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Russland Superstar Putin - der Überrusse

Trotz wachsender wirtschaftlicher Probleme schlägt die Popularitätsrate von Kreml-Chef Wladimir Putins alle Rekorde. 88 Prozent der Bevölkerung unterstützten seine Politik, mehr als je zuvor.

Alle leiben Wladimir Putin. Er ist überall und allgegenwärtig. Foto: rtr

Die Bewunderung der Russen für Wladimir Putin verschlägt einem manchmal die Sprache. „Unser verehrter Genosse Präsident“, ruft selbst ein Fernfahrer, der bis zum Letzten gegen die neuen Mautpläne der Regierung streiken will, „wir lieben ihn alle, wir lieben ihn so, dass wir es nicht mehr mit Worten ausdrücken können.“ Trotz der Wirtschaftskrise, die die Russen immer schmerzhafter zu spüren bekommen, steigt Putins Popularitätsrate weiter. Das staatliche Meinungsforschungsinstitut WZIOM meldete Ende November, 88 Prozent der Bevölkerung unterstützten seine Politik, mehr als je zuvor.

Auch die angekündigte Erhöhung des Rentenalters, wachsende Steuern und die Sperrung der Türkei für Urlauber ändern daran nichts. „Die Naturgesetze haben keine Macht über Putin“, kommentiert WZIOM-Chef Waleri Fjodorow. Der Staatschef ist zur Identifikationsfigur Russlands geworden, ein politischer und moralischer Superstar ohne jede Alternative.

Eine hochprozentige Verehrung

Es gilt als sicher, dass der 63-Jährige, seit 1999 an der Macht, 2018 wieder für sechs Jahre zum Präsident gewählt wird. Was seinen Anhängern schon lange nicht mehr reicht. Bereits 2001 nannte ihn seine Leibwache neurussisch „Leader“, der Anglizismus ist auch in der Öffentlichkeit dem russischen „Woschd“ gewichen. Das Wort wurde einst für Jossif Stalin verwandt und bedeutet auf Deutsch „Führer“. Der staatliche Radiosender Komsomolskaja Pravda strahlt seit Monaten jeden Samstag die Sendung „Führer“ aus.

„Ja, das ist Propaganda, Freunde!“, ruft der Moderator mit einer Stimme, die an das Hollywoodmonster Shrek erinnert. „Aber es ist die Propaganda eines prächtigen, reinen Gefühls…“, dann übernimmt seine junge Kollegin, “…das Gefühl der Liebe zu Wladimir Wladimirowitsch, unserem Führer.“ Studiogäste, Jungunternehmer, Schriftsteller oder Regionalabgeordnete sowie anrufende Zuhörer erklären, warum sie Putin mögen, verehren oder vergöttern. Moderatoren und Publikum versichern sich gegenseitig, „dass Putin Russland aus der Müllgrube geholt hat“, auch im Westen immer beliebt wird, dass „so ein Mann nur alle hundert Jahre geboren wird.“

Es gibt auch kritische Anrufer, die Korruption und wirtschaftliche Probleme beklagen. Aber wer versucht, über Putins Truppen in der Ostukraine zu reden, wird rasch mit einer Werbepause abgewürgt. Dafür tadeln ältere Anrufer oder die junge Moderatorin sanft, Putin sei vielleicht etwas zu tolerant, man müsse die Todesstrafe wieder einführen.

Andere verlangen noch höhere Weihen für den Führer. Zu Putins 63. Geburtstag verkündet der Starschauspieler Iwan Ochlobistin, es sei an der Zeit, die Verfassung zu ändern, um Wladimir Putin zum russischen Monarchen zu wählen. Gennadi Chasanow, Moskauer Theaterdirektor und Putins Vertrauensmann bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen, will ihm zum gleichen Anlass eine Kopie der Zarenkrone reichen. Putin lehnt ab, laut Staatsmedien feiert er seinen Geburtstag in aller Bescheidenheit. Unter anderem mit einem Hockeyspiel in Sotschi, gegen sowjetische Altstars, die ihm einen 8:2 Sieg schenken und ein Ölporträt des Künstlers Nikas Safronow: Putin in der Kluft der Sbornaja. Der Salut dazu: Vier Kriegsschiffe der Kaspischen Flotte schießen 26 Raketensalven auf IS-Stellungen in Syrien ab…

Zu Beginn seiner politischen Karriere hätten viele Beobachter Putins Aufstieg zum Überrussen für unmöglich gehalten. „Als ich ihn das erste Mal sah“, erinnert sich der Politologe Andrei Nowikow, „hielt ich ihn für seinen eigenen Leibwächter.“ Ein farbloser KGB-Mann. Aber ein KGB-Mann, ein Vertreter des meist gefürchteten Staatsorgans der Sowjetunion. Putin hat dieses Image gründlich bestätigt, weder mit kritischen Medien noch mit Oppositionsparteien oder den tschetschenischen Rebellen lang gefackelt. Der Masse der Russen, die enttäuscht von Demokratie und Freiheit waren und sich nach der Sowjetunion mit ihren klaren Verhältnissen zurücksehnten, imponierte das mächtig.

„Wir haben den Mann mit dem Gewehr schon immer geliebt“, klagt Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch. Putin bietet den Russen das Gefühl sowjetischen Heroismus und gleichzeitig westlichen Konsum. „Er ist zum Symbol der nationalen Souveränität geworden, er steht über der Politik“, sagt der kremlnahe Publizist Boris Meschujew. Das Problem sei, dass Putins Dominanz auch in den unteren Etagen des Systems jede Konkurrenz ersticke. „Eine Monarchie würde Sinn machen, mit Putin als ständigem und der Regierung als austauschbarem Teil, dessen Zusammensetzung vom Kräfteverhältnis in der Staatsduma abhängt.“ Der kritische Politologe Juri Korgonjuk aber glaubt, das Regime berausche sich inzwischen am Putinkult wie an Alkohol. „Diesem Kult droht das gleiche Schicksal wie einst der Sowjetideologie: Noch zwei Jahre Wirtschaftskrise und die Russen hören auf, daran zu glauben.“

Vorerst aber wird die Verehrung noch hochprozentiger. Ende Oktober veröffentlichen Aktivisten des „Nationalkomitees plus 60“, eine Erklärung, auf Bitten zahlreicher orthodoxer Gläubigen müsse man Putin im Eilverfahren heilig sprechen. „Es ist ja kein Geheimnis, dass er die titanischen Kräfte, mit der er die Heimat schützt, von Gott erhält.“ Der orthodoxe Aktionist Dmitri Enteo spricht Putin schon göttliche Züge zu. „Wenn Wadimir Putin Kraniche rettet oder in den Tiefen des Meeres nach Amphoren taucht, kommt Gott über ihn und bleibt als Gabe der Gnade in ihm, während der Präsident für uns denkt oder betet.“ Je höher sich Putins Mythos aufschwingt, um so tiefer öffnet sich darunter ein Abgrund aus Peinlichkeit.

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