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Russland und der Fall Skripal Alte Regeln gelten nicht mehr

In Russland mischt sich in den Ärger über die Vorwürfe wegen des Mordversuchs am Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in England Genugtuung über das Schicksal der Opfer.

Fall Skripal
Jeder Flecken kann verseucht sein: Die Polizei schirmt die Autosammelstelle im Norton Enterprise Park ab, zu der Sergej Skripals Wagen abgeschleppt wurde. Foto: dpa

Vor einiger Zeit wurde Wladimir Putin gefragt, ob er verzeihen könne. „Ja“, antwortete der russische Präsident. „Aber nicht alles.“ Und was verzeihe er nicht? „Verrat.“ Worte, die jetzt in London häufig zitiert werden.

Russlands Verhältnis zu Großbritannien ist wieder mal vergiftet. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der ehemalige russische Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter wurden Anfang des Monats bei einem Nervengiftanschlag im englischen Salisbury schwer verletzt. Mit dem in Russland entwickelten Kampfstoff Nowitschok, wie die britischen Ermittler herausgefunden haben.

Premierministerin Theresa May gab die Schuld Russland, ließ Diplomaten der Londoner Botschaft ausweisen, kündigte verschärfte Zollkontrollen gegenüber Russen und ihren Privatflugzeugen an, das Einfrieren verdächtiger russischer Konten, außerdem geheime Strafmaßnahmen.

Russlands Außenminister Sergei Lawrow konterte am Donnerstag, man werde in Kürze britische Diplomaten nach Hause schicken. Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete die britischen Vorwürfe als halt- und verantwortungslos, sie verstießen gegen internationales Recht. Und der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja forderte die Briten auf, sie sollten sich an die Konvention über das Verbot von Chemiewaffen halten und Russland Proben des gefundenes Giftes für eine gemeinsame Untersuchung zur Verfügung stellen. Er behauptet, in Russland sei niemals ein chemischer Kampfstoff mit der Bezeichnung „Nowitschok“ entwickelt worden.

Hat Russland das Nervengift Nowitschok - oder nicht?

Allerdings erwähnten die russischen Chemiker Wil Mirsajanow und Lew Fedorow das nervenlähmende Gift schon 1992 in einem Artikel in der Zeitung „Moskwoskije Nowosti“. Der daraus gewonnene Kampfstoff sei 1991 in die Massenproduktion gegangen und Anfang 1992 auf einem chemischen Versuchsfeld in Usbekistan getestet worden.

Der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin verweist gegenüber der FR darauf, dass Russland die letzten Bestände seines einst 40.000 Tonnen umfassenden Chemiewaffenarsenals Ende September 2017 vernichtet habe, unter Aufsicht der internationalen Organisation für das Verbot chemischer Waffen. Litowkin schließt nicht aus, dass sich in russischen Laboratorien noch kleine Mengen der Giftgruppe Nowitschok befinden. „Aber die Formel des Kampfstoffes ist im Internet frei zugänglich. Jedes gut ausgerüstete Labor mit professionellen Chemikern kann den Kampfstoff herstellen. Auch im Ausland.“

In Großbritannien wird jetzt viel von russischer Rachsucht gesprochen. Und von ihren mutmaßlichen Opfern: Der Londoner Anwalt Stephen Curtis, der 2004 bei einem Hubschrauberabsturz umkam, arbeitete zuvor für den Putin-Gegner Michail Chodorkowski. Der russische Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko, der Putin aus seinem Londoner Exil Beteiligung an Massenmorden und Pädophilie vorgeworfen hatte, wurde 2006 mit hochradioaktivem Polonium im Tee vergiftet. Der russische Ex-Oligarch Boris Beresowski, der als Geldgeber Litwinenkos galt, wurde erdrosselt in seinem Haus in Ascot gefunden; bis heute ist unklar, ob er Suizid beging oder getötet wurde. Oder der Kreml-Kritiker Alexander Perepilitschni, der 2012 in Surrey nach dem Joggen an einem Pflanzengift starb.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Russland

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