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Russland „Hitler 1945. Nawalny 2018“

Die russische Staatspropaganda bläst zum Angriff auf den Antikorruptionsblogger Alexej Nawalny. Ob ein bizarres Youtube-Video den gewünschten Effekt erzielt, ist unklar.

Alexej Nawalny
Alexej Nawalny (links) entwickelt sich offenbar zu einem ernst zu nehmenden Problem für die russische Staatsmacht. Foto: rtr

Am Ende steht Alexej Nawalny in Hitlers Uniform in einem Spalier aus SS-Männern mit Hakenkreuzstandarten und hebt den ausgestreckten rechten Arm. Nawalnys Gesicht verwandelt sich in einen Totenkopf. „Er schmiedet Pläne mit Leuten, die Hitler als ihren Lehrmeister betrachten“, rattert eine Männerstimme. „Er weiß nicht, dass er schon erledigt ist. Weil eine politische Leiche zerfällt, sobald sie den Arm zum Nazi-Gruß erhebt.“

Die Staatspropaganda bläst zur Attacke gegen Alexej Nawalny. Am Mittwoch erschien auf Youtube das gut vier Minuten lange Video „Hitler 1945. Nawalny 2018 – Wir können es wiederholen.“ Es stellt den Anti-Korruptionsblogger Nawalny, der kommenden März bei den Präsidentschaftswahlen gegen Wladimir Putin antreten will, immer wieder in die Nähe Hitlers. Am gleichen Tag wurde ein anderer Anti-Nawalny-Clip vor Studenten in der Staatsuniversität der Provinzhauptstadt Wladimir gezeigt. Er verweist auf zwei Bewährungsstrafen gegen Nawalny als mutmaßlichen Betrüger und vergleicht ihn wieder mit Hitler. Kommunistenführer Gennadi Sjuganow beklagte in der Staatsduma, die Gesellschaft sei tief gespalten, schon tauche ein neuer „Führer“ auf – und verwandte das deutsche Wort. Beobachter glauben, es sei auf Nawalny gemünzt. Zuvor hatte TV Doschd berichtet, im Kreml habe man eine Arbeitsgruppe gegründet, um Nawalny politisch gezielt zu bekämpfen.

Nach der Videoshow in der Wladimirer Universität trat die Leiterin der regionalen Einrichtung „zur Prävention von Extremismus unter Jugendlichen“ auf. Gegen Russland werde ein hybrider Informationskrieg geführt, erklärte sie, dessen Strategie vor allem auf die Jugend ziele. Man müsse „farbige Revolutionen“ wie in der Ukraine vermeiden. Ihre jungen Zuhörer sollten vor allem an ihre Sicherheit denken, anderseits könnten sie in „schwierige Lebenssituationen“ geraten. Aber sie hatte keine Antwort auf die Fragen der Studenten, warum Nawalny mit Hitler verglichen werde, warum man keinen Film zeige, der Nawalnys Standpunkt wiedergebe. Der hatte vor einigen Wochen einen Film über die Reichtümer von Premier Dmitri Medwedew veröffentlicht. Und dann zu einer Antikorruptionskundgebung aufgerufen, zu der am 26. März in ganz Russland Zehntausende zusammenkamen. Darunter Tausende Jugendliche und Studierende.

Die Wirkung der neuen Anti-Nawalny-Propaganda auf diese Gruppe ist umstritten. „Solche Videos gehen am Ziel vorbei, sie wirken vielleicht auf Omas, die nur Fernsehen schauen, die Jugend sucht sich alternative Informationen im Internet,“ sagt der Moskauer Politologe Juri Korgonjuk. „Und sie spricht dieselbe Sprache wie Nawalny in seinen Videoblogs“. Dabei hängen in Nawalnys Schrank durchaus rechtsradikale Skelette. So ein Video von 2011, in dem er rät, Insekten mit Fliegenklatschen, mutmaßliche kaukasische Islamisten aber mit Pistolen zu bekämpfen. Doch der Hitler-Nawalny-Film spielt nur unverständlich darauf an. „Nawalny wird darin so plump dämonisiert“, sagt der Oppositionsaktivist Semjon Kotschkin, „dass selbst seine Gegner hinterher das Gefühl haben, er müsse doch ein guter Mann sein.“ Tatsächlich kam der Clip im Internet bisher nicht recht an. Bis gestern Abend klickten ihn auf Youtube zwar gut 1,5 Millionen Nutzer an, aber keine 12 000 versahen ihn mit einem Like, knapp 120 000 jedoch mit dem Daumen-nach-unten-Symbol.

In Krasnodar stürmten gestern Männer in Kosakenuniformen das Wahlkampfbüro Nawalnys, bewarfen dessen Anhänger mit Eiern und Mehlbeuteln, gingen mit Fäusten und Stühlen auf sie los. Einige kremltreue Kräfte setzen weiter auf althergebrachte und völlig unkreative Methoden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Russland

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