen“, sagte der Oppositionspolitiker Sergej Dawidis der Frankfurter Rundschau. „Außerdem waren ganz neue Leute auf der Straße, sehr junge Leute. Es ist Nawalny offenbar gelungen, eine neue Generation zu mobilisieren.“

Nach Ansicht anderer Beobachter war es ein Fehler, die Demonstration in Moskau zu verbieten. Auch ohne den festgenommenen Nawalny ließ sich die Menge auf dem Puschkin-Platz im Zentrum der Stadt stundenlang nicht verdrängen, trotz der Drohung der Polizei mit „Spezialmaßnahmen“.

Obwohl die Polizisten wiederholt Gummiknüppel einsetzten, versuchten die Demonstranten mehrfach, festgenommene Kameraden zu befreien. „Wir protestieren hier nicht nur gegen Korruption, sondern gegen das gesamte politische System Putins“, sagte der 24-jährige IT-Fachmann Sergej der FR.

Gegen 16.20 Uhr Ortszeit drängten Polizisten die Demonstranten vom Moskauer Puschkin-Platz ab. Dabei soll Tränengas eingesetzt worden sein. Ordnungskräfte und Demonstranten werfen sich gegenseitig vor, diese geworfen zu haben. Der Staatssender NTW zeigte in den 16-Uhr-Nachrichten, wie Polizeikräfte Kundgebungen in den USA und im Jemen gewaltsam auflösen. (mit afp)

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